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Bayern-Gegner Porto:"Cha! Cha! Cha!"

FC Porto vs Bayern Munich

Jackson Martinez versetzte die Bayern-Spieler reihenweise ins Staunen im Champions-League-Viertelfinale in Porto.

(Foto: Jose Coelho/dpa)

Jackson Martínez strebt beim FC Porto aus dem Schatten der ebenfalls aus Kolumbien stammenden Klublegende Falcao. In München wird sein Team am Dienstag mithilfe seiner Unerbittlichkeit einen Zweitorevorsprung verteidigen müssen.

Von Javier Cáceres

Skrupel und Barmherzigkeit sind Wesenszüge, die viele Menschen schmücken; Torjäger eher nicht. Und wenn man so will, hat Jackson Martínez schon in den Kindheitstagen an der gnadenlosen Rücksichtslosigkeit gearbeitet, die ihn heute als Strafraum-Killer kennzeichnet. Nicht immer war daheim ein Spielgerät zur Hand, wenn er als Kind kicken wollte, was freilich nicht hieß, dass es nichts gegeben hätte, wogegen zu treten sich durchaus gelohnt hätte: "Ich riss den Puppen meiner kleinen Schwestern die Köpfe ab und hatte einen formidablen Ball", sagt Jackson Martínez.

Am Dienstag wird ebendiese Unerbittlichkeit des Jackson Martínez eine möglicherweise entscheidende Rolle spielen. Denn dann wird der FC Porto, den er als Kapitän anführt, in München den Zwei- Tore-Vorsprung aus dem Viertelfinal-Hinspiel verteidigen müssen. An jenem Triumph, der den Porto-Anhängern noch immer im Gaumen haftet, hatte Martínez gehörigen Anteil. Wegen seines Tores zum 3:1-Endstand, klar. Aber auch, weil er, obschon er gerade erst von einer einmonatigen Verletzungspause genesen war, das kraftraubende Stören des Münchner Spielaufbaus als die vornehmste aller Aufgaben empfand, und diese mit einem fast schon religiös anmutendem Eifer erfüllte.

Auch wegen solcher Auftritt macht Martínez am Atlantik die gleichfalls kolumbianische Klublegende Radamel Falcao allmählich vergessen. Jenen Falcao, der den zweimaligen Champions-League-Sieger und 29-maligen portugiesischen Meister Porto im Jahr 2011 zum Sieg in der Europa League geführt hatte - und der nun über die Umwege Atlético Madrid und AS Monaco bei Manchester United gelandet ist.

Martínez, 28, verhehlt nicht, dass ihn dieser Umstand mit größerer Genugtuung erfüllt. "Viele behaupteten, dass ich nicht an Falcao heranreichen würde", sagt er. Der Treffer gegen den FC Bayern war bereits sein sechstes Tor in sieben Champions-League-Begegnungen der laufenden Saison, ganz nebenbei führt er auch die Torjägerliste in Portugal an. 17 Treffer hat er erzielt, sein Katalog umfasst alle Facetten des Torabschlusses. Längst steht er auf dem Einkaufszetteln von Londoner Premier-League-Teams wie dem FC Arsenal oder Tottenham Hotspur, auch Paris St. Germain soll Interesse signalisiert haben, die Ablösesumme soll bei 40 Millionen Euro festgeschrieben sein. Eine enorme Summe für einen Spieler, der beschlossen hatte, unterm Radar europäischer Teams hindurchzufliegen.

Um ein Haar nämlich wäre Martínez - von seiner Mutter nach dem US-Sänger Michael Jackson benannt - in Südostasien gelandet. Nachdem Martínez bei Independiente Medellin den Durchbruch als Profi geschafft hatte, willigte er 2010 in einen Wechsel zum koreanischen Erstligisten Ulsan Hyundai FC ein. Dass er davon wieder Abstand nahm, lag daran, dass ihm zur Unterschrift ein Vertragsentwurf auf Koreanisch vorgelegt wurde. Nach der Übersetzung stellte sich heraus, dass der Inhalt des Kontrakts von den mündlichen Zusagen abwich. Martínez sagte den Koreanern wieder ab und ging stattdessen zu den Jaguares de Chiapas im Süden Mexikos. Das ist zwar auch nur fußballerische Peripherie; Mexikos aufstrebende Liga aber wird immerhin von den Scouts iberischer Vereine durchgekämmt. Der FC Porto holte Martínez schließlich für eine Ablöse von 8,8 Millionen Euro - und landete damit eine dieser renditeträchtigen Investitionen, die den Klub zum bewunderten Transferweltmeister machen.

Denn: Auch wenn er in der kolumbianischen Nationalelf (hinter Falcao und Teófilo Gutiérrez vom argentinischen Kultklub River Plate) nur als dritter Stürmer gilt, ist Martínez auch jenseits der portugiesischen Grenzen zu einem Begriff geworden - sogar unter seinem bemerkenswerten Künstlernamen Chachachá .

Hier und da heißt es zwar, der Kampf- name sei auf seine grazilen Bewegungen zurückzuführen. "Die Wahrheit ist, dass ich den Spitznamen von meinem Vater Orlando geerbt habe", sagt Martínez selbst. Auch der Senior hatte eine internationale Karriere als Fußballprofi angestrebt, und er galt als überaus talentiert. Doch er zog nach Quibdó, um seine Familie als Lehrer zu ernähren. Warum Martínez senior Chachachá genannt wurde, ist nicht hundertprozentig gesichert; eine Version verweist auf einen Mambo namens Chachachá, der populär war, als der Papa erfolgreich Fußball spielte, eine andere hingegen beruht auf dem Fakt, dass Orlando Martínez stets "Cha! Cha! Cha!" rief, wenn er den Ball haben wollte. Wie auch immer: Der Filius wird auch in München versuchen, im Namen des Vaters zu treffen.

Dass sich der FC Porto darauf verlegt, den Vorsprung bloß zu verteidigen, ist wohl ausgeschlossen. "Das würden wir gar nicht durchstehen", sagt Martínez. Die Rolle als lauffreudiger Störenfried, die er im Hinspiel so meisterhaft ausfüllte, dürfte sich noch akzentuieren. Am Wochenende durfte er dafür Kraft schöpfen. Beim 1:0-Sieg gegen Académica wurde er geschont. Sogar die Tore hebt er sich offenbar auf. Denn kurz vor Schluss leistete er sich einen Blooper: Er vergab allein vor dem leeren Tor. Und so etwas dürfte ihm nicht zwei Mal innerhalb von vier Tagen passieren.

© SZ vom 21.04.2015
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