Beachvolleyball:Der neue Impressionismus

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Beachvolleyball: Neue Nebenrolle: Die Frauen (hier im Viertelfinale Anna Behlen, am Ball, und Sarah Schneider) spielten in Oberschleißheim unter schlechteren Bedingungen als die Männer.

Neue Nebenrolle: Die Frauen (hier im Viertelfinale Anna Behlen, am Ball, und Sarah Schneider) spielten in Oberschleißheim unter schlechteren Bedingungen als die Männer.

(Foto: Bernd Feil/MIS)

Die Organisation der German Beach Tour wurde von einem neuen Ausrichter übernommen, der die Online-Zuschauer in den Mittelpunkt stellt - und in Oberschleißheim wird eine Debatte über Gleichberechtigung ausgetragen.

Von Nelis Heidemann

Timmendorfer Strand heißt der Sehnsuchtsort. Doch da der Weg ja bekanntlich das Ziel ist, wird jeder Schritt dorthin zelebriert. Die German Beach Tour ist die wichtigste nationale Turnierserie im Beachvolleyball. Auf mehreren Events quer durch die Republik können ihre Teilnehmer die erforderlichen Qualifikationspunkte für die deutsche Meisterschaft sammeln, die dann alljährlich in der Gemeinde in Schleswig-Holstein ausgetragen wird.

In München wurde die Serie früher vor Tausenden Zuschauern auf der Theresienwiese oder im Olympiapark gespielt, nun aber stand die Tour nach der Pandemie vor dem Aus: Die Vermarktungsagentur des Deutschen Volleyball-Verbandes, die Deutsche Volleyball-Sport GmbH, war als Ausrichter vorgesehen, musste aber Ende April Insolvenz anmelden.

Die junge "New Beach Order Event GmbH" sprang ein, übernahm die Lizenz und sicherte so die Austragung der Tour. Die Organisation wird jetzt mit wenig Vorlauf abgewickelt. "Das ist alles so ein bisschen Salamitaktik", sagt NBO-Geschäftsführer Alexander Walkenhorst, der die Serie Stück für Stück zusammenbaut. Nach den feststehenden Standorten Düsseldorf, München und Hamburg wurden zuletzt kurzfristig Bremen und Münster als weitere Events bestätigt.

"Es müssen einfach gewisse Werte in unserem Sport gelebt werden", findet Spielervertreter Jonas Reinhardt

Am vergangenen Wochenende gastierte die Serie nun also in Oberschleißheim, an der Olympia-Regattastrecke im Norden Münchens, vor bloß ein paar hundert Besuchern. Denn der Fokus der neuen Ausrichter liegt verstärkt auf dem Stream-Publikum. Walkenhorst führt auch den Streaming-Kanal "Spontent", der eng mit der NBO verbunden ist und neben den Events der German Beach Tour unter anderem auch die Volleyball-Bundesliga überträgt. "Wir haben die für die Sponsoren relevante Reichweite über die digitale Ausspielung", erklärt Walkenhorst. Bei der Spontent-Übertragung auf der Plattform Twitch waren über die gesamte Turnierdauer stets mehrere tausend Zuschauer dabei. "Spontent macht vieles richtig", lobt Jonas Reinhardt, offizieller Spielervertreter und Nummer 17 der deutschen Einzelrangliste.

Starke Bewegtbilder mit Grafiken und Statistiken lassen die Übertragung auf professionellem Niveau erscheinen, Spieler erhalten vor Ort die Möglichkeit, umstrittene Entscheidungen zu challengen, und die Kommentatoren beziehen über einen Livechat die Online-Zuschauer interaktiv mit ein. Ein DJ lädt nach den Spielen zur Afterparty mitten auf dem Center Court.

