Sportpolitik Europas Fußball droht in Sachen Klub-WM eine Zerreißprobe

99 Prozent - also fast alle. Außer zwei? Ziemlich dieselbe Marge jedenfalls kennzeichnet nun auch die Alleingänge von Real und Bayern in Sachen Klub-WM.

Auch hier steht das Duo gegen ein überwältigendes Votum der 232 ECA-Mitglieder - und, besonders kurios, sogar gegen ihr eigenes. Denn den Brandbrief, den die ECA drei Tage vor der Fifa-Ratssitzung in Miami an Infantino gerichtet hatte, haben auch die Vertreter Bayerns und Reals unterzeichnet, Gerlinger und López. Das Schreiben warf dem Fifa-Boss intransparente Amtsführung vor, das Verschleiern wichtiger Geschäftsinformationen - sein ganzer Geschäftsstil sei "beunruhigend". Auch deshalb schmetterten sie Infantinos 24er-Klub-WM unmissverständlich ab: Kein ECA-Mitglied werde "an so einem Turnier teilnehmen". Man sei erst nach Ablauf des aktuellen Match-Kalenders ab 2024 bereit, neue Formate zu diskutieren.

Dass der Fifa-Patron in Miami trotzdem seinen Willen bekommen würde, war klar. Das Fifa-Council boxte die Klub-WM durch, wie üblich mit den Stimmen der Zwergverbände von Vanuatu bis zu den Turks&Caicos-Inseln - und gegen die Voten aller Uefa-Vertreter. Weil aber im Fußballbusiness nicht einige Funktionäre aus Karibik- und Südsee-Atollen einfach den Kurs der milliardenschweren Klubs von London bis Barcelona bestimmen können, flogen die Europäer recht gelassen nach Hause. Gleich nach der Sitzung teilte die ECA mit, dass ihre Ablehnung unverändert bestehe. Und, klar: ohne Europa-Vertreter keine Weltmeisterschaft.

Doch dann vergingen keine 48 Stunden, und schon sprangen die Abweichler aus dem Gebüsch.

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Fifa

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Die globale Nations League? Vom Tisch. Die aufgeblähte WM in Katar? Schwer machbar. Doch bei der neuen Klub-WM sieht Fifa-Präsident Gianni Infantino, wie der Widerstand aus Europa bröckelt.   Von Thomas Kistner

Real Madrid erklärte, man sei "stolz darauf", an Infantinos neuem Turnier mitzuwirken. Rummenigge warb für die Klub-WM in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, welches er schon Tage vor dem Miami-Beschluss gegeben hatte. Und Hoeneß schließlich konnte es gar "kaum erwarten", dass Infantinos Vision endlich umgesetzt wird. Klub-WM? "Her damit!"

Entsprechend verärgert trafen sich die ECA-Vorstände am Dienstag in Nyon. Und stellten sich dort klar gegen die beiden Abtrünnigen: "Die Position der ECA in Bezug auf die Klub-WM ist dieselbe, die zuvor in dem Brief ausgedrückt wurde, den der ECA-Vorstand unterzeichnet hat", teilte ein Sprecher der SZ mit. Am kommenden Dienstag folgt nun die ECA-Vollversammlung in Amsterdam. Unter Punkt 9 der Agenda sind "Fifa-Angelegenheiten" angekündigt. Diesmal könnte es ein Votum aller 232 Mitglieder der ECA geben, die ja nicht nur Branchengrößen vom Kaliber Bayern/Real repräsentiert, sondern auch Klubs wie AEK Larnaka und AS Trenčín, FK Viking oder Wisla Krakau. Ob die alle an einer Zukunft basteln wollen, in der ein paar Klubs für dreistellige Millionenprämien Teams aus Asien, Afrika und der Karibik wegfegen, die Namen wie Pakhtakor oder Buriram tragen, Lobi Stars, Al Ahly oder Santos Lugana? Das wird bezweifelt.

Europas Fußball droht also eine Zerreißprobe. Es ist von vielen Telefonaten die Rede, die Infantinos wenige Freunde im europäischen Klubfußball angeblich führen. Lassen sie die Drähte glühen, weil sie wissen, dass der Fifa-Patron mit seinen mysteriösen Geschäftsfreunden aus so einem neuen Turnier hohe Erlöse destillieren wird? Sehen sie bloß die Geldscheine?

In jedem Fall übersehen sie so einiges. Seit gut einem Jahr versucht Infantino, der Branche neue Turnierformate aufzuzwängen. Was er nicht tut, ist die Investoren zu benennen, die dafür angeblich Milliarden lockerzumachen bereit sind. Diese wurden erst bekannt, als ein geheimes Arbeitspapier aufflog, das der Fifa-Boss mit ihnen ausgearbeitet hatte (SZ vom 17.11.2018): Es handelt sich um den japanischen Tech-Konzern Softbank, dessen Investoren wiederum vor allem im arabischen Raum sitzen. Ihnen wurde in dem Arbeitspapier der Erwerb fast sämtlicher Fifa-Rechte in Aussicht gestellt, neue Turnierformate wie die Klub-WM erschienen nur als Vorwand für den Mega-Ausverkauf. Vor allem aus derlei Geheimcoups speist sich der Argwohn, den die Uefa und die ECA gegenüber Infantinos Geschäftsgebaren hegen. Außer halt offenbar: Real und Bayern.

Was also, wenn die ECA am Dienstag - oder auch später - gegen die neue Klub-WM votiert? Dann müsste man in München und Madrid wohl klein beigeben. Oder aus der ECA austreten? Bei Twitter wird man es bestimmt erfahren.

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