bedeckt München 19°

Behindertensport:"Ich habe den Jugendlichen erklärt, dass es sich lohnt zu kämpfen"

Paralympics-Sportler Sebastian Dietz (hier 2012 in London mit seiner Goldmedaille im Diskus).

(Foto: imago)

Paralympics-Sieger Sebastian Dietz hat Flüchtlingscamps im Libanon besucht, um dort körperlich behinderten Jugendlichen Mut zu machen.

Interview von Florian Bindl

Sebastian Dietz, 32, inkomplett querschnittsgelähmt nach einem Autounfall 2004, ist seit den Paralympics in Rio 2016 einer der bekanntesten Paralympioniken in Deutschland. Nach dem Gewinn seiner Goldmedaille im Kugelstoßen hielt er auf der Bühne im deutschen Haus um die Hand seiner Freundin an. In diesem Jahr, bei der WM der Paralympischen Leichtathletik in London, wurde Dietz Weltmeister. Nach Abschluss der Saison reiste er in der vergangenen Woche in Flüchtlingscamps im Libanon, um dort mit Jugendlichen zu sprechen.

Herr Dietz, bevor Sie in den Libanon geflogen sind, haben Sie gesagt, Ihre Gefühle seien gemischt. Wie geht es Ihnen jetzt, kurz vor dem Rückflug?

Meine Gefühle sind immer noch gemischt. Ich habe unglaublich viel gesehen, vieles, das mich sehr erschreckt hat. Ich habe Zuversicht und Angst gesehen, aber auch Wut und Hass, Stolz und Sorgen. Wir in Deutschland müssen wertschätzen, was wir haben. Essen, eine Wohnung, Arbeit. Und Frieden. Das alles gibt es dort nicht. Viele können sich ihre halbjährliche Registrierung nicht leisten, sie bleiben trotzdem, illegal.

Wieso wollten Sie sich gerade im Libanon engagieren?

Es gibt viele Projekte von den Johannitern, ich bin bereits an einem beteiligt. Ich wurde gefragt, ob ich in den Libanon fliegen möchte, um dort zu helfen. Da es primär um Integration und Inklusion geht, war ich sofort interessiert. Was ich dann dort erfahren habe, war sehr heftig und bewegend. Alle reden immer davon, dass die Flüchtlinge zu uns kommen, wissen aber gar nicht, wie schlimm deren Situation vorher war.

Wie sind die fünf Tage abgelaufen?

Wir waren in fünf Camps, im größten leben 100.000 Menschen. Sie sind auf engstem Raum eingepfercht. Jeden Tag bin ich früh aufgestanden und habe mit den Leuten in den Camps gesprochen. Gerade den Jugendlichen mit Behinderung habe ich erklärt, dass ihr Handicap keine Strafe Allahs ist, dass es sich lohnt zu kämpfen. Ich hatte meine Goldmedaille dabei und habe sie den Kindern gezeigt, damit wollte ich ihnen Mut machen und zeigen, dass man nie aufgeben darf. Mit syrischen Mädchen habe ich Fußball gespielt, das hat ihnen und mir gefallen. Es ist schön, Kinder lächeln zu sehen.

Aber haben Sie das Gefühl, dass die Initiative hilft, die Lage der Kinder langfristig zu verbessern?

Auf jeden Fall. Wir geben den jungen Flüchtlingen eine Perspektive. Sie können Berufe lernen, wie Friseur oder Fotograf, Berufe, die auch außerhalb der Camps gebraucht werden. Dafür haben wir im Voraus herausgefunden, in welchen Branchen Bedarf besteht. Ein Junge, der eine Ausbildung zum Friseur macht, hat mir den Bart rasiert. Das hat ihm Spaß gemacht. Er hat gesehen, dass sein Beruf gebraucht wird. Es ist ganz wichtig, dass die Jugendlichen diese Chance erkennen. Viele radikalisieren sich ja gerade deshalb, weil sie keine Zukunftsperspektive haben. Da wollen wir gegensteuern.

© SZ vom 29.10.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite