Borger/Sude gewinnen World-Tour-Finale:Ohne Trainer, aber mit Psychologin

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Selfie mit Pokal: Karla Borger und Julia Sude beim größten Erfolg ihrer Karriere. (Foto: -/dpa)

Die Beachvolleyballerinnen Karla Borger und Julia Sude gewinnen auf spektakuläre Weise das World-Tour-Finale und damit 150 000 Dollar. Dabei hatten sie gar keinen Coach - und die Taktik kam aus dem Home-Office.

Von Sebastian Winter, Cagliari/München

Julia Sude und Karla Borger hatten ein kleines Problem, auch wenn der Ort, an dem sie sich gerade befanden, ja durchaus nett anzuschauen war: Vorne im Hafen der sardischen Hauptstadt Cagliari erhob sich das Riesenrad, nebendran im Wasser schaukelten die Yachten, einen Steinwurf weit weg leuchteten die Beachvolleyball-Courts, auf denen die deutschen Nationalspielerinnen gerade das World-Tour-Finale gewonnen hatten - der größte Erfolg ihrer Karriere. Aber es war halt auch spät, die Siegerehrung am Sonntag kurz vor Mitternacht, Interviews, duschen, um zwei Uhr morgens waren sie mit allem fertig. Und dann fanden sie nichts mehr, wo sie hätten einkehren und auf ihren so überraschenden Titel anstoßen können. "Wir sind dann einfach mit ein paar Bier am Hafen spazieren gegangen, bis fünf Uhr morgens", sagte Borger tags darauf am Telefon. Nach dem Spaziergang ging sie mit ihrer Goldmedaille ins Bett.

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Als die Kanadierin Sarah Pavan im Finale den letzten Ball hart diagonal ins Aus geschlagen hatte, hatten nicht etwa Pavan selbst und ihre Partnerin Melissa Humana-Paredes konsterniert gewirkt, sondern die beiden Deutschen. Sude, 34, verharrte minutenlang fast regungslos auf dem Feld, Borger, 32, kniete im Sand und fand ihre Fassung erst wieder, als ein Volunteer sie vor Freude umarmte. Im Turnierverlauf hatten die beiden die brasilianischen Weltranglistenersten Agatha und Duda sowie die Olympiasiegerinnen April Ross und Alexandra Klineman geschlagen, nun auch noch die Weltmeisterinnen von 2019. Viel mehr geht nicht, Sude sagte später fast ein bisschen trotzig: "Jetzt haben wir die verdammte Trophäe." Nach dem Motto: "Seht her, wir können es doch noch im Sand."

So viel Geld bei einem einzigen Turnier ist brachial

Das Weltserien-Finale im Beachvolleyball ist sportlich vergleichbar mit den ATP Finals im Tennis, das Preisgeld so hoch wie bei keinem anderen Turnier im Sand. Um insgesamt 800 000 Dollar kämpften die jeweils zehn besten Frauen- und Männer-Duos der Weltrangliste in Cagliari, 150 000 Dollar dürfen Borger und Sude, die einzigen Deutschen, die qualifiziert waren, mit nach Hause nehmen. Dieser Erfolg ist für sie auch eine wichtige finanzielle Entlastung, durch die Pandemie und viele ausgefallene Turniere sind sie auf einigen Rechnungen sitzengeblieben. Weil sie nicht am Bundesstützpunkt in Hamburg trainieren, sondern fernab in Stuttgart, "bekommen wir vom Verband keinen Trainer bezahlt", sagt Borger, "und es sind noch andere Kosten, die wir begleichen müssen. Daher ist so viel Geld bei einem einzigen Turnier brachial".

Neben dem finanziellen Segen löst der Erfolg von Cagliari aber vor allem viel Genugtuung bei Borger und Sude aus. Ihre Saison war bis zu den Olympischen Spielen völlig verkorkst. Schon die Vorbereitung lief schleppend, neunte Plätze bei Weltserien-Turnieren errangen sie. Beim eigentlichen Höhepunkt in Tokio schieden die mit Medaillenzielen angetretenen Deutschen nach drei Niederlagen in der Vorrunde aus - nur 26 Stunden später trennte sich Trainer Thomas Kaczmarek von ihnen. In wenigen Monaten hatte er dem Duo einen neuen Spielstil vermitteln wollen, technische und taktische Details verändert, offenbar zu viele für Borger und Sude, die beide schon seit mehr als einem Jahrzehnt auf der internationalen Tour spielen.

Ein paar Tage nach der Enttäuschung stellte sich das Duo selbst die Sinnfrage, grübelte, ob es die Saison, die zwei Wochen nach Olympia ja noch die EM, später die DM und das Weltserien-Finale in Cagliari bereithielt, nicht gleich beenden soll. Die Blockerin Sude und die Abwehrspielerin Borger machten weiter, auf sich allein gestellt, ohne Trainer.

Es deutet einiges daraufhin, dass sie weitermachen, Richtung Paris 2024

Sie suchten sich ein kleines Team zusammen, trainierten in und um Stuttgart mit ein paar erfahrenen Beachvolleyballern, unter ihnen Jörg Ahmann, Bronze-Gewinner von Sydney. Die Taktik vor jedem Spiel entwarf ein guter Freund am Computer im Home-Office in Zagreb. Zur EM nach Klagenfurt reiste (wie auch jetzt in Cagliari) nur ihre Psychologin Nadine Volkmer mit. Plötzlich lief es, sie kamen ins Halbfinale, vergaben dort gegen die späteren Europameisterinnen Nina Betschart und Tanja Hüberli drei Matchbälle - und holten Bronze. Bei der deutschen Meisterschaft in Timmendorfer Strand wurden Borger und Sude Zweite, nun folgte der Titel in Cagliari. Und das mit einem völlig improvisierten, aus der Not geborenen Ansatz. "Wir haben uns auf dem Court wiedergefunden", sagte Sude. Vielleicht auch, weil der ganze olympische Druck weg war.

Es deutet einiges daraufhin, dass sie nun weitermachen, Richtung Paris 2024, auch wenn noch nichts entschieden ist. Aber erst einmal wollen sie abschalten, Sude bleibt auf Sardinien und schließt einen Urlaub an, Borger, die gerade umgezogen ist, macht sich auf die Suche nach ein paar Lampen für ihr neuen Zuhause. Hauptsache, sie müssen keinen Beachvolleyball mehr anfassen nach dieser für sie so schön-schaurigen Saison.

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