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Bayern-Sieg bei Arsenal:Ein echter Gegner - 20 Minuten lang

"Wir haben den Anfang verschlafen": Der FC Bayern kommt zu Beginn der Partie beim FC Arsenal in Bedrängnis wie lange nicht. Doch dann demonstrieren die Münchner im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals, wie sie eine Partie an sich reißen können.

Irgendetwas war diesmal anders als sonst. Klar, Champions League, die hellste vorstellbare Bühne, dieses besondere Flair, das Bewusstsein, dass die ganze Fußballwelt zuschaut. Aber das allein machte nicht den Unterschied. Da war noch etwas: ein richtiger Gegner. Der FC Arsenal rannte gegen die Bayern an - ein ganzes Stadion spürte, dass diesmal was drin sein könnte gegen die beste Klubmannschaft der Welt, gegen diese nimmersatten Seriensieger aus München. Ein Heidenspektakel nahm seinen Lauf, denn so einen lästigen Aufstand mussten Pep Guardiolas Männer lange nicht abwehren.

Der Sturm dauerte 20 Minuten. Dann hingen die Londoner keuchend in den Seilen.

Sie waren erledigt, während der FC Bayern mit 2:0 (0:0) über sie hinwegkombinierte. Selten hatte es so eine seltsame Wendung in einem Fußballspiel gegeben, wie ließ sich das nur erklären? "Angst hatten wir nicht", so ein Deutungsversuch des unerschütterlichen Jérôme Boateng, "wir haben einfach den Anfang verschlafen und hatten zu viele Ballverluste." Nur ein bisschen gepennt, so banal ist das manchmal. Die Geschehnisse wirkten wie ein Sparringsprogramm, bei dem der Dicke den aufmüpfigen Kleinen einfach irgendwann umhaut und grummelt: "Jetzt reicht's aber."

Bis es so weit war, ließen die Engländer den deutschen Rekordmeister gewaltig menscheln. Guardiolas Kur mit Philipp Lahms Rückversetzung nach hinten rechts und Javi Martínez als Wachhund vor der Abwehr war vielleicht doch der eine Kniff zu viel. Die Bayern wackelten gehörig, besonders zwischen Mittelfeld und Abwehr stimmte es nicht. "Wir hatten sehr große Probleme und können von Glück reden, dass wir nicht in Rückstand gerieten", räumte Mario Götze ein.

Gleich mehrfach musste Manuel Neuer dem Inselpublikum vorführen, was ein richtig guter Torhüter alles drauf hat: Er tauchte nach einem Schuss von Stürmer Yaya Sanogo, wehrte gegen Santi Cazorla ab und dann trug sich das zu, was Thomas Müller später als "Schlüsselszene" beschrieb: Boateng legte Mesut Özil plump aufs Kreuz, der Deutsche im Arsenal-Trikot durfte danach zum Elfmeter antreten. Dass Neuer Özils laschen Versuch (9. Minute) ebenso entschärfte, raubte den Londonern plötzlich den Esprit, während die Bayern sich fingen.

"Ohne Ballbesitz kann man nicht gut spielen. Das ist in den ersten Minuten geschehen", sagte Guardiola, "da haben wir den Ball schnell weggegeben. Nach dem vergebenen Elfmeter haben wir das Spiel besser kontrolliert und gewendet". Plötzlich eröffneten die Münchner ihr gewohntes Powerplay, sie zelebrierten die Art von Fußball, die ihren Gegnern die Luft abschnürt. Es folgte der zweite Schlüsselmoment, als Arsenal-Keeper Wojciech Szczęsny nach einem Chip-Pass von Toni Kroos auf Arjen Robben aus dem Tor flog, aber nicht den Ball, sondern Robben traf und mit Rot vom Platz musste. Dass David Alaba in lautem Getöse beim Elfmeter nur den Pfosten traf (40.) - geschenkt.

"Zu zehnt ist es absolut unmöglich, sie anzugreifen", erklärte Arsenal-Kapitän Per Mertesacker die Münchner Dominanz, "es sieht so einfach aus, wie sie den Ball kreisen lassen, aber du kannst nichts machen". Die Bayern sperrten ihren Gegner auch mit feinjustierter Formation (Guardiola hatte Lahm wieder ins Zentrum beordert und dafür Martínez in die Abwehr) in den Kurzpass-Folterkeller und quälten ihn ausgiebig. Als prägende Figur dieser Prozedur entpuppte sich Toni Kroos, dessen Treffer zum 1:0 (54.) ästhetisch wertvoller wirkte als so manches Exponat in der Tate Modern.

Kroos ließ mit seiner Finesse, seinem Taktgefühl und seiner ständigen Bereitschaft, das Spiel zu bestimmen, sogar seinen Trainer schwärmen: "Er war grandissimo, unglaublich. Ich mag Spieler mit der Persönlichkeit, immer den Ball zu wollen", sagte Guardiola - in diesem Moment war kaum vorstellbar, dass sich die Vertragsverhandlungen zwischen dem hochbegabten Super-super-Nationalspieler und dem Verein noch zerschlagen. Es war ein Abend, an dem sich eh alles zu Gunsten der Bayern wendete. Vielleicht hätte jemand Kroos einfach ein neues Arbeitspapier zur Unterschrift hinhalten sollen, er hätte bestimmt unterschrieben.

So störte es auch nicht, dass Thomas Müller zunächst nur auf der Bank gesessen hatte. Als er hereinkam, stocherte er erst ein wenig im Sechzehner herum und erzielte dann nach einer Lahm-Flanke das 2:0 (88.). "A very nice result", sei das, bilanzierte Müller bei den Reportern der BBC. Irgendwas war wirklich anders. Plötzlich konnten die Bayern-Spieler sogar fließend Englisch.

© SZ.de/hum/rus
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