Reinhold Messner "Stolz darauf, dass ich viele Tabus gebrochen habe"

Gipfeltreffen: Reinhold Messner besucht Joachim Löw und die Nationalmannschaft im Trainingslager 2010 in Südtirol.

(Foto: Bernd Weissbrod/dpa)

Der Bergsteiger Reinhold Messner über sein prägendstes Erlebnis in den Bergen, den Sportunterricht in der Schule und die Frage: FC Bayern oder TSV 1860?

Interview von Johannes Schnitzler

Unter der Rubrik "Formsache" fragt die SZ jede Woche Menschen nach ihrer Affinität zum Sport. Künstler, Politiker, Wirtschaftskapitäne - bloß keine Sportler, zumindest nicht im engeren Sinne. Wäre ja langweilig. Diesmal hat Bergsteiger Reinhold Messner geantwortet.

SZ: Sport ist ...

Reinhold Messner: ... eine körperliche Tätigkeit, die messbar ist und in der Auseinandersetzung zwischen einzelnen Sportlern stattfindet.

Ihr aktueller Fitnesszustand?

Im Moment bin ich in meinem typischen Frühlingsfitnesszustand. Januar, Februar, März war ich auf Vortragsreise. Eigentlich bin ich recht zufrieden. Bis Juni fahre ich in den Himalaja, um einen kleineren Berg zu besteigen. Bis dahin werde ich hoffentlich fit sein.

Felgaufschwung oder Einkehrschwung?

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Einkehrschwung ist mir recht. Ich liebe es, da und dort in einer Berghütte einzukehren. Felgaufschwung? Keine Ahnung, was das sein soll.

Sportunterricht war für Sie?

Sportunterricht hatten wir erst in der Mittelschule, Oberschule. In der Volksschule nicht. Da haben wir einfach gespielt auf den Höfen. Ich bin beim Sportunterricht - immer mit Erlaubnis des Lehrers - zum Laufen gegangen. Ich habe den Sportunterricht an der Oberschule in Bozen genutzt, um bergauf zu laufen, um mich für mein Tun, für das Klettern, für das Bergsteigen zu trainieren. Ich habe gemerkt, dass ich für diese großen Alpentouren mehr Kondition brauche, dass ich das nur schaffe, wenn ich ganz steil bergauf laufe, auf Zehenspitzen, um mich für das Steigeisengehen zu trainieren. Und natürlich für Herz und Lunge.

Ihr persönlicher Rekord?

Meine Rekorde sind keine Rekorde. Das wird nur von außen so gesehen. Eine Achttausender-Besteigung ist kein Rekord. Das ist nur eine Möglichkeit. Ich habe die Möglichkeit, weil diese Berge da sind, diese Berge raufzusteigen. Ich bin nie gegen andere gelaufen, gestiegen, geklettert. Im Gegenteil. Viele Tote am Berg sind zu beklagen, weil sie in Konkurrenz mit jemandem waren. Aber für mich selber habe ich Zeiten geprüft. Nicht beim Bergsteigen, sondern beim Training. Meine beste Zeit, 1000 Höhenmeter zu rennen, waren 35 Minuten, auf ganz steiler Strecke. Das war für mich ein Test: Wenn ich das schaffe, bin ich in absoluter Hochform. Ich bin natürlich stolz darauf, dass ich viele Tabus gebrochen habe. Also, Everest ohne Sauerstoffmaske war tabu. Die Medizin hat gesagt, das geht nicht. Alleine auf einen Achttausender zu gehen, ist gar niemandem eingefallen. Alle 14 Achttausender oder die kühnste Sache, die Doppelüberschreitung über zwei Bergen hinweg - diese Tabus sind alle von mir gebrochen worden. Aber ich sehe das immer als Abenteuer. Das heißt, ich habe eine Herausforderung vor mir, muss eine Logistik erarbeiten, trainieren, brauche den bestmöglichen Partner, und dann versucht man das. So etwas ist immer Versuch und Irrtum. Ab und zu gebe ich auf, weil es zu gefährlich wird, das Wetter nicht passt oder die Ausrüstung. Die Kunst des Bergsteigens ist es nur, nicht umzukommen dabei. Ich bin relativ erfolgreich geworden, weil die Besseren umgekommen sind, nicht weil ich besonders gut war. Es gab Bessere als mich.

Stadion oder Fernsehsportler?

Ich habe ein oder zwei Fußballspiele im Stadion gesehen und kenne ein paar ehemalige Spieler, Breitner, Beckenbauer und so weiter. Dann und wann sehe ich auch noch ein Spiel. Ich sehe mir gerne Leichtathletik an, die langen Strecken, weil ich selber eine Zeitlang gelaufen bin. Aber ich hänge jetzt nicht unbedingt am Fernseher, weil ein wichtiges Fußballspiel läuft. Ich habe jetzt zufällig das Spiel der Deutschen gegen Holland gesehen, aus Neugierde, wie diese jungen Leute jetzt sind. Das war schön anzuschauen.

Bayern oder Sechzig?

Ich kann nicht sagen, dass ich Bayern-Fan bin. Aber nachdem ich einige kenne und ich das gut finde, wie sie das Ganze managen - das ist auch wirtschaftlich ein erfolgreicher Betrieb - und dass die emeritierten Fußballer das machen, finde ich eigentlich ganz gut. Weil sie damit zeigen: Sie konnten nicht nur Fußball spielen.

Ihr ewiges Sport-Idol?

Reinhold Messner, 74, Südtiroler, hat als Erster alle 14 Achttausender ohne Flaschensauerstoff bestiegen. Derzeit bereitet sich er sich in München auf eine „kleinere Geschichte“ vor – einen 6000-er. Bergsteigen, sagt er, sei kein Sport, sondern Philosophie: „Das gehört ins Feuilleton.“

(Foto: DPA)

Das ist ganz schwierig zu sagen. Ich habe im Grunde kein Sportidol. Aus meiner Welt gibt es eine Handvoll Alpinisten, die das Bergsteigen wesentlich beeinflusst haben. Und dabei ist die geistige Auseinandersetzung wichtiger als die körperliche. Meine Nummer eins ist eindeutig Paul Preuß. Ein Wiener Jude, 1913 abgestürzt, der später aus der Alpingeschichte herausinterpretiert wurde. Den hat man vergessen lassen wollen. In München hat er seinen zweiten Doktor gemacht. 1911 hat er einen Aufsatz geschrieben über künstliche Hilfsmittel auf Hochtouren: Das ist hohe Philosophie! Alle guten Bergsteiger haben ihm widersprochen, in Artikeln, in Leserbriefen. Er hat sie nach München eingeladen, aus Wien, aus Südtirol, aus dem Trentino. Und als sie heimgegangen sind, haben sie gesagt: Der hat recht. Ein sehr gescheiter Mann und ein glänzender Kletterer. Aber dann später auch Hermann Buhl, Walter Bonatti oder jetzt Alex Honnold ("Free Solo"). Was der im Yosemite Valley gemacht hat, das ist schon wieder eine Dimension, da muss ich sagen, da wird für den Laien das Ganze greifbar. Und wenn die Kameraleute dann sagen: "Nie mehr wieder, das kann man nicht verantworten", ist das auch eine positive Aussage.

Ein prägendes Erlebnis?

Ich hatte so viele! Aber mein prägendstes Erlebnis ist leider eine tragisch-dramatische Geschichte. Es ist die Tragödie am Nanga Parbat mit dem Tod meines Bruders (29. Juni 1970), mit den Erfrierungen, die ich erlitten habe, die natürlich nichts dagegen sind, aber die mich nahezu an den Tod brachten - und am gleichen Berg acht Jahre später, als es mir gelang, ohne nix über eine neue Route eine Alleinbegehung zu machen.

In welcher Disziplin wären Sie Olympiasieger?

Ich möchte es gar nicht sein. Antonio Samaranch (ehemaliger IOC-Präsident) hat ja Jerzy Kukuczka (polnischer Bergsteiger, 1948-89, der als Zweiter alle 14 Achttausender bestieg) und mir eine olympische Medaille angeboten. Ich habe sie abgelehnt, weil ich gesagt habe: Ich war nicht in Konkurrenz mit anderen, ich habe nicht einen Wettkampf gegen andere gewonnen, sondern ich bin für mich - natürlich auch als Storyteller - in die Berge gestiegen. Und auch, weil in den dreißiger Jahren, in der "heroischen" Zeit des Alpinismus, olympische Medaillen vergeben worden sind.

Mit welcher Sportlerin/welchem Sportler würden Sie gerne das Trikot tauschen?

Ich habe diese Trikots nie geliebt. Ich glaube, ich habe eines von den Bayern geschenkt gekriegt. Das habe ich dem Sohn einer rumänischen Familie geschenkt, die in unseren Museen die Hausmeisterarbeit macht. Der spielt Fußball mit Leib und Seele und hofft auf eine Profikarriere. Aber ich merke mehr und mehr, wenn ich mit ihm rede, wie brutal schwierig das ist. Wie viele Tausend allein im bayerischen Raum und in Südtirol darauf hoffen, dass sie Karriere machen können, für Kinder schon eine harte, harte Geschichte. Da hatte ich es viel leichter. Ich brauchte nur zu klettern und bin einfach gern geklettert. Ich musste mich nie irgendwo durchboxen, damit ich dann irgendwo erwähnt werde.

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