Schöne neue Sporteventwelt also? Nicht so ganz. Spielervertreter Reinhardt verbreitete am Freitagabend nach den ersten zwei Turniertagen ein langes Statement in den sozialen Medien, in dem er eine bessere Gleichstellung der Geschlechter auf der Tour fordert. Im Kern bemängelte er, dass an den ersten beiden Turniertagen die Frauenkonkurrenz ausschließlich auf dem Nebencourt ausgetragen wurde, wo es eine schlechtere Kameraausstattung und damit auch keine Möglichkeit zur Challenge für die Spielerinnen gibt. Außerdem wurden die Spiele von Spontent nur auf einem Nebenkanal übertragen, und Sitzplätze für Zuschauer auf der Anlage gab es auch nicht.

Das alles ist für Beachvolleyball unüblich, der normalerweise ein Lehrstück für Gleichberechtigung ist und für beide Geschlechter die gleichen Preisgelder zahlt. "Es müssen einfach gewisse Werte in unserem Sport gelebt werden", findet Reinhardt. "Die NBO hat jetzt das Recht an der höchsten deutschen Tour, und da kann man nicht alles so machen, wie man will."

Vielleicht müsse man in diesen sauren Apfel beißen, sagt Olympiasiegerin Kira Walkenhorst - die nur auf Nebenplätzen ran darf

Kira Walkenhorst, Olympiasiegerin in Rio 2016, ist zum Beispiel ein Name, der die German Beach Tour aufwertet. Mit ihrer Partnerin Anna Grüne arbeitet sie daran, nach ihrer Pause wieder zurück an die Spitze zu kommen. In Rio begeisterte sie ein ganzes Land, in München spielte sie all ihre Spiele auf dem Nebenplatz. "Es ist ein schwieriges Thema", sagt Kira Walkenhorst, "es gibt zwei Sichtweisen: Frauen-Beachvolleyball ist sportlich attraktiv und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute abschalten, nur weil ein Frauenspiel übertragen wird. Auf der anderen Seite muss man vielleicht in den sauren Apfel beißen und dem Veranstalter vertrauen, wenn das sein Weg ist, um die Tour wieder auf die Beine zu bringen."

Beachvolleyball: "Es ist einfach so, dass bei Männerspielen dreißig bis vierzig Prozent mehr Impressionen erzeugt werden." - Alexander Walkenhorst, Geschäftsführer von Spontent.

"Es ist einfach so, dass bei Männerspielen dreißig bis vierzig Prozent mehr Impressionen erzeugt werden." - Alexander Walkenhorst, Geschäftsführer von Spontent.

(Foto: Susanne Hübner/Imago)

Dieser Veranstalter wird nun vertreten durch ihren Bruder, was das Thema nicht gerade einfacher macht. Beide haben kaum noch Kontakt. Alexander Walkenhorst weist die Kritik von sich: "Ich kann nicht verstehen, dass nach ein paar Wochen, wo die Dinge vielleicht noch nicht zu hundert, sondern nur zu achtzig Prozent laufen, jetzt solche Themen aufgebracht werden." Allerdings hat Alexander Walkenhorst als Spieler und Moderator bei vielen einen etwas angekratzten Ruf, denn seine geringschätzende Meinung über Frauenvolleyball erregte immer wieder Aufsehen. Jetzt aber legt er Wert darauf, als Geschäftsführer des Tour-Organisators wahrgenommen und nicht an früheren Aussagen gemessen zu werden: "Wir versuchen, Impressionen zu verkaufen", erläutert er - Impressionen sind eine Art Kennwert, der darstellt, wie viele Nutzer ein Online-Inhalt erreicht. "Und es ist einfach so, dass bei Männerspielen dreißig bis vierzig Prozent mehr solcher Impressionen erzeugt werden."

Der Beachvolleyball diskutiert über sich selbst, und das letzte Wort in dieser Debatte ist noch nicht gesprochen worden. Gespielt wurde in München natürlich auch noch: Das Frauenturnier entschied am Sonntag das Duo Christine Aulenbrock/Sandra Ferger vom VfL Osnabrück für sich, die Männerkonkurrenz gewannen die ukrainischen Wildcard-Teilnehmer Sergiy Popov und Eduard Reznik.

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