BasketballGroßes Abspecken bei Alba Berlin – nach sechs Spielen geht der Beste

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Boogie Ellis (re.) war der dominante Spieler zu Saisonbeginn bei Alba Berlin, jetzt wechselt er offenbar nach Dubai.
Boogie Ellis (re.) war der dominante Spieler zu Saisonbeginn bei Alba Berlin, jetzt wechselt er offenbar nach Dubai. (Foto: Daniel Lakomski/Jan Huebner/Imago)

Verzicht auf die Euroleague, Budget um die Hälfte gekürzt, und jetzt zieht es nach wenigen Auftritten den Toptransfer nach Dubai – der frühere Basketball-Serienmeister Alba Berlin erlebt die Macht des neuen Geldes.

Von Jonas Beckenkamp

Am 5. August dieses Jahres verkündete der Basketballklub Alba Berlin nicht ohne Stolz eine Neuverpflichtung samt Großbuchstaben: „Guard mit Scorer-Qualitäten: Boogie Ellis verstärkt ALBA BERLIN“, stand auf der vereinseigenen Homepage. Der US-Amerikaner Rejean „Boogie“ Ellis, 24, kam aus dem Farmteam der NBA-Franchise Indiana Pacers an die Spree. Sportdirektor Himar Ojeda sprach von einem „Impact-Spieler“. Einem Mann, der dank seines Könnens sofort Spektakel garantiert. Ellis selbst ließ sich begeistert zitieren, er freue sich, „Teil der Alba-Familie zu sein“ und sein erstes internationales Abenteuer anzugehen.

Und tatsächlich: Auch wenn Alba nach einem personellen Umbruch in diesem Sommer in die Saison stolperte, Ellis lieferte. In ihm lernte die Basketball-Bundesliga (BBL) einen explosiven Spieler kennen, der in seinen ersten drei Ligapartien im Schnitt 13,3 Zähler erzielte – dazu gar 27 und 17 in seinen ersten beiden Champions-League-Spielen. Dass der Flügelspieler nach seiner Ankunft in Berlin direkt zum besten Mann avancierte, unterstrich er zuletzt auch im Pokal: Beim 90:68 gegen Ulm standen am Ende 21 Ellis-Punkte auf dem Spielberichtsbogen.

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Bei Alba haben sie also einen guten Fang gemacht, doch die Freude darüber dürfte sich nun jäh zerschlagen. Denn wie Sportchef Ojeda der SZ am Dienstag bestätigte, steht ein Wechsel des US-Profis zu Dubai BC kurz bevor. „Noch ist die Sache nicht komplett durch, aber es könnte bald über die Bühne gehen“, so der Spanier am Telefon. Der beste Spieler verabschiedet sich nach gerade zehn Wochen und sechs Auftritten in die Wüste, wo ihn ein neu gegründeter Klub mit Öldollars lockt – diese Geschichte steht exemplarisch für eine aus den Fugen geratene Finanzarchitektur in Europas Basketball. Dass die Berliner sich dank einer „Buy-out-Klausel“ eine Entschädigungszahlung aushandeln können – geschenkt. Sie verlieren wie aus dem Nichts eine Führungskraft in Richtung jener Euroleague, von der sie sich in dieser Saison bewusst losgesagt haben. Das sitzt.

„Klar ist das ungewöhnlich“, räumt Ojeda ein, „so läuft das eben mit der Entwicklung der Euroleague.“ Dass Dubai nach gesicherten SZ-Informationen gar nicht in Europa liegt, ist nur ein wunderlicher Aspekt dieses Veränderungsprozesses. Der Klub stammt aus dem Land eines neuen Euroleague-Geldgebers und hat dadurch gewissermaßen den Platz übernommen, den Alba aufgab. In Berlin konnte man sich dem Vernehmen nach das Startgeld von mehreren Millionen Euro für den privatwirtschaftlich organisierten Wettbewerb nicht mehr leisten. Alba ging bewusst den Weg in die zweitklassige Champions League, die vom Weltverband Fiba ausgetragen wird. In der die Gegner nun aus Aserbaidschan oder Tschechien kommen – und nicht mehr aus Piräus oder Belgrad. Oder aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es gebe „Klubs mit schier unendlichen finanziellen Mitteln“, sagt Ojeda, „wenn dort ein Spieler benötigt wird, holt man halt einen.“ So wie Dubai BC im Fall von Boogie Ellis, der zudem sein Gehalt deutlich aufbessert.

