Süddeutsche Zeitung

Bayern-Profis Dante und Gustavo:Untröstlich im Flieger nach Brasilien

Lesezeit: 3 min

Weil Brasiliens Verband auf die pünktliche Abstellung seiner Nationalspieler pocht, lässt der FC Bayern seine Defensivkräfte Dante und Gustavo trotz des anstehenden Pokalfinals zur Nationalelf ziehen. Die Münchner dachten, dass sich der DFB um sämtliche Regularien kümmert - offenbar ein Irrtum.

Von Andreas Burkert

Letzten Samstag ist Dante Bonfim Costa Santos nicht ansprechbar gewesen. Er lustwandelte durch die Gänge des Londoner Wembley-Stadions, auf der Schulter schaukelte ein kleiner Ghettoblaster. Der Recorder spielte rhythmische Klänge aus seiner brasilianischer Heimat, Dante sang sehr laut mit. So ging das die ganze Nacht, mit seiner angereisten Großfamilie prägte er bis zur Rückkehr des Tageslichts die Teamparty nach dem Champions-League-Triumph des FC Bayern.

Die Münchner Feierlichkeiten sollen ihren Höhepunkt aber erst am Sonntag erleben, nach der Rückkehr vom Berliner Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart. Dante indes, die ziemlich beliebte Stimmungskanone, die gleich in der ersten Saison zum Führungsspieler aufrückte, wird untröstlich sein. Denn er ist dann nicht dabei.

Ein wenig unter Schock standen die Bayern am Donnerstag, als Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge nach dem Training mitteilen musste, dass Dante, 29, und auch Landsmann Luiz Gustavo, 25, beim Finale am Samstagabend fehlen werden. Vielmehr reisten beide noch am Abend über Frankfurt nach Rio de Janeiro, womit sie einer ultimativen Aufforderung des brasilianischen Verbandes schweren Herzens Folge leisteten.

Am 15. Juni beginnt in Brasilien der Konföderationen-Pokal, die Generalprobe für die WM 2014, und gemäß den Statuten des Weltverbandes Fifa müssen die Spieler von ihren Klubs 14 Tage vorher abgestellt werden. Deadline: Samstag, 16 Uhr hiesiger Zeit. "Wir werden die Spieler freigeben", musste Rummenigge deshalb am Ende einer gescheiterten diplomatischen Mission mitteilen, "wir werden genötigt zu diesem Schritt." Er sprach, erstaunlich moderat, von "einem Planungsfehler des DFB", der Deutsche Fußball-Bund habe auch nicht rechtzeitig "ein Gentleman Agreement" mit den Brasilianern angestrebt.

Das Verhalten des brasilianischen Verbandes CBF, dessen Sportchef Carlos Alberto Parreira den beiden Spielern bei Nicht-Erscheinen mit dem Ausschluss aus dem Nationalkader gedroht hatte, nannte Rummenigge "unmenschlich, skrupellos und ein Stück unfair".

Seit zwei Wochen stand dieses Problem im Raum, "relativ kurzfristig", so Rummenigge, habe Brasilien für diesen Sonntag einen Test gegen England anberaumt und das Bayern-Duo angefordert. Ob neben dem DFB auch die Bayern fahrlässig gewesen seien, kommentierte er nicht; der Verein ist mit Ansetzung der Berliner Finalpartie für den 1. Juni wohl davon ausgegangen, dass der DFB sich um sämtliche Regularien gekümmert hat - offenbar ein böser Irrtum.

Der DFB fühlt sich nicht angesprochen

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach weilt beim Fifa-Meeting auf Mauritius, dort hat er laut Rummenigge mit dem Fifa-Paten Sepp Blatter und brasilianischen Emissären verhandelt. Die Bayern schickten ein freundschaftliches Gesuch - und Trainer Jupp Heynckes telefonierte am Mittwoch sogar noch mit Felipe Scolari, Brasiliens Nationalcoach; auch Dante hielt verzweifelt Kontakt. Alles vergebens.

"Das ist ein absoluter Wahnsinn, dass die Spieler so ein Finale nicht spielen können, weil irgendwelche Leute Fehler gemacht haben", sagte Bastian Schweinsteiger ungläubig und verärgert zugleich.

Der DFB fühlt sich aber nicht angesprochen: Die Terminierung des Pokalfinales sei in Präsidium und Ligavorstand ausgiebig diskutiert und gemeinsam beschlossen worden, sagte Generalsekretär Helmut Sandrock. Man habe wie stets auf eine Einigung im Einzelfall vertraut, "dass sich die Brasilianer so stur stellen, ist für uns nicht nachvollziehbar". Die Einzelfälle Dante und Luiz Gustavo - mit den Spaniern gibt es wegen Javier Martínez keine Probleme - wären nun jedoch laut Rummenigge vor der Wahl gestanden, mit den Bayern den Gewinn des Triples anzugehen - oder für immer aus der seleção zu fliegen. "Eine Art Psychoterror" hätten die CBF-Vertreter ausgeübt - ein Zeichen, wie sehr die erfolglose Auswahl des WM-Gastgebers unter Druck stehe.

Vor die Entscheidung Bayern oder Nationalteam habe man die zwei erst gar nicht gestellt im Gespräch mit Heynckes und Sportchef Matthias Sammer: "Wir wissen, was die Nationalmannschaft für einen Brasilianer bedeutet." Das Risiko eines Rechtsstreits habe man nicht eingehen wollen, zumal die Fifa den DFB "theoretisch" hätte auffordern können, das Pokalfinale unabhängig vom Spielausgang "mit 0:2 oder 0:3 gegen uns zu werten".

Fürs Nationalteam hatte Dante im Januar - gegen England (1:2) - debütiert. Für ihn ging ein Traum in Erfüllung, daheim in Salvador da Bahia stieg eine große Party; alle trugen T-Shirts mit seinem Namen, "nicht nur Mama hat geweint", erzählte er kürzlich. Nun hat Dante Tränen des Schmerzes vergossen. "Ich habe Dante die ganze Saison fröhlich und lachend erlebt", sagte Rummenigge - "heute hatte er zum ersten Mal traurige Augen." Für ihn wird nun Daniel Van Buyten in Berlin in der Innenverteidigung auflaufen (der wie Claudio Pizarro seinen Vertrag verlängern soll). Dante und auch die Mittelfeld-Option Gustavo werden in Rio vor dem Fernseher sitzen. Und leiden.

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SZ vom 31.05.2013
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