Hummels und Martínez Der Abend der zwei Türme

Prägende Bayern-Spieler in Liverpool: Mats Hummels (r.) und Javi Martínez.

(Foto: Getty Images)
  • Mats Hummels und Javi Martínez sind beim 0:0 im Champions-League-Achtelfinale in Liverpool die Münchner Akteure des Spiels.
  • Hummels erklärt hinterher die Taktik: Man habe Konter verhindern und das Stadion aus dem Spiel nehmen wollen.
  • Am Beispiel von Angreifer Robert Lewandowski, der wenig Bälle erhält, zeigt sich aber auch die Kehrseite des Bayern-Plans.
Von Martin Schneider, Liverpool

Im Norden von England, in Liverpool, in den Gängen der Anfield Road wanderten die Gedanken von Mats Hummels noch einmal nach Moskau. Er wurde gefragt, wie er denn seine eigene Leistung bewerten würde bei diesem 0:0 gegen den FC Liverpool, und seine Leistung, um das vorweg zu nehmen, die war sehr gut, wahrscheinlich war es sein bestes Spiel in dieser Saison für den FC Bayern. Aber seine eigene Leistung, die wolle er nicht bewerten, "es ist wichtiger im Verbund zu verteidigen. Dann ist es für jeden Innenverteidiger der Welt einfacher, als wenn offene Angriffe auf einen zulaufen."

Offene Angriffe liefen in Moskau auf ihn zu, beim ersten Spiel der WM gegen Mexiko, 0:1 ging das aus - laut Hummels so ein bisschen die Ur-Katastrophe dieser Saison. "Dass ständig 30-Jährige irgendwohin geschrieben werden, hat ein paar von uns verwundert. Ich glaube, durch die WM sind wir da angreifbar geworden, da wurde nicht mehr ganz so objektiv geurteilt über viele Dinge", sagte Hummels, der übrigens 30 Jahre alt ist.

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Hummels-Mania nicht ausgeschlossen

Man muss über Mats Hummels wissen, dass er nach Spielen nicht in der Lage ist, ein Pokerface aufzusetzen. Man sieht ihm immer genau an, wie es ihm geht. Und nach dem Liverpool-Spiel ging es ihm augenscheinlich gut - es war so eine Mischung aus Freude und Euch-hab-ich-es-aber-nochmal-gezeigt-Blick. Er machte auch einen Scherz. "Man hat, denke ich, gesehen, was in der Mannschaft steckt - und wenn in Zukunft individuelle Fehler wie zum Beispiel in Berlin wegfallen, wird alles einfacher." In Berlin übersah Hummels den Stürmer Davie Selke und verschuldete ein Gegentor.

Gegen Liverpool verschuldete Hummels nichts, er ging mit dem richtigen Timing in die Zweikämpfe, hielt die Abstände perfekt und er nahm die Bälle sicher an, teilweise bekam er die Pässe von Manuel Neuer auf der eigenen Grundlinie zugespielt. Alles Taktik, wie er später sagte. Man wollte die Konter des Gegners "die große Stärke von Kloppos Mannschaften", wie Hummels sagte, verhindern. Und außerdem das Stadion aus dem Spiel nehmen. