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Trainer Flick beim FC Bayern:Einer wie Hitzfeld und Heynckes

Hansi Flick steht nicht so sehr für die Vision vom Spiel wie Guardiola - er liegt mehr auf der Traditionslinie der Pragmatiker. Seine ersten Bilanzen signalisieren Furchterregendes.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Die Tabelle lügt nicht, heißt es, und nur wer vor dem Jahr 2013 geboren ist, hat live erlebt, dass es in Deutschland auch schon andere Fußball-Meister gab. Für alle Jüngeren aber ist die Tabelle ein einschüchterndes Dokument der Allmacht des FC Bayern. Wer noch tiefer als bis zu Borussia Dortmund (2012, 2011, 2002) in den Archiven gräbt, stößt auf den VfL Wolfsburg, der 2009 unter Felix "Quälix" Magath den Münchnern kurz die Rücklichter zeigen konnte; 2007 gelang dies dem VfB Stuttgart von Armin Veh, 2004 dem Werder Bremen von Thomas Schaaf. Alles Übrige sammelte der FC Bayern ein. Wer also im Jahr 2000 zur Welt kam, wer jetzt bereits 20 wird, wurde in diese Monokultur hineingeboren.

Kaum Ablenkung verschafft da der Gedanke, dass es in Weißrussland und Norwegen schon eintöniger war: 13 Mal in Serie lagen Bate Borissow (2006 - 2018) und Rosenborg Trondheim (1992 bis 2004) vorne. Ist die Bundesliga wirklich noch so weit entfernt von weißrussischen Verhältnissen? Zwar sind die Münchner erst bei ihrem Serientitel Nummer acht angekommen, doch längst drängt die Frage: Wer, bitteschön, soll ihre Serie brechen?

In der Vorsaison hatte der BVB die Chance, aber der bockte und brachte neun Punkte Vorsprung nicht ins Ziel. In dieser Saison vollzog der FC Bayern in der Krise des Herbstes sogar einen Trainerwechsel von Niko Kovac zu Hansi Flick, lag zur Halbzeit hinter Leipzig und Mönchengladbach, ehe er unwiderstehlich vorbeizog. Ob vor oder während Corona - mit Flick, der einen Königswechsel vornahm (Joshua Kimmich wurde von der Außenbahn ins zentrale Mittelfeld versetzt), zogen sie ihr Programm durch.

Die Schlüsselszene der Saison

An der einzigen Stelle, an der die Bayern hätten gestoppt werden können, trug das Personal im berühmten Kölner Keller offenbar die Masken vor den Augen: Das dortige Videoschiedsgericht griff nicht ein, als Jérôme Boateng ein Profi-Handspiel einstreute, das der Schiedsrichter auf dem Rasen nicht erkennen konnte. Am Ende war's die Schlüsselszene der Saison - Dortmund verlor das Spitzenduell 0:1, ein Elfmeter hätte der Spielzeit vielleicht noch einen Dreh gegeben. Der Bayern-Bonus? Vielleicht eine Art vorauseilender Gehorsam, und wenn dieser nur tief im Unterbewussten der Juroren ruht.

Geändert hätte so ein BVB-Elfmeter aber wohl auch nicht mehr viel, denn in diesen Zeiten ohne Gewissheiten braucht ein Klub einen Trainer, der Gewissheiten vermittelt. Und dies ist Hansi Flick besser gelungen als seinen Kollegen, die man sich für die Zukunft wieder angriffslustiger, risikofreudiger wünschen würde. Denn sein Vertrag ist schon bis 2023 fixiert, der Bayern-Kader wird weiter verstärkt, und die ersten Flick-Bilanzen signalisieren Furchterregendes: Der Meistersieg in Bremen war der 14. in Serie.

Der Trainer Flick steht nicht so sehr für die große Vision vom Spiel, die sich in der Ära des Pep Guardiola spiegelte. Der 55-Jährige liegt mehr auf der Traditionslinie von Pragmatikern wie Hitzfeld und Heynckes, die 2001 und 2013 mit den Bayern die Champions League gewannen. Deren Credo: An starken Tagen ein Spektakel, an schwächeren tut's auch ein 1:0.

Drohen also Verhältnisse wie auf Vanuatu? Dem kicker ist die Information zu danken, dass Tafea FC dort von 1994 bis 2009 Meister werden konnte, also 15 Mal hintereinander. Das Tröstliche daran für alle Freunde von ein bisschen Abwechslung: Ob beim Roulette oder auf dem Atoll - jede Serie findet einmal ihr Finale.

© SZ vom 18.06.2020/tbr

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