Benedikt Doll in Oberhof Nummer 88 bricht die Biathlon-Gesetze

Jubelt über seine Leistung: Benedikt Doll in Oberhof

(Foto: dpa)

Die Sieger jubeln etwas voreilig: Mit einer hohen Startnummer läuft Biathlet Benedikt Doll in Oberhof über die Ziellinie und und landet weit vorne. Der 24-Jährige knackt in seinem ersten Saisonrennen sogleich die WM-Norm - muss zuvor aber geduldig sein.

Von Saskia Aleythe, Oberhof

Normalerweise funktioniert das so nicht. Schließlich gibt es Regeln im Biathlon - und eine ungeschriebene lautet: Wenn schon Siegerküsschen vergeben werden, hat auf der Loipe niemand mehr aufzufallen. Doch als am Samstag Martin Fourcade bereits seine Dankesworte in die Mikrofone sprach, wurde es nochmal laut in der Skiarena von Oberhof. Benedikt Doll glitt erschöpft ins Ziel, auf der Anzeige leuchtete Rang acht - der Jüngste im deutschen Team hatte seine Kollegen tatsächlich übertrumpft. Und die WM-Norm geknackt. In seinem ersten Saison-Rennen.

Das setzte bei Doll dann auch die Energie wieder frei, um recht schnell nach der Erschöpfung richtig zu jubeln: Die Arme peitschte er in die Höhe, einmal, zweimal, dreimal, viermal. Er lachte herzlich und wirkte erleichtert. "Ich freue mich wahnsinnig", sagte der 24-Jährige später, "dass ich es noch so weit nach vorne schaffe, hätte ich nicht gedacht." Er trotzte den zwei Fehlern am Schießstand mit einer überragenden Laufleistung: Dem insgesamt Zweitplatzierten Ole Einar Björndalen war er läuferisch nur um 0,7 Sekunden unterlegen.

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Als Favoriten im deutschen Team hatten vor dem Rennen andere gegolten: Erik Lesser, Simon Schempp - ach eigentlich alle. Doll war ja noch gar nicht aufgetreten im Weltcup in diesem Jahr, erst kurz vor Weihnachten überbrachte ihm Bundestrainer Mark Kirchner die frohe Botschaft: Er würde dabei sein in Oberhof, wo er seit 2013 schon trainiert. Seine Heimat ist eigentlich der Schwarzwald.

Mit diesen Botschaften kurz vor Weihnachten hatte Doll zuletzt keine gute Erfahrung gemacht: Im Vorjahr war er trotz anderer Planungen kurzfristig doch wieder aus dem Oberhof-Aufgebot gestrichen worden. Doll wurde Opfer strategischer Überlegungen. Das deutsche Team musste sich vorbereiten auf die Olympischen Spiele, der Trainer vertraute eher auf die Routiniers als Experimente einzugehen - da war für Doll kurzerhand kein Platz mehr. Obwohl er ihn sich längst verdient hatte.

Denn Doll ist kein Überraschungstalent, das plötzlich am Biathlon-Himmel aufgetaucht ist. Mit vier Jahren stand er auf Skiern, mit sieben probierte er es auch mit dem Schießen - und wurde vier Mal Junioren-Weltmeister mit der Staffel, einmal Vizeweltmeister im Einzel. Und dieser achte Platz in Oberhof ist nicht mal sein bestes Ergebnis: Nach seinem Debüt 2012 durfte er schon öfter mal im Weltcup ran, 2013 in Sotschi landete er auf Rang sechs. Sein größtes Plus: die schnellen Beine.

Dass Olympia jetzt abgehakt ist, kommt Doll zu Gute. Denn die Strategie der Trainer ist nun eine andere: Wer sich von den Jungen im unterklassigen IBU-Cup bewährt, bekommt seine Chance im Weltcup. "Unser Prinzip ist klar", sagt Kirchner, "wir entscheiden nach Leistung. Das ist sicherlich ein harter Kampf, aber ebenso fair für das erweiterte Weltcupteam". Den IBU-Cup hatte Doll schon zweimal komplett gewonnen, im vergangenen Dezember schaffte er zwei zweite Plätze - und dann kam die Zusage für Oberhof.

Doll ist der Vierte nach Florian Graf, Michael Willeitner und Johannes Kühn, der in der laufenden Saison ins deutsche Weltcup-Team reinschnuppern konnte - und er hat seine Chance am besten genutzt. Die Nummer 88 prangte dabei auf seiner Brust und normalerweise, so eine andere ungeschriebene Regel im Biathlon, ist das keine Startnummer, die später in den Top Ten wieder auftaucht. Es ist eine Startnummer, bei der das Fernsehen oft schon die Übertragung beendet. Bei Doll lohnt es sich, noch ein bisschen zu warten. Eines Tages vielleicht auch mit den Siegerküsschen.