Sportdirektor Himar Ojeda (li.) und Alba-Aufsichtsrat Axel Schweitzer müssen gemeinsam mit Geschäftsführer Marco Baldi den Umbruch in Berlin moderieren.
Sportdirektor Himar Ojeda (li.) und Alba-Aufsichtsrat Axel Schweitzer müssen gemeinsam mit Geschäftsführer Marco Baldi den Umbruch in Berlin moderieren. (Foto: Andreas Gora/dpa)

Für die Berliner, früher immerhin deutscher Serienmeister, bedeutet das doppelten Stress: Nachdem man infolge einer ernüchternden Vorsaison (nur Platz sieben, Aus im BBL-Viertelfinale) im Sommer fast den ganzen Kader auf links gedreht hatte, gilt es jetzt, Ellis zu ersetzen. Und gleichzeitig ohne allzu viele Anlaufschwierigkeiten neu zusammenzufinden. Der Saisonstart offenbarte mit einigen Pleiten, wie verzwickt diese Mission ist. Platz elf in der BBL, eine löchrige Defensive – der sogenannte „Berliner Weg“ mit seinem Fokus auf einheimische, im Bestfall in der Hauptstadt ausgebildete Talente ist zum Hindernislauf geworden. Für den um Optimismus bemühten Ojeda heißt das: Tüfteln, scouten, verhandeln, den Neustart mit dem richtigen „Mindset“ voranzutreiben, wie er sagt. „Wir brauchen jemanden, der zu unserer Kultur passt. Der logische Weg ist, sich in der NBA umzuschauen.“ Zum Saisonbeginn diese Woche fallen dort etliche Profis aus den aufgeblähten Kadern der Vorbereitung, da könnte Alba fündig werden.

Alba Berlin könnte nun in der NBA fündig werden – bei Verstärkungen und auch in anderer Hinsicht

Dass sie in Berlin nach neun Jahren unter Ojedas Direktive überhaupt alles umstellen müssen und sich verkleinern, um irgendwann wieder zu wachsen, illustriert die Zwänge in Europas Basketball. Aus einem 15-Mann-Kader wurde eine 12er-Version, Gutverdiener wie Scharfschütze Matt Thomas oder der Italiener Gabriele Procida ersetzte man mit Talenten wie dem deutschen U19-WM-Zweiten Jack Kayil (zuletzt in Serbien aktiv) oder dem Deutsch-Amerikaner Sam Griesel (kam aus Bonn). Es hat ein wenig was vom Einkaufen beim Discounter nach ausgiebiger KaDeWe-Feinkost. Doch nach Jahren am Tabellenende der Euroleague war die Teilnahme an der zweitbesten Liga der Welt für die Albatrosse kein erstrebenswertes Ziel mehr. Der Klub entschied sich schließlich gegen die von Investoren und privaten Mäzenen alimentierte Konkurrenz mit ihren Schuldenbergen. Er konnte finanziell einfach nicht mithalten, warum also jedes Jahr einen Haufen Niederlagen kassieren?

Das machte ein Abspecken nötig, denn während die im Ligaformat ausgetragene Euroleague Einnahmen aus 19 (in Berlin oft gut besuchten) Heimspielen garantiert, sind in der Champions League im Gruppentableau mit je vier Teams zunächst nur drei Heimauftritte sicher. Beim Personalbudget nahm Alba deshalb Kürzungen um die 50 Prozent in Kauf, wie Ojeda bestätigt. Angeblich senkte der Verein Ausgaben für Gehälter gar von 8,15 Millionen Euro auf vier Millionen – in jedem Fall fiel das Downgrade „drastisch“ aus, wie der Sportchef bestätigt. Dafür fühlen sich die Berliner nun auf einem nachhaltigeren Pfad, auf dem sie ihre Identität als Ausbildungsklub bewahren können.

Und der vielleicht sogar in die NBA führt. Falls es in den kommenden zwei Jahren tatsächlich zu einer Expansion der US-Profiliga auf den Alten Kontinent kommt, funktioniert das nur durch eine Kooperation mit den Fiba-Wettbewerben. Dazu zählt die Euroleague explizit nicht, weshalb Ojeda deutlich wird: Es fehle schlicht „an gemeinsamen Werten“. Die Pläne der Fiba, einen NBA-Ableger mit Standorten in europäischen Großstädten als Konkurrenz aufzuziehen, bezeichnet er dagegen als „sehr attraktiv“. Aber zunächst muss er einen Guard mit Scorer-Qualitäten finden. So wie damals, am 5. August.

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