Süddeutsche Zeitung

Bayern-Niederlage gegen Gladbach:So unerwartet wie verdient verloren

  • Der Welttorhüter leitet mit einem selten kuriosen Lapsus die erste Heimniederlage des FC Bayern ein.
  • Dem Tabellenführer fehlen kreative Ideen, Gladbach dagegen macht es extrem geschickt.
  • Arjen Robben fällt mit einem Bauchmuskelriss mehrere Wochen aus.
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Von Gunnar Jans

Vor acht Tagen noch hatte Manuel Neuer ein Foto bei Facebook gepostet, wie er sich beim Langlaufen versuchte, etwas ungelenk sah er da aus. Einsam stand er auf seinen Brettern, ähnlich einsam hatte man ihn ein paar Tage zuvor in der Champions League gesehen, als er beim 7:0 gegen Donezk zuweilen scheinbar gelangweilt seine Freizeit im Mittelkreis von Fröttmaning verbrachte. Danach hatte der Trainer dem Torwart eine schöpferische Pause verordnet, in Bremen spielte Ersatzmann Reina.

Nun sind die Loipenverhältnisse im vergangene Woche von der Sonne verwöhnten Bayern nicht besser geworden, und Neuer, der offenbar nichts anderes vorhatte, kehrte zurück auf den Rasen der Arena, wo er einen feurigen Gegner erwartete. Einen mutigen Auftritt hatten die Gladbacher Borussen versprochen für ihr Gastspiel in München, Neuer sollte also beschäftigt werden. Die erste halbe Stunde verbrachte er tatenlos. Man könnte auch sagen: Er war außer Übung.

Doch taugt das als Erklärung für diese seltsame Szene in der 30. Minute, für den ungelenken Auftritt des Welttorhüters, der nach gängiger Expertenmeinung ein verdienter Weltfußballer 2014 gewesen wäre und sich dann einen Fehler leistete, mit dem er nicht mal mehr nominiert werden würde für die von Franz Beckenbauer gern zitierte "Uwe-Seeler-Traditionself"?

Neuer ist auch nur ein Mensch

Beim ersten Angriff der Gladbacher kam der nach Patrick Herrmanns Zuspiel von Raffael dropkick genommene Ball direkt auf ihn zu, weder besonders hart noch tückisch. Neuer hatte die Finger dran. Und durch diese flutschte ihm das Ding dann ins Netz, Neuer hechtete noch hinterher, das ließ ihn nicht besser aussehen. Das 0:1 wurde Raffael zugeschrieben, mindestens der Assist aber gebührte Neuer, der sich schon zum vierten Mal einen Fehler gegen Gladbach leistete, aber noch keinen wie diesen. Dabei gibt es für diesen Moment völliger Umnachtung am späten Sonntagnachmittag, für den nicht mal eine partielle Sonnenfinsternis herhalten kann, durchaus eine Erklärung: Neuer ist auch nur ein Mensch.

Und keine Maschine, die man nach Belieben aus- und einschalten kann. Wäre er das, er würde wohl viel häufiger den Power-Knopf drücken, so aber muss er immer auf dem Posten sein, läuft meist aber auf Stand-By-Modus: In den letzten 330 Minuten, das ermittelten findige Statistiker zur Halbzeit, hatte Neuer keinen einzigen Schuss auf sein Tor gehalten - es gab auch nur zwei, und beide landeten im Netz.

Bauchmuskelriss bei Robben

Überhaupt sind diese Bayern, das machte dieses am Ende so überraschende wie verdiente 0:2 gegen den Tabellendritten deutlich, trotz aller Dominanz und Ballbesitzfußall keine Maschinen. Dass sich Kreativität nicht so leicht programmieren lässt, erkannte man spätestens, als Arjen Robben, nach 24 Minuten mit Tony Jantschke zusammengeprallt, vom Platz musste. Die spielerischen Momente blieben aus, aller Schwung war dahin, Robbens Ideen fehlten, und sie werden es noch länger tun: Mit schmerzverzerrtem Gesicht musste der Niederländer vom Platz geführt werden, sorgenvoll blickten auch Frau und Kind, die ihn in die Praxis des Vereinsarztes begleiteten, und niederschmetternd las sich das Bulletin, das der FC Bayern am Abend verbreitete: ein Riss in der Bauchmuskulatur, mehrere Wochen Pause.

