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Beachvolleyball:Geschichte in den Sand geschrieben

Erstmals treten zwei Musliminnen an. Die Beachvolleyballerinnen aus Ägypten fallen mit Ganzkörperanzügen und beachtlichem Können auf.

Von Thomas Kistner

Das Mekka der Sommerspiele ist eine Stahlrohrfestung am Strand von Copacabana. Sieht man von der abgerissenen Außenwand am Sonntag ab, trotzt sie entschlossen den Winterstürmen, die vom Atlantik heranrauschend eine furchteinflößende Kraft entfalten. Was die rohe Natur von draußen nicht schafft, dürfte den wummernden Bässen im Inneren gelingen: das (hoffentlich) fachmännisch verschraubte Konstrukt des olympischen Beachvolleyball-Stadions über die Tage in seine Einzelteile zu zerlegen. Gerade die Spiele der brasilianischen Teams bieten sich dafür an. Dann tobt das Publikum mit den Gezeiten um die Wette, hinterm Schiedsrichterstuhl tanzt und trommelt die in der Stadt hoch angesehene Sambaschule von Beija Flor und lässt ihre blauweiße Fahne im Wind flattern, der leider auch hier drinnen nach Belieben zirkuliert und mit dem Spielgerät sein Unwesen treibt. Kurz: Manches Gäste-Team knickt ein vor so viel archaischer Lebenslust.

Laura Ludwig und Kira Walkenhorst hatten es einfacher bei ihrem Olympia-Auftakt am Sonntagabend. Die Gegnerinnen hießen Nada Meawad und Doaa Elghobashy und kamen von weit her, aus Ägypten - und auch sie feierten ein Debüt: als erste muslimische Frauenmannschaft im Sand. Dass am Ende des Kräftemessens mit 21:12, 21:15 ein klarer Sieg für Ludwig/Walkenhorst stehen würde, hatte bereits die Vorgeschichte angedeutet. Da die athletischen Deutschen, Führende der Weltrangliste und programmiert auf eine Medaille, dort die zwei Novizinnen, gehüllt in Ganzkörper-Anzügen in Schwarz und Türkis mit integriertem Kopftuch (Elghobashy), die ihr Bestes gaben. Das war gar so nicht schlecht, befand Kira Walkenhorst nach der Partie. Sie hatte schon beim Einspielen die Augen neugierig bei den Gegnerinnen. Schließlich wussten die Deutschen bis dahin "rein gar nichts" über die Spielweise des Duos, das aus dem Wüstensand kam.

Die Debütantinnen spielen sich tapfer in die Herzen der brasilianischen Zuschauer

In beiden Sätzen hielten die Ägypterinnen zunächst mit, zeigten solide Aufschläge und profitierten von manchem Flüchtigkeitsfehler ihrer Gegnerinnen. Für die war es trotzdem nur ein gehobenes Trainingsspiel. Kira Walkenhorst musste sich bei ihrem ersten Olympia-Auftritt zusammenreißen, "nicht ständig nach rechts oder links zu schauen", um das Ambiente im Stadion aufzunehmen; angefeuert von einer kleinen deutschen Delegation. Und Doaa und Nada? Sie spielten sich tapfer in die Herzen der brasilianischen Fans, was sich zwar nicht im Ergebnis, dafür aber in der Dezibelstärke niederschlug, die ihre Aktionen bald begleitete. Am Ende schickten beide still beglückt einen scheuen Gruß auf die gelb-grünen Ränge.

Im Rummelplatz-Refugium am Strand der Copacabana wurde ein olympisches Kapitel begründet. Weshalb Howyda Mondy, Chefin de Mission des ägyptischen Teams, hernach noch aufgekratzter war als ihre Debütantinnen. "Ein großer Tag für uns", erklärte sie, alles sei viel besser gelaufen als erwartet. Auch die Stellungnahme zur allfälligen Textilfrage nahm sie Doaa/Nada ab: "Bei uns entscheidet jede Spielerin selbst, in welcher Kleidung sie antreten will." Erst 2012, nach Protesten von rund 20 afrikanischen Verbänden, hatte der Weltverband FIVB jene Regel gekappt, die das Aussehen der Bikinis vorschrieb; seitdem können auch Spielerinnen wie Doaa und Nada offiziell im Sand antreten.

