Euroleague-Playoffs, Pokalsieg und Titelverteidigung: So lautete die Aufgabenstellung für die Basketballer des FC Bayern – kleiner geht es in diesem Verein nicht. Allerdings steht das für jeden Spieler, Trainer oder Funktionär, der sich auf den Münchner Glitzerklub einlässt, in der Stellenbeschreibung. Insofern kann das Zeugnis für die am Sonntagabend zu Ende gegangene Saison nur so ausfallen: ungenügend! Der Präsident höchstselbst hatte an die Ziele oft erinnert, um sie dann schrittweise nach unten zu dimmen. Vor dem entscheidenden fünften Meisterschaftsfinalspiel der Best-of-five-Serie gegen Alba Berlin sprach Herbert Hainer noch davon, dass der nationale Titel dem Klub ein versöhnliches Ende beschere. Doch dann geriet die Münchner Basketballwelt aus den Fugen.
Hainer war nicht mehr zu sprechen. Das galt auch für Uli Hoeneß, der das Basketballprojekt des Klubs vor 15 Jahren auf den Weg gebracht hatte und in der prächtigen, mit 11 500 Zuschauern ausverkauften Arena im Olympiapark dem Meisterjubel beiwohnen wollte. Auch das spielende Personal suchte zügig das Weite, lediglich Niels Giffey versuchte sich an einer Erklärung für das Unerklärbare, die entsprechend ausfiel: „Wir sind alle extrem frustriert, wie wir das gehandhabt haben. Ich kann nicht sagen, wieso. Die gesamte Saison war sehr hart und hinterlässt jetzt Frust. Frust ist jetzt die erste Emotion, denn wir hatten es ja in der Hand.“
Die Bayern führen mit 20 Punkten zur Halbzeit und brechen wie schon im vierten Spiel in Berlin komplett ein
In der Tat, denn die Münchner führten zur Pause mit 20 Punkten Vorsprung. Sie wehrten auch den ersten Angriff der Berliner, die im dritten Viertel ins Spiel zurückgefunden hatten (46:52), recht souverän ab und gingen mit einem immer noch stattlichen 66:53-Vorsprung ins letzte Viertel. Das Spiel lief gut, die Defensive arbeitete bissig, und Andreas Obst, wichtigster Punktelieferant im Bayern-System, erledigte seine Aufgabe mit 24 Punkten einmal mehr vorbildlich. Doch dann kämpfte sich Berlin nochmals zurück, und mit jedem erfolgreichen Dreierwurf wich auf Münchner Seite das Selbstbewusstsein wie aus einem roten Luftballon.

Auch Trainer Svetislav Pesic konnte von der Seitenlinie keine Impulse geben. Er gab in seiner letzten und bemerkenswerten Pressekonferenz zu, dass es ihm nicht gelungen sei, aus dem Ensemble der Hochtalentierten „eine Mannschaft zu bilden“, wie er sagte. Eine Einheit, die es versteht, sich in schweren Momenten aneinander aufzurichten und zurückzukommen, wie es der Gegner vorgeführt hatte. Schon beim Pokal-Aus in eigener Halle gegen Bamberg sahen die Münchner lange wie der Sieger aus, brachen in der Verlängerung aber völlig ein. Man muss dem 76-jährigen Pesic zugutehalten, dass er mit der Kaderzusammenstellung nichts zu tun hatte: Das war noch Angelegenheit seines Vorgängers, des Weltmeister-Coaches Gordon Herbert, und des Sportdirektors Dragan Tarlac. Herbert musste wegen einer desaströsen Niederlagenserie in der Euroleague an Weihnachten die Koffer packen, Tarlac wird von Ulms Sportdirektor Thorsten Leibenath abgelöst.
Pesic, seinerseits 2002 Weltmeister als Trainer, vertritt die alte jugoslawische Schule, die wichtigsten Parameter seiner Arbeit sind Identifikation, Disziplin und Enthusiasmus, wie er im SZ-Interview erklärte. Er spricht gerne vom „sogenannten modernen Basketball“, der ihm zu viel Wert auf Spektakel legt. In seiner Spielidee steht die Defensive im Zentrum. Und holpert es im Angriff, was meist der Fall ist, wenn Welt- und Europameister Andreas Obst nicht punktet, stoßen die Spieler an ihre Grenzen. Dann verzettelt sich einer nach dem anderen in Einzelaktionen, was starke Gegner in der Euroleague zu nutzen wissen. Oder die Berliner.
Akteure wie Isaiah Mike und Justinian Jessup spielen seit Wochen außer Form, Justus Hollatz oder Nenad Dimitrijevic konnten in schweren Momenten das Ruder nicht herumreißen. Mit den Routiniers Xavier Rathan-Mayes und Stefan Jovic, der seit Wochen nicht einmal mehr im Kader steht, hat sich Pesic überworfen. Er habe sein Bestes gegeben, sagte der Trainer noch, aber einige Spieler hätten „bestimmte Gewohnheiten“, die er nicht erlaube: „Individuelle Qualität ist wichtig, aber Basketball ist ein Teamsport.“
Den Neuaufbau der Bayern-Basketballer soll ein neues Team leiten
Harte Worte über die zweifellos beste Auswahl der Liga, den mit Abstand teuersten Kader. Dieser Kader wird jetzt sein Gesicht verändern: Rathan-Mayes, Jovic und Dimitrijevic werden gehen, was wohl auch für Leon Kratzer und David McCormack gilt. Rokas Jokubaitis, dem im Herbst bei der Europameisterschaft das Kreuzband riss und der die gesamte Saison fehlte, soll künftig das Spiel gestalten. In Johannes Thiemann steht ein weiterer Welt- und Europameister als Zugang fest. Den Neuaufbau soll ein neues Team leiten: Sportdirektor Leibenath hat sich in Ulm Meriten verdient, inklusive des Meistertitels 2023. Zudem darf der Wechsel von Trainer Anton Gavel, 41, aus Bamberg trotz eines gültigen Vertrags als fast gesichert gelten, womit die Ulmer Meistermacher komplett wären. Gavel könnte einer sein wie Fußballkollege Vincent Kompany: jung, dynamisch, erfolgshungrig und mit der richtigen Mischung aus Autorität und Spielernähe. Einer dieser „sogenannten jungen, modernen Trainer“, wie Pesic mit spöttischem Unterton zu sagen pflegte. Und Gavel kennt den Klub: Von 2014 bis 2018 spielte er in München, wo er 2018 mit dem Meistertitel seine aktive Karriere beendete. Als Trainer wurde er mit Ulm Meister und im Februar mit Bamberg Pokalsieger.
Die jüngsten Nebengeräusche, die der ehemalige Bamberger Mäzen Michael Stoschek in einem Interview verursachte, dürften mit einer Ablöse aus der Welt geschafft werden. Das zumindest deutete Uli Hoeneß in der Halbzeit am Mikrofon des Senders Dyn an. Da war die Welt der Münchner noch in Ordnung.