Die Champions-League-Viertelfinalspiele gegen Porto im April wird er vermutlich verpassen. "Die Verletzung ist genauso schmerzhaft wie die Niederlage", klagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Streiche Robben, setze Thomas Müller, das klingt nach Luxus, doch ideenreicher machte dies das Spiel der Bayern nicht. Gefälliger Ballbesitz ohne Chancen, diese Art Dominanzfußball wurde von den Gladbachern weitgehend neutralisiert.

Schweinsteiger: "Gladbach war clever"

"Ich hatte das Gefühl, wir hatten das Spiel im Griff", sagte Bastian Schweinsteiger, "aber Gladbach war clever." Sie stellten sich hinten rein. "So wie Gladbach verteidigt hat, ist es nicht verwunderlich, dass wir so wenig Räume hatten", meinte Müller, während Trainer Pep Guardiola gestand: "Es ist nicht einfach gegen eine Mannschaft, die mit elf Mann in der eigenen Hälfte steht. Wir haben alles versucht."

Zu sehen war davon wenig, heraus kam dabei nichts. Überraschende Momente, gefährliche gar? Nicht in der ersten Halbzeit und auch nicht zu Beginn der zweiten, in der Guardiola trotz der destruktiven Taktik des Gegners zunächst weiter auf die Doppel-Absicherung Schweinsteiger/Alonso setzte.

Was tun? Franck Ribéry, noch angeschlagen, konnte er nicht bringen, der Franzose fehlte mitsamt seiner Ideen. Guardiolas Idee nach einer Stunde war es, Alonso dann doch zu ersetzen, er brachte Sebastian Rode, zehn Minuten später kam Philipp Lahm für Mario Götze - und dann unerwartet wieder Gladbach vors Bayern-Tor. André Hahn zog ab, das Publikum hielt den Atem an: Was würde Neuer machen, der seit seinem Fehler aus der 30. Minute in der Kälte gestanden hatte, ohne eine Reaktion zeigen zu können? Nun lenkte er den Ball an den Pfosten, das Können war zurück, das Glück aber flüchtig.

Gladbachs Bilanz: drei Schüsse, zwei Tore

77. Minute: ein Bilderbuch-Konter von Herrmann über Kramer auf Raffael - und der schob aus zehn Metern ein zum 2:0-Endstand. Gladbachs Bilanz: drei Schüsse, zwei Tore. "Ein richtiger big point", sagte Manager Max Eberl mit Blick auf die Champions-League-Plätze, "das bringt auch nur drei Punkte, aber die tun sehr gut." Das sagten die Bayern auch über ihre ersten Heimniederlage seit elf Monaten. "Rückschläge wegzustecken, das zeichnet Sieger aus", meinte Sportvorstand Sammer, "und am Ende werden wir der Sieger sein."

Neuer übrigens war beim 0:2 spät heruntergekommen; ob er auch dabei schlecht aussah, darüber ließe sich diskutieren. Die Szene, die für mehr Gesprächsstoff sorgte, lag da schon lange hinter ihm, seine eigene Erklärung fiel dürftig aus: "Ich wollte den Ball festhalten und ihn nicht abklatschen lassen." Bastian Schweinsteiger sagte: "Solche Spiele sind auch gut, weil wir aus den Fehlern lernen können." Der Kapitän meinte nicht einmal den Torwart.

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Quelle:
SZ vom 23.03.2015/fie
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