Beachvolleyball:Die Profis verlieren den Spaß im Sand

Lesezeit: 4 min

Profis unter Beobachtung: Eduarda Santos Lisboa fliegt beim Pro-Tour-Turnier in Doha Ende Januar dem Ball hinterher. (Foto: Noushad Thekkayil/NurPhoto/Imago)

Weniger Turniere, weniger Preisgeld, weniger Mitsprache: In der Beachvolleyball-Szene rumort es. Auch weil beim 300-Millionen-Dollar-Investor der Kommerz offenbar über allem steht. Das Problem: Olympia steht vor der Tür.

Von Sebastian Winter

Die Beachvolleyball-Elite ist zurzeit in Mexiko unterwegs, wo es zwei neue Ausrichterstädte gibt: In La Paz wurde vergangene Woche ein Turnier der zweithöchsten Kategorie ausgetragen, in Tepic, auf der anderen Seite des Golfs von Kalifornien, kämpfen die Duos seit Mittwoch bei einem Turnier der höchsten Kategorie nicht nur um insgesamt 300 000 Euro Preisgeld, sondern auch um Punkte für Weltrangliste und Olympiaqualifikation. Es ist ein entscheidendes Jahr für die Profis, die Spiele 2024 in Paris tauchen bereits am Horizont auf. Auch deshalb haben sie alle vor dem Saisonstart die übliche Spielervereinbarung unterschrieben, mit der sie sich den Regeln des Volleyball-Weltverbandes FIVB unterwerfen.

Aber mit einem richtig guten Gefühl haben offenbar die wenigsten Aktiven ihr Häkchen unter das Dokument gesetzt. "Olympia steht vor der Tür. Und alle wollen sich dafür qualifizieren, daher unterschreibt auch jeder. Aber es grummelt, weil die Athleten übergangen werden. Vieles wird über ihren Kopf hinweg entschieden. Der Fokus liegt nicht unbedingt darauf, dass es uns gutgeht", sagt die deutsche Nationalspielerin Karla Borger, die mit ihrer Partnerin Sandra Ittlinger in La Paz Neunte geworden ist. Das Turnier in Tepic lassen sie aus und legen einen kurzen Zwischenstopp in ihrer Heimat in Stuttgart ein, bevor es weiter nach Brasilien geht. Dafür vertreten Clemens Wickler/Nils Ehlers und Svenja Müller/Cinja Tillmann in Tepic im Hauptfeld die deutschen Farben.

Snowvolleyball
:Auf sulzigem Geläuf

In Oberstaufen wurden am Wochenende die neuen deutschen Meister gekürt - im Snowvolleyball. Der Sport will tatsächlich olympisch werden, muss aber im Allgäu erstmal mit schmelzendem Schnee klarkommen.

Von Sebastian Winter

Bereits im vergangenen August hatte Borger in München von den European Championships geschwärmt - und einen auffälligen Kontrast gezogen: "Das ist hier ein cooles Turnier, das wir selten in dieser Form erlebt haben, und wo man Wertschätzung erfährt. Nur ein Beispiel: Hier gibt es für uns Getränke, frisches Obst, eine Kaffeemaschine. Das kennen wir gar nicht, auf der internationalen Tour gibt es manchmal nicht mal einen Spielerbereich."

La Paz hält immerhin auch nützliche Tipps parat - etwa eine Warnung vor Stachelrochen

Im teils viel zu harten Sand von La Paz lagen dafür mitunter Scherben, wie Borger und Ittlinger kürzlich in ihrem Blog "Life is a Beach" berichteten. Immerhin gibt es inzwischen eine Art Organisationsleiter, der nützliche Tipps zu Shuttleservice und Trainingszeiten parat hat. In La Paz hat er davor gewarnt, bloß nicht in das ein paar Schritte entfernte Meer zu gehen - akute Stachelrochengefahr! Der Eindruck bleibt aber: Kommerz ist Trumpf. Schließlich sollen neue Märkte erschlossen werden - Mexiko ist in diesem Herbst auch Ausrichter der Beachvolleyball-WM.

Hintergrund der latenten Unzufriedenheit ist, dass die FIVB ihre Weltserie 2022 in ein völlig neues Gewand gekleidet hat. Seither heißt das Format "Volleyball World Beach Pro Tour" - und wird über die Volleyball World Aktiengesellschaft von der CVC Capital Partners (CVC) vermarktet, einem Kapitalbeteiligungsgiganten aus Luxemburg. Mehrheitsaktionär ist die FIVB, der gesamte Deal soll, wie Sky News damals berichtete, 300 Millionen Dollar wert sein. CVC investierte schon in die Formel 1, in Rugby, in die spanische Fußballliga und, wie vor zwei Wochen erst vermeldet wurde, in die WTA, die weltweite Tennistour der Frauen. Das Ziel ist klar: Gewinnmaximierung - und mit riesiger Rendite wieder verkaufen.

