Beachvolleyball:Kompromisslos erst am Ende

Tokyo 2020 - Volleyball/Beach

Finalisten bei der Weltmeisterschaft 2019, in Tokio ordentliche Fünfte: Julius Thole (links) und Clemens Wickler starten trotz Olympia-Anstrengungen bei der EM.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Nach schwachem Start steigern sich die Beachvolleyballer Julius Thole und Clemens Wickler gegen den 45-jährigen Altmeister Jacob Gibb und dessen Partner Tri Bourne - und besiegen die US-Amerikaner im olympischen Achtelfinale. Nun warten die russischen Weltmeister auf die Deutschen.

Von Sebastian Winter

Jacob Gibb ist einer jener Athleten, die beweisen, dass Beachvolleyballer auch in recht fortgeschrittenem Alter noch auf höchstem Niveau spielen können. Der US-Amerikaner ist 45, er ist der älteste Spieler in diesem Sport, der jemals in einem olympischen Turnier an den Start gegangen ist. Zwei Krebserkrankungen hat er überwunden, es sind seine vierten Spiele, in Peking und London wurde er jeweils Fünfter, in Rio de Janeiro Neunter. In Tokio wollte Gibb, den sie alle Jake nennen, es sich und der Welt noch einmal beweisen, mit seinem Partner Taylor Crabb. Doch Crabb infizierte sich vor dem Turnier mit dem Coronavirus - das Leben schenkt Gibb wahrlich nicht viel auf seinem Weg.

Ein neuer Partner sprang schnell ein, es waren zugleich natürlich nicht die günstigsten Voraussetzungen. Doch Tri Bourne, der seinerseits die Olympia-Qualifikation mit Crabbs Bruder Trevor verpasst hatte, spielte bislang grandios in Tokio. Und so qualifizierte sich das aus der Not geborene Duo als Gruppenzweiter fürs Achtelfinale, wo es auf die WM-Zweiten von 2019, Clemens Wickler und Julius Thole, traf. Dort ging Gibbs olympischer Weg nun zu Ende, im dritten Satz hatte er keine Kraft mehr, Bourne konnte ihm auch nicht mehr helfen, die Deutschen gewannen trotz einer keineswegs überragenden Leistung mit 2:1 (21:17, 15:21, 15:11).

Der Starnberger Wickler, 26, und der Hamburger Thole, 24, waren aufgrund der neuen Konstellation im US-Team nicht unbedingt als Außenseiter in dieses Duell gegangen - aber auch nicht als klarer Favorit. Immerhin ist Gibb Weltranglistenvierter, die Deutschen hingegen hatten nach ihrem Höhenflug vor zwei Jahren bislang eine üble Saison voller Verletzungen: Erst musste Wickler der Blinddarm entfernt werden, Ende Mai knickte Thole dann um. Gemeinsame Turniere bestritten sie kaum, ihnen fehlt noch der Spielrhythmus, auch gegen Gibb und Bourne war Tholes linker Knöchel dick bandagiert.

Der erste Satz lief am Montag im Shiokaze Park nicht gut für die Deutschen, nachdem Gibb beim 14:15 das Zuspiel in Tokios schwüler Abendhitze durch die Finger gerutscht war. Denn danach setzte Wickler einen Angriffsfehler ins Aus, Bournes Aufschlag landete auf der Linie, noch ein Ass hinterher, schon stand es 18:16 für die US-Amerikaner. Als Tholes kurzer Longline-Shot im Aus landete, half auch die Video-Challenge nicht mehr. Noch ein Block von Gibb, und der Satz war entschieden. Erst danach fanden Wickler und Thole in ihren Rhythms, auch weil ihre Aufschläge druckvoller wurden.

Mit ihren Viertelfinalgegnern Krasilnikow/Stojanowski haben die Deutschen noch eine Rechnung offen

Ein Ass von Wickler brachte sie 12:8 in Führung, und so langsam spürte Gibb dann doch, dass er 21 Jahre älter ist als Thole. Seine Führung ließ sich das einzige deutsche Männerduo im Feld nicht mehr nehmen, und auch im Entscheidungssatz lag es schnell vorne. Annahmefehler Bourne, Ass Wickler, 9:5. Dann schlug Gibb seinen Angriff ins Aus, wurde geblockt, er wirkte nun sehr, sehr müde. Als Wickler den Matchball kompromisslos verwandelte, schloss der Mann mit der Glatze die Augen und verharrte lange im Sand.

Für Thole und Wickler geht die Reise nun weiter, bei ihrer Olympia-Premiere haben sie sich nun gleich fürs Viertelfinale qualifiziert. Am Mittwoch (15 Uhr MEZ) treffen sie dort auf jenes Duo, das ihnen vor zwei Jahren in einem spannenden Finale nach drei Sätzen den WM-Titel weggeschnappt hatte: Krasilnikow/Stojanowski, die Weltranglistendritten, sind ein noch härterer Prüfstein als Gibb und Bourne, sie gelten als Mitfavorit auf den Turniersieg.

Thole und Wickler haben andererseits noch eine Rechnung offen mit den Russen, und wenn sie ihre Schwächen aus dem ersten Viertelfinal-Satz vermeiden, die vielen Aufschlagfehler, die fehlende Konzentration im Angriff, dann haben sie eine gute Chance, ihrem Ziel näherzukommen. Sie dürfen ja jetzt von einer Medaille träumen, in der Runde der letzten Acht, es wäre die erste für ein deutsches Männer-Team im Sand nach Gold für Brink/Reckermann 2012 in London.

Dabei sein war eigentlich alles für Thole und Wickler, die vor ein paar Wochen gar nicht wussten, ob sie rechtzeitig fit werden für die Olympischen Spiele. "Julius hat mal irgendwo ganz treffend gesagt: Wir hätten auch auf dem letzten Platz am Stadtrand von Tokio das Zelt selber aufgebaut und dann da gespielt", beschrieb Wickler vor dem Turnierbeginn, wie sehr sie ihre ersten Spiele herbeisehnen. Nun sind sie angekommen im Sand von Tokio, und sie wollen gerne noch ein paar Tage bleiben.

© SZ/lein/lib
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