Bayerns 5:4 gegen Heidenheim Ein Spiel für die Pokal-Historie

Thomas Müller bei seinem Treffer zum 2:2.

(Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)
  • Mit 5:4 (1:2) gewinnt der FC Bayern ein dramatisches, unfassbar bilderreiches Pokalspiel gegen den 1. FC Heidenheim und erreicht das Halbfinale.
  • Das entscheidende Tor erzielt der zur Halbzeit eingewechselte Robert Lewandowski per Elfmeter.
Aus dem Stadion von Christof Kneer

Ob das zu den eigenen Gesetzen des Pokals gehört? Zwar hatte man von diesem speziellen Gesetz noch nichts gehört, aber es war ja nicht zu übersehen: Die 13. Spielminute in einem DFB-Pokal-Viertelfinale dauert manchmal offenbar fünf Minuten. Die 13. Minute in der Partie des FC Bayern gegen den Zweitligisten 1. FC Heidenheim begann damit, dass der berühmte Niklas Süle den unberühmten Robert Andrich foulte. Sie setzte sich fort in einem Freistoßpfiff des mittelberühmten Schiedsrichters Guido Winkmann, der Süle die gelbe Karte zeigte.

Dann schnappte sich Heidenheims Kapitän Marc Schnatterer den Ball, er hielt ihn in der Hand, tätschelte ihn eine Weile und gab ihn nicht mehr her. Schnatterer ist zumindest eine Freistoß-Berühmtheit, aber er kam auch in der mittlerweile auf zwei Minuten verlängerten 13. Spielminute noch nicht dazu, sein Können zu zeigen. Es folgte der inzwischen rasend berühmte Videobeweis, Schiedsrichter Winkmann lief raus zum Fernsehgericht und kehrte mit der roten Karte aufs Feld zurück. Platzverweis für Süle wegen Notbremse! Nun, nach knapp fünf Minuten, durfte Schnatterer endlich schießen - und traf die Latte.

FC Bayern in der Einzelkritik

Ein kränklicher Lewandowski spielt Drachentöter

Wohl selten hat eine fünf Minuten lange 13. Spielminute ein Spiel so verändert wie an diesem Mittwoch, und noch seltener wohl in einem Duell zwischen einem Rekordrekordmeister und einer Mannschaft aus Heidenheim, die viele immer noch mit einer Mannschaft aus Sandhausen verwechseln. Die letzte halbe Stunde des Spiels dürfte aber dazu beigetragen haben, dass "Heidenheim" jetzt ein bisschen unverwechselbar geworden ist. In dieser letzten halben Stunde wusste man gar nicht mehr, wo man hinschauen sollte, rechts schoss der Münchner Serge Gnabry an die Latte, links vergab der Heidenheimer Robert Glatzel eine spektakuläre Chance, und zwischendurch meldete sich immer mal der Videoassistent. Mit 5:4 (1:2) gewannen die Bayern schließlich ein dramatisches, bilderreiches Pokalspiel nach einem späten Elfmeter von Lewandowski - sie gewannen es verdient und sehr glücklich.

Ja, das geht, aber das kann man nur glauben, wenn man dieses Spiel gesehen hat.

"Es war ein wildes Spiel", sagte Niko Kovac, "und wenn es wild wird, liegt uns das nicht, das haben wir in der Saison schon häufiger gesehen." Kovac freute sich pflichtgemäß über die Moral seiner Elf, in Wahrheit ärgerte er sich über unzählige Leichtsinnigkeiten. Er war froh und genervt. Sein Kollege, Heidenheims Coach Frank Schmidt, war enttäuscht und stolz. Bevor dieses hoch emotionale Spiel begann, mussten beide Trainer aber erst mal Knobelaufgabe lösen: Was sagt uns das kommende Wochenende für den heutigen Pokal-Abend? Beide Teams begegnen am Wochenende in der Liga den jeweiligen Tabellenführern, die Bayern empfangen am Samstagabend Dortmund, die Heidenheimer am Sonntag den 1. FC Köln. Trainer mögen diese Konstellation nicht so sehr, sie müssen dann zwei Spiele in einem coachen. Frank Schmidt tat sich leichter, Prioritäten zu setzen, für seinen immerhin seit 1846 bestehenden Verein war dieses Pokalspiel das größte Spiel der Klubgeschichte: Schmidt ignorierte das Wochenende und brachte seine beste Elf. Niko Kovac hingegen setzte Kingsley Coman und Robert Lewandowski erst mal auf die Bank, Letzterer sei "kränklich", meldete der FCB. Hiermit hatten die Bayern auch ihr eigenes Spiel ziemlich präzise umschrieben, jedenfalls ihr Spiel von der 13. Minute an.

Dabei hatte die Partie eher unauffällig begonnen, sie tarnte sich geschickt, sie ging erst mal los wie erwartet: Man sah einen guten Zweitligisten, der sich nicht verkriecht - und einen routinierten Rekordrekordmeister, dem eine Standardsituation reichte, um in Führung zu gehen. Nach Kimmichs Eckball stand Leon Goretzka plötzlich frei, und lässig köpfelte er zum 1:0 ein. Das war: in der 12. Minute. Dann folgte die sehr lange wilde Dreizehnte.

Es gab einmal ein Bayern-Spiel bei Manchester City, Pep Guardiola war noch Trainer in München, und in diesem Spiel kombinierten die Bayern den Gegner trotz Unterzahl an die Wand. An dieses Spiel musste man denken, als man die Bayern jetzt in Unterzahl holpern und stolpern sah, gegen einen Zweitligisten. Boateng kam für Ribéry um die Defensive zu stärken. Doch auch das half nicht. Fahrig und unkonzentriert wirkten die Bayern, und als James wieder den Ball verschlamperte, lief Heidenheims Konter natürlich über Schnatterer, dessen Flanke der gebürtige Münchner Robert Glatzel ins Tor köpfte (27.). Diesen Glatzel, übrigens, würden die Bayern noch kennenlernen. Ein Warnschuss, eine Mahnung zu mehr Körperspannung? Erst mal nicht: Zwölf Minuten später führte der Außenseiter, wieder nach einem Konter. Torschütze: "der legendäre Schnatterer", wie Mats Hummels den Heidenheimer nennt. In der Pause schienen die Bayern die Botschaft aber verstanden zu haben: Zwei Neue kamen aufs Feld, Kingsley Coman, Robert Lewandowski und die Körperspannung. Thomas Müller (53.) und Lewandowski (56.) stellten den Spielstand binnen drei Minuten auf 3:2, Müller sogar mit einem erstaunlich prächtigen Seitfallzieher nach erstaunlich prächtiger Kombination. Als Serge Gnabry gar das 4:2 gelang (65.) - erst sagte der Schiedsrichter: Abseits, dann sagte der Videoassistent: Tor - verführte dieses Ergebnis die Bayern aber dazu, ihr 3-3-3-Unterzahlsystem so fahrlässig zu interpretieren, dass Heidenheim auch nur drei Minuten für zwei Tore brauchte. "Es ärgert mich sehr, dass wir dieses Ergebnis nicht so herunter spielen, wie der FC Bayern das tun sollte", sagte Kovac. Für Heidenheim traf nun natürlich... nein, nicht Schnatterer, es war Robert Glatzel vom TSV Waldtrudering, der per Flachschuss und Elfmeter (73., 76.) das 4:3 und 4:4 schoss. Sein Mitspieler Denis Thomalla schoss beinahe das 4:5 (83.), aber Ulreich parierte glänzend. So durfte Lewandowski einen Hand-Elfmeter zum 5:4 nutzen, und der war nicht mal kränklich geschossen.

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