Berlin Auf den Spuren von Aílton und Chapuisat

Herthas Kapitän Vedad Ibisevic erzielt gegen Mainz 05 sein 100. Bundesligator - demnächst soll er seinen Vertrag verlängern.

Von JAVIER CÁCERES, Berlin

Die Kälte in Berlin war am Montagmorgen schneidend, doch der Himmel über der Stadt hinreichend blau, um zu Aktivitäten einzuladen, die mit Arbeit im herkömmlichen Sinne weniger zu tun haben. Und wer weiß, vielleicht erklärte das, warum das so genannte Auslaufen der Profis von Hertha BSC, eine Fron namens "aktive Erholung" also, überaus kurz ausfiel. Ein paar hundert Meter trabten sie nur, um die Muskeln nach dem 2:1-Heimsieg vom Sonntagabend gegen Mainz 05 zu lockern, dann visierten sie schon den Kabinentrakt an. Beziehungsweise den Medienraum: jedenfalls im Falle des Stürmers Vedad Ibisevic, 32, der gegen Mainz den 100. Bundesligatreffer seiner Karriere erzielt hatte.

"Er ist ein exzellenter Stürmer", sagt Kalou. "Und ein guter Typ."

Jedes Tor verschaffe ihm "ein Supergefühl", sagte Ibisevic, doch das Hundertste sei "schon ein bisschen besonders" gewesen, fügte er hinzu. Nicht, dass es besonders kunstvoll komponiert gewesen wäre, im Gegenteil: Herthas ivorischer Offensivspieler Salomon Kalou hatte einen abgefälschten Ball per Kopf von der Grundlinie an den Fünfmeterraum bugsiert, und dort schoss Ibisevic den Mainzer Tormann Jonas Lössl an. Doch weil es bei Ibisevic zurzeit läuft - er ist mit acht Treffern drittbester Bundesligaschütze -, sprang der Abpraller von seinem Knie ins Tor der Mainzer (67. Minute). Zuvor hatte Ibisevic nach der überraschenden Führung durch den Mainzer Debütanten Aaron Seydel (25.) bereits das 1:1 erzielt (36.). Auch diesem Treffer ging ein Assist von Kalou voraus.

"Er hat das verdient", sagte der Ivorer zum 100. Tor des Kollegen und wiederholte sich ausdauernd und gern. "Er hat es wirklich verdient."

Diese Generosität war insofern bemerkenswert, als sowohl Kalou wie auch Ibisevic der Spezies Torjäger angehören, die es schon mal an Kollegialität vermissen lassen. "Wir beide wissen, dass wir umso mehr Spiele gewinnen werden, je besser unsere Partnerschaft funktioniert. Wir haben ein gutes Verständnis füreinander. Ich weiß, wo er den Ball hinhaben will", sagte Kalou - und war auch sonst voll des Lobes über Ibisevic: "Er ist ein exzellenter Stürmer, der sich clever bewegt, der mit dem Kopf, mit links und mit rechts trifft - und ein wirklich guter Typ."

Kurios ist diese Zuneigung auch deshalb, weil Kalou und Ibisevic gut zu Konkurrenten um einen neuen Vertrag stilisiert werden könnten. Doch ein solcher Konkurrenzkampf ist dann doch nicht wirklich in Fahrt gekommen. Am Montagabend verkündete Manager Michael Preetz auf der Jahreshauptversammlung, dass der Vertrag mit Ibisevic um zwei Jahre bis 2019 verlängert wurde. Zuvor schon war bekannt geworden, dass Hertha einen "strategisch begründeten" Fehlbetrag von 7,8 Millionen Euro aufweisen würde, weil man den Marktwert des Teams nur mit 13,8 Millionen Euro ansetzte und auf Transfereinnahmen verzichten wolle. Das Team solle nicht auseinandergerissen werden, "wir wollen uns oben einnisten", sagte Preetz. Zurzeit kommt allerdings noch der VfB Stuttgart, bis 2015 Ibisevics Arbeitgeber, für mehr als die Hälfte des Jahressalärs auf, insgesamt angeblich rund drei Millionen Euro. Es ist, wenn man so will, die generöseste Berlin-Hilfe seit den Rosinenbombern der Amis im Kalten Krieg (nur dass die Amis damals im Gegensatz zu den Stuttgartern etwas davon hatten). Für Ibisevic waren durchaus auch finanziell lukrative Destinationen wie China oder die US-Liga in Betracht gekommen, doch da hatte schon Herthas Trainer Pal Dardai klargestellt, Ibisevic solle trotz seines Alters die Bundesliga ruhig noch länger genießen, ehe er sich aufs Geldverdienen konzentriere.

Die Saison für Hertha läuft auch dank ihm gut, die Berliner sind Tabellendritter. Man dürfe sich davon nicht täuschen lassen, mahnt Ibisevic, im vergangenen Jahr sei man ähnlich in die Saison gestartet und später eingebrochen. Zudem sei die Gefechtslage diesmal noch komplizierter, weil Überraschungsteams wie RB Leipzig, TSG 1899 Hoffenheim, der 1. FC Köln sowie Eintracht Frankfurt den Kampf um die Plätze im oberen Tabellendrittel noch härter gestalten. Umso einfacher fällt es Ibisevic, Fragen nach den beiden einzigen Mannschaften abzutun, die vor der Hertha liegen: RB Leipzig sowie Bayern München. "Wir sind gar keine Jäger. Wir spielen unsere Spiele nacheinander durch", sagte Ibisevic.

Die nächste Hertha-Partie allerdings wird ohne ihn stattfinden, nach seinen beiden Toren wurde er mit einer gelb-roten Karte vom Platz gestellt, das Spiel in Wolfsburg wird er gesperrt verpassen. Damit dürfte sich Vedad Ibisevics Jagd auf die noch besser platzierten ausländischen Torjäger zumindest um eine Woche verzögern: Der Brasilianer Aílton und Stephane Chapuisat liegen mit 106 Treffern - noch - vor ihm.