Süddeutsche Zeitung

Bayern-Trainer Pep Guardiola:Sehnsucht nach dem Unsichtbaren

Vor dem Trainingsauftakt des FC Bayern kursiert wieder die gemeine Frage: Was kann Pep Guardiola überhaupt noch bewegen? Die Antwort: eine Menge. Vor allem geht es darum, seiner Elf das Gespür für den Augenblick zu vermitteln.

Von Christof Kneer

An diesem Mittwoch werden die Zuschauer in der Münchner Arena ihre Triple-Helden sehen und ihnen zujubeln. Sie werden das Klubmaskottchen sehen und ihm zujubeln, sie werden Hermann Gerland sehen, dem sie sowieso zujubeln, und sie werden bestimmt einen hübschen Trainingskick gezeigt bekommen, bei dem das eine oder andere Tor fällt. An diesem Mittwoch trainieren die Bayern zum ersten Mal unter ihrem neuen Trainer, aber der neue Trainer wird die Veranstaltung wohl nur höflichkeitshalber "Training" nennen.

Pep Guardiola hat versprochen, sich anzupassen an seinen neuen Klub und dessen Kultur, und zu dieser Kultur zählt nun mal, dass immer wieder mal Menschen am Trainingsplatz stehen, wenn auch nicht gerade 25 000 wie an diesem Mittwoch. Der Künstler schätzt Einblicke in den Probenraum nicht so sehr, er findet, dass die Leute lieber bei der Aufführung dabei sein sollen.

Und bei aller Demut, die er beim ersten öffentlichen Auftritt ausgestrahlt hat: Guardiola ist wohl schon auch der Ansicht, dass der gewöhnliche Probenbesucher gerade das, was Guardiola sehen will, gar nicht sieht. Was Pep Guardiola sehen will, ist: das Unsichtbare.

Spätestens seit Arjen Robbens Siegtor im Londoner Wembleystadion und allerspätestens seit dem DFB-Pokalsieg im Berliner Olympiastadion steht ja diese gemeine Frage über allem: Was will denn der Neue jetzt noch gewinnen? Diese Ausgangsposition müsse er "akzeptieren", hat Guardiola gesagt, "ich muss damit leben".

Das ist Pep Guardiolas Dilemma: In allen Kategorien, die man messen kann, hat dieser Klub keine Luft mehr nach oben. Und jene Kategorien, in denen noch Luft nach oben ist, kann man nicht messen.

Das Training - wenn auch nicht unbedingt das Auftakttraining - ist das, worauf die Spieler am meisten gespannt sind. Sie haben mit hohem Respekt zur Kenntnis genommen, wie sich Guardiolas Vorgänger Jupp Heynckes auf den letzten Metern seiner Karriere noch mal neu erfunden hat, wie aufrecht er die Mannschaft geführt und wie er mit verändertem Training das anfällige Mittelfeldzentrum stabilisiert hat. Das ist der Grund, warum die Spieler in ihrer öffentlichen Vorfreude auf Guardiola vage bleiben; sie sagen höchstens, dass sie sich auf seine präzisen Ansagen freuen oder auf seine "detaillierte Arbeit".

Alle schätzen Heynckes

Sie mögen und sie schätzen ihren Jupp, und sie wollen eines vermeiden: dass alles, was sie über den neuen Trainer sagen, gegen den alten verwendet wird.

Es klingt absurd, aber es ist so: Die Bayern haben alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt, trotzdem hat die Saison dem neuen Trainer eine Menge Arbeit übrig gelassen. Wer Bayerns beeindruckende Saison verfolgt hat, hat eines ja nicht übersehen können: Das Spiel war erbaut auf einem monumentalen Willen, auf straffer Physis, glänzender Personalführung, professioneller Ordnung, hohem Tempo und noch höherer individueller Qualität.

Dennoch herrscht im Team eine Sehnsucht nach dem Unsichtbaren - nach jenen auf den ersten Blick schwer zu entziffernden Details, die einzelne Spieler noch mal übers eigene Niveau hinausheben. Guardiola ist nicht bekannt dafür, dass er Spieler besser macht - er ist bekannt dafür, dass er sie in einen besseren Zusammenhang bringt.

Ein Detailfanatiker wie Guardiola wird beim Studium seiner neuen Elf einige Szenen gefunden haben, die auf den ersten Blick sehr gut und auf den zweiten verbesserungswürdig waren - wenn Van Buyten eine Lücke zum Sololauf nutzt, damit aber die Ordnung aufhebt; wenn Robben ein Dribbling wagt und vergisst, dass die Mannschaft hinter ihm nicht kompakt steht, was einen Ballverlust zur fatalen Falle machen würde; wenn Neuer schnell abwirft, obwohl die Vorderleute noch nicht bereit sind.

Das ist Guardiolas Anspruch: einer Elf das Gespür für den Augenblick zu vermitteln, ein Gespür für Beschleunigung und Verlangsamung im rechten Moment, einen Sinn für Strategie - und das Bewusstsein, dass auf dem Platz alles mit allem und jeder mit jedem zusammenhängt.

Um diesen Triple-Sieger nach seinem Bilde zu formen, braucht Guardiola eine Menge: Er braucht Zeit, Autorität und Sprache, er braucht spielintelligente Profis, und er braucht Härte, falls er merkt, dass einem der Promis im Team diese Spielintelligenz fehlt. Aber vor allem wird Pep Guardiola sich erst mal selber beweisen müssen, dass er am neuen Ort derselbe Weltklasse-Trainer sein kann wie an seinem alten. Für diesen Beweis, das weiß er, wird es mehr brauchen als ein Auftakttraining vor 25 000 Zuschauern.

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SZ vom 26.06.2013/jbe
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