Der Langläufer Johannes Klaebo ist mit neun olympischen Goldmedaillen, die er seit 2018 gewonnen hat, nun der erfolgreichste Athlet bei Olympischen Winterspielen, aber das hält nicht im Ansatz mit dem Arbeitspensum des Franzosen Benôit Richaud mit. Der 38-Jährige hat allein bei den Winterspielen von Mailand und Cortina d’Ampezzo für 16 Sportler aus 13 Nationen die Choreografien entworfen. Und weil ein Choreograf im Eiskunstlauf bei jedem Auftritt sowohl an der Bande als auch in der Box sitzt, wo die Athleten die Bewertung der Jury entgegennehmen, ist Herr Richaud in Mailand bisweilen recht gestresst.
Gerade hat er sich noch nach der Kür der Männer mit Nika Egadze gefreut, im dünnen Jäckchen mit den roten Jerusalemkreuzen der georgischen Nationalflagge, schon hechelt er von der Box an die Bande, schlüpft ins türkisfarbene, deutlich fluffigere Outfit der Amerikaner, um die Darbietung von Maxim Naumov zu bestaunen. Ein Nachteil dieses 13-maligen Teilzeitmodells ist, dass Richaud für seine Kollektion mittlerweile drei Koffer am Flughafen aufgeben muss, ein Stresstest für den Geldbeutel; auch ein begehbarer Kleiderschrank im trauten Heim ist vermutlich längst unverzichtbar. Andererseits hat Richaud in Mailand gesagt: „Sobald ich die Jacke wechsele, ist es fast wie eine Metapher dafür, dass ich mich in den Läufer verwandle, mit dem ich gerade arbeite.“ Das ist einerseits erstaunlich, andererseits eröffnet es ganz neue Handlungsfelder.



Italiens Olympiaorganisatoren müssen das Geld ja ein wenig zusammenhalten. Nach SZ-Informationen soll Richaud, dank seines radikalen Einfühlvermögens und seiner Hilfsbereitschaft, in der olympischen Eishalle künftig auch die Rolle als Hallen-DJ, Focaccia-Verkäufer, Eismaschinenoperateur und Platzanweiser (für alle 30 Eingänge, im Schichtwechsel) übernehmen. Nationen, die keinen Viererbob oder keine 4x7,5-Kilometer-Mixed-Staffel im Biathlon befüllen können, sollen vakante Plätze künftig ebenfalls mit Richaud besetzen dürfen. Nur bei der Rodel-Teamstaffel, bei der ein Athlet losfährt, sobald der andere im Tal die Ziellinie passiert, stößt das Modell noch an die Grenzen der somatischen Zelltransfermedizin.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) soll dafür, nach dem Debakel um die Disqualifikation des ukrainischen Skeletonfahrers Wladyslaw Heraskewytsch, überlegen, das Amt des IOC-Präsidenten und Pressechefs an Richaud in Personalunion zu übergeben. Die Organisation ist auch gewillt, aus diesem Anlass eines ihrer alten Leitmotive („Unity in Diversity“) in „Diversity in Unity“ umzutaufen. Finanziert wird das alles durch eine Spendengala für die Stiftung „Richauds für alle“, außerdem durch Nebentätigkeiten im finanzkräftigen Fußballsektor. Die italienische Serie A hat bereits Interesse an Richaud bekundet; er könne nach jedem Tor zwischen den Mannschaften als Co-Trainer hin- und herwechseln. Das erspart auf lange Sicht auch die lästigen Trainerwechsel samt Abfindungen.
„Schnella Italia“ ist die Olympia-Kolumne der SZ-Sportredaktion. An dieser Stelle schreiben die Reporterinnen und Reporter der SZ über Kuriositäten und Beobachtungen am Rande der Winterspiele.

