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Behindertensport:Die drei Musketiere

Der dominierende Rollstuhlfechter nicht nur bei dieser DM: Paralympics-Teilnehmer Maurice Schmidt aus Böblingen.

(Foto: Claus Schunk)

Die DM der Rollstuhlfechter im Münchner Werksviertel-Mitte ist für den in Bayern gerade erst entstehenden Sport auch eine Werbeplattform - die hiesigen Kaderathleten sammeln unter den Augen von Fechtlegende Volker Fischer schon mal eifrig Medaillen.

Von Sebastian Winter

Auch im Rollstuhlfechten müssen sie sich umstellen in diesen Viren-Zeiten. Erstmals war München am vergangenen Wochenende Austragungsort einer deutschen Meisterschaft in diesem Sport, und weil die üblichen Hallen noch gesperrt sind für solche Wettkämpfe, hat der ausrichtende Fechtclub München einen ganz besonderen Ort für diese Premiere gefunden: das Werksviertel-Mitte am Ostbahnhof, wo Künstler und Kreative zuhause sind, Musikhallen - und wo in einer großen Baugrube das Konzerthaus entsteht. Das Scheppern der Säbel und Degen im Technikum, einem der vielen dortigen Veranstaltungsräume, hört man jedenfalls schon von Weitem.

Man darf sich Rollstuhlfechten nicht so vorstellen wie das normale Fechten, wo sich die Konkurrenten auf der 14 Meter langen und etwa zwei Meter breiten Planche ständig vor- und zurückbewegen. Vielmehr sind die Sportrollstühle der Gegner über eine Stahlkonstruktion am Boden miteinander verbunden, lassen sich dadurch also nicht bewegen. Vor dem Kampf wird der richtige Abstand justiert, die Aufgabe der Athleten ist es dann, durch geschicktes Aus- und Zurückweichen mit dem Oberkörper gegnerischen Treffern zu entgehen - und selbst zu punkten.

Maurice Schmidt gelingt diese Akrobatik eindrücklich, gerade hat er seinen zweiten Titel bei dieser DM gewonnen, was nicht verwunderlich ist. Der 21-jährige Sportstudent aus Tübingen ist der wohl beste deutsche Rollstuhlfechter - und bereits für die Paralympics in Tokio qualifiziert. Schmidt, der von Geburt an eine Dysmelie hat, also eine angeborene Fehlbildung von Gliedmaßen, verdient Geld mit seinem Sport, auch durch die Sponsoren, die ihn unterstützen. Davon leben kann er zwar noch nicht, aber immerhin sein Studium damit teilweise finanzieren. "Eine coole Location" nennt Schmidt den Austragungsort dieser deutschen Meisterschaft, die eigentlich Teil der Finals in Berlin und Rhein/Ruhr sein sollte, dann aber wegen der Masse an dort vertretenen Sportarten aus dem Programm gestrichen wurde.

So weit wie Schmidt sind die bayerischen Athleten längst noch nicht, Rollstuhlfechten als Leistungssport gibt es hier überhaupt erst seit einem Jahr. Seither ist es Teil des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands Bayern. Ohne Jürgen Zielinski-Lick, Vorstandsmitglied beim Fechtclub München, hätte es diese Entwicklung nicht gegeben. Zusammen mit dem TSV Trudering und dem Fechtclub Gröbenzell hat er damals "das Projekt Rollstuhlfechten", wie er es nennt, in Bayern initiiert. Sein Ziel ist es, zumindest einen bayerischen Athleten zu den Paralympics 2024 nach Paris oder 2028 nach Los Angeles zu schicken.

didier jung, denise hutter, hussein gasimov (v.l.), bayerische rollstuhl-fechter

Klein, aber erfolgreich (von links): Didier Jung, Denise Hutter, Hüseyin Gasimov repräsentieren den kompletten bayerischen Landeskader im Rollstuhlfechten. Und glänzen bei der DM im Münchner Werksviertel.

(Foto: Dominik Nagel/oh)

Das ist aber gerade eher noch eine Vision, denn zurzeit gibt es gerade einmal drei Rollstuhlfechter im Landeskader. Zwei der drei, Didier Jung und Hüseyin Gasimov, sind zwar höchst erfolgreich bei der DM im Werksviertel - im Florett und Säbel gewinnt Gasimov jeweils Silber, Jung zweimal Bronze, im Degen holt Jung Silber, Gasimov Bronze. Allerdings haben sie keine deutsche Staatsangehörigkeit. Der Aserbaidschaner Gasimov lebt in einer Flüchtlingseinrichtung in Oberau bei Garmisch-Partenkirchen, Jung ist Franzose und wohnt in München. Einzige Bayerin ist Denise Hutter, 21, aus Gröbenzell. Und die hat vor gerade mal drei Wochen angefangen mit dem Rollstuhlfechten.

Dominik Nagel, Trainer im Fechtclub Gröbenzell, brachte die frühere Tennisspielerin und Judoka im vergangenen Sommer zu ihrem neuen Sport. Nagel war damals nach einer Hüftoperation in einem Rehazentrum in München und begegnete dort Hutter, die zuhause die Treppe heruntergefallen war. Sie hatte Lähmungserscheinungen in beiden Beinen, eine Hand krampfte. Seither sitzt Hutter im Rollstuhl. Der Kontakt zu Nagel bestärkte sie, etwas Neues auszuprobieren, obwohl ihr das als Autistin nicht ganz leicht fällt. Im Mai hielt sie ihren ersten Degen in der Hand, ein paar Trainings absolvierte sie unter Zielinski-Lick im so überschaubaren Landeskader - und ficht nun schon höchst erfolgreich bei der DM. In der Degenkonkurrenz gewinnt sie auf Anhieb Bronze bei den Erwachsenen. "Im Gefecht vergisst man den ganzen Alltag, kann einfach loslegen", sagt Hutter.

Und das unter den Augen der Fechtlegende Volker Fischer: Der Wahl-Münchner, der 1984 mit der Mannschaft Olympiasieger und 1987 im Einzel-Weltmeister mit dem Degen wurde, ist auch ins Werksviertel gekommen - und sagt beeindruckt: "Ich weiß, wie anstrengend das hier ist." Fischer hat selbst als Athlet früher in Tauberbischofsheim mit Rollstuhlfechtern trainiert. Für Denise Hutter dürfte sein Besuch ein zusätzlicher Ansporn sein auf ihrem neuen sportlichen Weg.

© SZ/lein
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