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Bergsteigen: Annapurna:Fragwürdiger Weltrekord

Als erste Frau der Welt hat Oh Eun Sun alle 14 Achttausender bestiegen. Die Leistungen der Südkoreanerin sind umstritten: Sie arbeitet mit künstlichem Sauerstoff, Fixseilen und Trägern.

Birgit Lutz-Temsch

Oh Eun Sun hat es also geschafft. Als erste Frau stand sie auf den Gipfeln aller Achttausender dieser Welt. Und weil in unserer oft so oberflächlichen Welt meistens nur Superlative zählen - das Größte, das Schnellste, das Erste -, wird es in der Geschichtsschreibung nun wohl für immer die Südkoreanerin sein, der diese Leistung zugerechnet wird. Das ist überaus bedauerlich, denn das Vorgehen der Südkoreanerin ist in Bergsteigerkreisen höchst umstritten - und von mindestens einem Berg, dem Kangchendzönga, kursieren schon länger Gerüchte, dass die 44-Jährige nicht wirklich auf dem Gipfel stand.

Oh Eun Sun am Gipfel der Annapurna.

(Foto: Foto: AFP)

Drei Frauen lieferten sich zuletzt ein spannendes Rennen um die 14 Gipfel, neben Oh Eun Sun die Spanierin Edurne Pasaban und die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner. Während Kaltenbrunner und Pasaban einen Wettlauf stets verneinten und besonders Kaltenbrunner ganz puristisch im Alpinstil klettert - ohne Fixseile, ohne Sauerstoff und ohne Träger -, erklärte die Südkoreanerin das Erklimmen aller Achttausender zu ihrem absoluten Ziel.

Um dieses zu erreichen, waren der Südkoreanierin viele Mittel recht, und von puristischem, ehrlichem, sauberem Bergsteigen kann bei Oh Eun Sun keine Rede sein. In ihrem "Projekt 14" betrieb sie einen gigantischen Materialaufwand, flog mit Hubschraubern von einem Basislager zum anderen, ersparte sich so die kräftezehrenden und lang dauernden Zustiege in die Hochgebirgsregionen.

Nur so war es ihr überhaupt möglich, in der Fabelzeit von knapp anderthalb Jahren acht der höchsten Gipfel zu besteigen. Zusammen mit ihren ersten fünf Gipfeln, für die sie zuvor zehn Jahre benötigt hatte, vergrößerte sie urplötzlich die kleine Runde der Aspirantinnen. Und hat sie jetzt sogar überholt.

Doch die Leistungen der einzelnen Frauen sind höchst unterschiedlich. Während Kaltenbrunner alles, was sie benötigt, selbst auf dem Rücken trägt und meistens nur von einem Koch im Basislager begleitet wird, wird von Oh Eun Sun berichtet, wie sie am Gasherbrum I nur mit einem kleinen Rucksack kletterte, während vier Träger ihre schweren Lasten schleppten.

Auch ihren letzten Berg, den Gipfel der 8091 Meter hohen Annapurna, erreichte sie heute gemeinsam mit drei Trägern und einem Kameramann. Am Nanga Parbat heißt es von einem Italiener, Oh habe künstlichen Sauerstoff verwendet. Allein damit hätte sie sich unter Bergsteigern bereits disqualifiziert. Oh Eun Sun verwendet außerdem Fixseile, bedient sich also einer bereits vorher installierten Sicherungstechnik, und ist dadurch nicht vollkommen selbständig am Berg unterwegs wie Kaltenbrunner.

Doch damit nicht genug, sind in den letzten Wochen große Zweifel daran aufgekommen, ob Oh Eun Sun überhaupt auf dem Gipfel des Kangchendzönga stand. Das gelieferte Foto zeigt lediglich eine vermummte Gestalt vor milchigem Hintergrund. Sherpas berichten außerdem, Oh habe den Gipfel nicht erreicht. Oh Eun Sun bestreitet die Vorwürfe vehement.

Die beiden anderen Bergsteigerinnen haben unterschiedlich auf das gewaltige Vordringen der Südkoreanerin reagiert: Während Pasaban sich zuletzt ebenfalls dazu hinreißen ließ, mit einem Hubschrauber zum Basislager der Annapurna zu kommen, ist von Kaltenbrunner zu hören, es solle nun endlich eine obenstehen, damit das Thema vom Tisch sei. Sie bleibt damit ihrer Aussage treu, dass es ihr nie um dieses Ziel gegangen sei. Bergsteigen sei schlicht ihr Leben.

Betrachtet man den Weg Kaltenbrunners genauer, so kann man dieser Aussage getrost Glauben schenken. Den Mount Everest zum Beispiel, an dem sie sich derzeit gerade abmüht, hätte sie schon vor Jahren besteigen können - wäre nicht ihr damaliger Kletterpartner Hirotaka Takeuchi höhenkrank geworden. Die gelernte Krankenschwester verarztete den schwer Erkrankten und schleppte ihn gemeinsam mit ihrem Mann ins Basislager. Kein Wort verlor sie je über den verpassten Gipfel - vielmehr äußerte sie eine stille und demütige Freude darüber, einem anderen sein Leben gerettet zu haben.

Man kann also nur hoffen, dass Oh Eun Sun zwar als die Frau in die Geschichte eingeht, die als Erste auf dem Gipfel aller 14 Achttausender stand - dass dazu aber stets genannt wird, dass diese Leistung umstritten ist. Denn die Frau, die alle Gipfel als Erste mit ehrlichen Mitteln erreicht - die kommt erst noch.

© sueddeutsche.de/jüsc
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