Champions League Klopp probt gegen Bayern die große Täuschung

Wohlüberlegt zum Erfolg? Liverpools Trainer Jürgen Klopp.

(Foto: Action Images via Reuters)
  • Sowohl die Bayern als auch Liverpool üben sich in Zurückhaltung vor dem Hinspiel im Champions-League-Achtelfinale.
  • Jürgen Klopp schiebt die Favoritenrolle den in Augsburg beinahe gestolperten Münchnern zu.
  • Die wären allerdings schon mit einem Remis zufrieden. Aus gutem Grund: Gegen die letzte Mannschaft, die wie Liverpool spielt, verloren sie 1:3.
Von Martin Schneider, Liverpool

Seit geraumer Zeit beginnen wichtige Champions-League-Spiele nicht mehr mit dem Anpfiff, sondern mit einem verbalen Pokerspiel. Das Spiel beginnt spätestens dann, wenn der FC Bayern München in den Flieger zum Auswärtsspiel steigt, und es geht mit den von der Uefa vorgegebenen Pressekonferenzen am Vortag weiter. Wichtig dabei ist auf der einen Seite, sich nicht in die Karten gucken zu lassen, zu bluffen und die Einsätze zu tätigen. Am Montag haben die Bayern und Liverpool-Trainer Jürgen Klopp dieses Spiel nahezu vorbildlich gespielt.

Beide haben keine genauen Auskünfte über den Fitnesszustand ihrer angeschlagenen Spieler Kingsley Coman und Dejan Lovren gegeben. Coman knickte in den letzten Minuten des Spiels beim FC Augsburg um, am Abschlusstraining an der Anfield Road nahm er teil und wirkte auch recht fidel - Bayern-Trainer Niko Kovac sagte trotzdem, er werde nur spielen, wenn er schmerzfrei ist. Dejan Lovren laborierte an einer Muskelverletzung, trainierte aber laut Klopp wieder mit. Beide Spieler sind für beide Klubs wichtig. Coman wäre derjenige, den der FC Bayern mit seiner Schnelligkeit in Kontersituationen bräuchte, Innenverteidiger Lovren würde sich gut als Ersatz für den gesperrten Abwehrchef Virgil van Dijk machen - aber wenn jetzt eine Seite etwas Definitives sagen würde, könnte die andere Seite ja ihre Schlüsse ziehen. Also lässt man es. Sicher ist nur, dass Jérôme Boateng mit Magen-Darm-Grippe ausfällt - aber der hätte wohl sowieso nicht gespielt. Franck Ribéry hingegen fehlte, weil er zum fünften Mal Vater wurde und laut Kovac die "ganze Nacht nicht geschlafen hat und ziemlich gerädert" wirke. Er könnte aber spielen, ebenso wie Leon Goretzka, der das Abschlusstraining wegen einer Reizung im Sprunggelenk verpasste.

Bayerns Präsident Uli Hoeneß würde ein Remis mitnehmen

Die Personalsituation ist der einfachere Teil des Pokerspiels: Man sagt einfach nichts Konkretes. Schwieriger ist die Sache mit der Erwartungshaltung. Vor allem, wenn sie einem nicht passt - und die vorherrschende Meinung, dass der FC Liverpool in diesem Spiel der Favorit ist, die passt Jürgen Klopp überhaupt nicht. Also machte er im Presseraum des FC Liverpool eine faszinierende Argumentationskette auf. "Der FC Bayern klagt auf einem sehr hohen Level", sagte er. Sie seien ja im Pokal noch dabei, in der Liga stehe noch das Heimspiel gegen Dortmund an, und in der Champions League hätten sie die Gruppenphase gewonnen. Dass die Situation nach sechs Jahren Dominanz in diesem Jahr schwieriger werden würde, das sei sowieso klar gewesen. Überhaupt: Um Titel zu gewinnen, brauche man die Gier eines Newcomers, aber die Qualität eines Favoriten - das sei bei Bayern durch ihre schwierige Situation gegeben. "Und deswegen", schloss er seinen Vortrag, "ist der FC Bayern sogar noch gefährlicher. Sie sind eine noch größere Bedrohung für uns als vorher."

Zur Erinnerung: Eben jener FC Bayern lag am vergangenen Freitag zweimal beim FC Augsburg hinten.

Es überrascht daher nicht, dass auf der anderen Seite des Pokertisches am Münchner Flughafen der Einsatz mit allen Mitteln klein gehalten wurde. Präsident Uli Hoeneß sagte, er würde ein Unentschieden mitnehmen. Auf Nachfrage, warum keinen Sieg, sagte er, man sei nicht überheblich. Den vermutlich entscheidenden Faktor benannte Sportdirektor Hasan Salihamidzic: "Wir müssen schauen, wie wir defensiv in der Lage sind, da zu bestehen."

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Gegen die letzte Mannschaft, die spielt wie Liverpool, verlor Bayern 1:3

Tatsächlich ist vor allem in den vergangenen Spielen gegen Augsburg, Schalke und im Pokal gegen Hertha ein Merkmal der Bayern-Defensive, dass sie Tore aus dem Nichts kassiert. Gegen einen Sturm aus Mo Salah, Sadio Mané und Roberto Firmino (zusammen 44 Pflichtspieltore) ist das keine gute Voraussetzung. Zumal die größte Stärke Liverpools die Kombination aus Ballgewinn durch Pressing und dem darauffolgenden schnellen Konter ist. Gegen die vergangene Mannschaft, die ungefähr so spielt - Peter Bosz' Bayer Leverkusen -, verlor Bayern 1:3. Die größte Schwäche Liverpools ist die Innenverteidigung ohne van Dijk. Aber um die unter Druck zu setzen, muss Bayern sich aus der Deckung wagen. Trainer Niko Kovac deutete an, dass dies sein Plan sein könnte, jedenfalls sagte er auf der Pressekonferenz vor dem Spiel: "Wir wollen nicht aus der Defensive agieren." Konkret auf Javier Martínez angesprochen meinte er, der Spanier sei eine Option, aber man werde unter Druck geraten und dann brauche man Spieler, die Lösungen finden. Das würde eher auf James hindeuten.

Oder war das auch nur ein Bluff? Klopp spielte das Pokerspiel jedenfalls sauber zu Ende. Als er auf seine in Deutschland ausgelebte Rivalität zum FC Bayern angesprochen wurde, sagte er: "Natürlich war ich nicht glücklich, als sie unsere Spieler gekauft haben. Aber was hätte ich tun sollen? Soll ich denken: Super Sache, ich bring' sie euch mit meinem Auto?" Aber das sei eben Teil des Geschäftes und außerdem Vergangenheit. Zu der Geschichte, die Bayern hätten damals ihm Jürgen Klinsmann als Trainer vorgezogen, sagte er, es gebe kein negatives Verhältnis. "Das waren 2008 zwei Telefonate, aber nichts Ernstes." Robert Lewandowski und Mats Hummels, die er in Dortmund trainiert hat, seien "fantastische Spieler", er wisse viel über sie, aber er werde alles tun, damit sie am Dienstag nicht glänzen können.

Nur eine einzige, unbedeutende Karte seines großen Blattes legte Jürgen Klopp auf den Tisch. Er wünsche sich schon, sagte er ganz am Ende der Pressekonferenz, dass Borussia Dortmund deutscher Meister werde.

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