Volleyball World, dessen CEO Finn Taylor früher Manager beim Spektakel-Zirkus Cirque du Soleil war, vermarktet inzwischen so ziemlich alles im Volleyball und Beachvolleyball: Weltmeisterschaften, Olympia-Qualifikation, Nations League, samt eigenem kostenpflichtigen TV- und Streaming-Sender. Dafür ist das Gesamtpreisgeld für die Profis, das früher pro Saison bei rund neun Millionen Dollar lag, massiv gesunken. Die Teilnehmerfelder sind auch kleiner geworden. In Tepic sind bei Frauen und Männern nur je 16 Teams zugelassen; früher waren es doppelt so viele. "Es gibt nur noch wenige interkontinentale Turniere, wo man mit einem Plus rauskommt", sagt Borger: "Wenn man alleine das Preisgeld heranzieht, muss man fast schon gewinnen." Gerade für Nachwuchs-Duos ist das eine Farce.

Beachvolleyball-Nationalspielerin Karla Borger ist auch Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland. (Foto: Peter Weber/Beautiful Sports/Imago)

Die FIVB sieht das ganz anders, in einer ersten Reaktion teilt sie mit: "Das Geld, das aus der erhöhten Aufmerksamkeit und dem Wachstum stammt, wird weiterhin in die Entwicklung des Sports (...) reinvestiert." Außerdem komme "eine erfolgreiche und wirtschaftlich nachhaltige Profi-Tournee direkt den Spielern zugute, die unsere oberste Priorität sind."

Im Januar hat die IBVPA, eine Art Gewerkschaft der Beachvolleyballprofis, allerdings einen Brief an Volleyball World und den Weltverband geschickt, in dem sie die Kürzung der Turnieranzahl und der Preisgelder bemängelte und mehr Mitspracherecht forderte. In dem Brief, der der SZ vorliegt, wird auch die plötzliche Einführung eines neuen Spielballes kritisiert, von der die Profis völlig überrascht wurden - und von dem es nun viel zu wenige Exemplare fürs Teamtraining gebe.

Die Adressaten reagierten dem Vernehmen nach mit Drohungen an die Profis, dass diese nicht zu Turnieren zugelassen würden, sollten sie die Spielervereinbarung nicht unterschreiben. Auch ein Anwalt, den die IBVPA einsetzte, biss offenbar auf Granit. Ohnehin gestehen die Funktionäre der IBVPA keine Mitspracherechte zu, weil sie argumentieren, es gebe ja bereits eine Athletenkommission. Dabei war die IBVPA ja erst entstanden, weil die Profis im Sand kaum Gehör fanden. "Die Athletenkommission wird nicht wirklich eingebunden. Und die IBVPA wird gar nicht akzeptiert", sagt Borger.

Auch das sieht die FIVB in ihrer Stellungnahme anders: "Vor jeder Saison arbeiten wir eng mit der FIVB-Athletenkommission zusammen, in der Volleyball- und Beachvolleyballspieler gleichermaßen vertreten sind, um sicherzustellen, dass die Bedingungen der Spielervereinbarung mit den Ansichten der Athleten übereinstimmen. Wir sind stolz auf diesen Konsultationsprozess." Offenbar hat dieser Prozess nicht alle Athletinnen und Athletin überzeugt.

Wie hieß es in der Mitteilung zur Einführung der Beach Pro Tour blumig: Man wolle neben der sportlichen Neuausrichtung "den Fans auch den Strand-Lifestyle" näherbringen. Die Profis erzählen gerade aber eher keine Geschichte vom süßen Leben am Meer. Eher eine, in der sich die Basis mehr und mehr von der Spitze entfernt.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungGewicht im Sport
:Eine Unerträglichkeit mit System

Martina Scavelli tritt als Volleyball-Schiedsrichterin zurück, weil sie die Grenzen beim Body-Mass-Index und Taillenumfang überschritt. Das sind ernsthaft Kriterien im Regelwerk des Weltverbandes - eine Diskriminierung mit potenziell fatalen Folgen.

Kommentar von Sebastian Winter

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: