Berlin nach dem 0:0 in Not - "Fragt doch unsere blinden Stürmer!" 

Weil Hertha beste Chancen vergibt und weiter zittern muss, liegen die Nerven blank bei den Berlinern.

Von Javier Cáceres, Berlin

Es ist nicht gerade viel, was der Fußball-Bundesligist Hertha BSC Berlin in der abgelaufenen Spielzeit seinen Fans geliefert hat. Die großen Emotionen dieses Sports haben die Berliner Fußballer bei ihren Anhängern nicht geweckt - den Ärger über fußballerisches Stückwerk mal ausgenommen. So gesehen bleibt sich die Hertha zum Saisonausklang nur treu. Keine heldenhafte Rettung, keine peinigenden Dramen, keine Tränen, kein Theater gab es gegen die Frankfurter Eintracht, dafür aber viel Unsicherheit und Unzufriedenheit.

Denn am vorletzten Spieltag wahrte die Hertha durch ein 0:0 gegen die überaus uninspirierte Eintracht eine theoretische Chance auf den Abstieg. Dazu müsste es am letzten Spieltag zu einer nicht völlig abwegigen Ergebniskarambolage kommen. Stuttgart müsste in Paderborn siegen, Hannover und Freiburg unentschieden spielen - und die Hertha mit mehr als zwei Toren in Hoffenheim verlieren. Auch vor diesem Hintergrund sagte Herthas Kapitän Fabian Lustenberger: "Wir haben heute zwei Punkte verloren."

Im Eins-gegen-Eins gegen den Torhüter unterlegen: Salomon Kalou (r.) hätte der Hertha den Klassenerhalt sichern können - er scheiterte kläglich.

(Foto: Matthias Kern/Getty Images)

Eine überaus bemerkenswerte Verantwortung trug dafür ausgerechnet der Stareinkauf des vergangenen Sommers, der Stürmer Salomon Kalou. In der 53. Minute hatte er, der von der Berliner Presse als ehemaliger Champions-League-Sieger und vormaliger Chelsea-Stürmer immer wieder überhöht wird, die unverbesserliche Chance, Hertha (mutmaßlich uneinholbar) mit 1:0 in Führung zu bringen. Frankfurts Verteidiger Aleksandar Ignjovski hatte den Ball in absurder Weise verstolpert, doch Kalou vergab in noch absurderer Weise. Er lief allein auf Torwart Kevin Trapp zu - und lupfte ihm den Ball in den Arm.

Preetz schimpft: "So ein Geschenk muss man annehmen!"

Einen derartigen Kürauftritt hätte er sich "vielleicht bei einem Spielstand von 4:0" erlaubt, monierte Herthas Manager Michael Preetz, der früher mal ein technisch zwar nicht sonderlich feiner, aber durchaus erfolgreicher Bundesliga-Stürmer war: "Das hätte man seriös abschließen müssen; das war ein Geschenk der Frankfurter, das man hätte annehmen müssen." Auch bei Herthas Trainer Pal Dardai schwang der Vorwurf der Leichtfertigkeit mit. Er werde mit Kalou noch sprechen, ob er die Lage richtig eingeschätzt habe. Zumal der Ivorer schon vor der Pause zwei gute Chancen vergeben hatte (25. und 39.) - wie übrigens auch der Japaner Genki Haraguchi in der 80. Minute.

Schema & Statistik

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Und so lagen nach dem Abpiff die Nerven blank bei den Berlinern. Nach Gründen für das schlechte Spiel und die immer noch gefährliche Situation im Kampf um den Klasenerhalt gefragt, ließ Hertha-Torwart Thomas Kraft die Reporter mit einem wenig kollegialen Halbsatz stehen: "Fragt doch unsere blinden Stürmer!" Eine Mitspielerschelte, die in Berlin vermutlich noch ein paar Tage Thema sein dürfte.

Wenigstens mit ihrer Defensivarbeit durften sie zufrieden sein. Sie hat sich unter Pal Dardai, der sich seit Freitag endlich auch offiziell Fußball-Lehrer nennen darf, tatsächlich stabilisiert. Die Menschen, die das Spiel offiziell vermessen, schrieben den Frankfurtern in 90 Minuten einen einzigen Torschuss zu, Marc Stendera setzte ihn neben das Tor. Das hört sich gut an, aber zu echter Zufriedenheit gibt es eben doch keinen Anlass: Trotz der besseren Verteidigung befindet sich die Hertha ja am Saisonende wieder in Abstiegsgefahr.

Die Berliner sind nun schon seit sechs Spielen ohne Sieg, die daraus erwachsende Nervosität war den Berlinern nachgerade körperlich anzumerken. Nur das Publikum verspürt keinen rechten Thrill, obwohl in den vergangenen Tagen Tausende Freikarten unters Volk gebracht wurden, war das Olympiastadion nicht voll. Lediglich 60 000 Zuschauer fanden den Weg in die Stätte, die bald eine reich ausstaffierte Bühne sein wird für die Finalpartien zweier großer Wettbewerbe: DFB-Pokal und Champions League. Es besteht also doch noch Hoffnung auf veritable Fußballfeste in der Bundeshauptstadt. "Wir brauchen jetzt noch einen Punkt in Hoffenheim", sagte Dardai. Ansonsten droht die Relegation. Und theoretisch könnten ja auch die Hamburger noch an den Berlinern vorbeiziehen. Doch dafür müssten sie bei einer Tordifferenz von minus 27 gleich zwölf Tore auf Hertha (minus 15) gut machen. Zumindest das dürfte den Fans erspart bleiben.