Auf Ludwig/Walkenhorst lauern atmosphärische Unwägbarkeiten - sobald es gegen Brasilien geht

Arme und Beine bleiben bedeckt, dazu wählte die traditionsbewusste Doaa die Kopfbedeckung, Nada spielte ohne. Die 20 Jahre alte Sportstudentin aus Kairo verkörpert die neue Generation. Im Olympiadorf knüpft sie fleißig Kontakte, den Anstecker der amerikanischen Rugby-Spieler trägt sie an der Jacke. Die sind ja auch neu bei Olympia und gelten als Exoten. Zwar holten die US-Boys das letzte olympische Rugby-Gold überhaupt, aber irgendwie zählt das nicht richtig; das war 1924 in Paris.

So richtig Sportgeschichte wurde im Sand der Copacabana gemacht. Alles sei nun möglich in Ägypten, schwärmte Teamchefin Howyda Mondy, in dem Land, in dem alle Religionen wurzeln - und Beachvolleyball stark im Kommen sei: 400 Spielerinnen hat der Nationalverband registriert, die Partie am Sonntag wurde live im Fernsehen übertragen. Das soll für einen Schub sorgen und lässt verschmerzen, dass sich keiner der zehn mitgereisten ägyptischen Journalisten ins Beachvolleyball-Stadion verirrt hatte. Vielleicht hatten sie dort ja Schlimmeres befürchtet.

Beach Volleyball - Women's Preliminary

Zwei Welten: Olympia-Neuling Doaa Elghobashy aus Ägypten (links) und Medaillen-Kandidatin Kira Walkenhorst aus Deutschland.

(Foto: Lucy Nicholson/Reuters)

Die Party-Spiele in Copacabana hinterließen auch glückliche Gäste aus Deutschland. Die Erleichterung von Michael Vesper überstrahlte gar die Freude seiner sandbestäubten Siegerinnen. Am Strand hatte sich der deutsche Chef de Mission eine kleine Auszeit gegönnt von den bisher recht bemühten Auftritten des übrigen Trosses, der sich fernab durch die Sportstätten im Olympia-Park zu Barra kämpft. "Diejenigen, die schon ausgeschieden sind, sind natürlich enttäuscht", formulierte der DOSB-General zur Lage. "Aber wir haben gesagt, wir werden nicht auf die ersten Tage stieren und uns nervös machen lassen" - von den Erfolgen der anderen, vom Ausbleiben eigener Siege. Womöglich wird die deutsche Teamführung in nächster Zeit noch häufiger therapeutische Hilfe im Beachvolleyball-Stadion suchen.

Ludwig/Walkenhorst sind rechtzeitig aus dem Olympiadorf in ein Appartement in Ipanema umgesiedelt, wo sie die kleine nationale Depression nicht erreicht. Mit dem Auftaktsieg sind sie im olympischen Turnier angekommen - "das ist das Wichtigste, ich war vorher schon sehr nervös", sagt Kira Walkenhorst.

Auf dem Weg zur Medaille warten nun allerdings höhere Hürden, und daneben lauern atmosphärische Unwägbarkeiten. Wenn es gegen Brasilien geht, ist der Partyspaß vorbei. Da neigt das Publikum zu un-olympischen Verhaltensauffälligkeiten. Gern zieht auch mal eine fröhliche Polonaise zu donnernden Samba-Klängen über die Ränge und fordert auf entrollten Transparenten Fora Temer: Raus mit Interims-Staatschef Michel Temer. Daneben buht es auch mitleidlos die gegnerischen Teams nieder. "Das kennt man leider von den Brasilianern", sagt Walkenhorst, "es ist nicht schön, aber nicht zu ändern."

Als nächstes wartet nur das Duo aus Kanada, dann Marta Menegatti/Laura Giombini aus Italien. Menegattis Stammpartnerin Viktoria Orsi Toth war Mitte Juli beim Turnier in Rom positiv auf das anabole Steroid Clostebol getestet und suspendiert worden. Ein Umstand, der Laura Ludwig auch eingedenk der allgegenwärtigen Dopingdebatten in Rio ratlos macht. "Gerade von ihr hätte ich das niemals gedacht", sagt sie. Und fügt hinzu: " Aber wenn sie schon dopt - wer dopt dann noch?"

Der Zweifel tanzt mit, sogar im Sand der Copacabana.

© SZ vom 09.08.2016
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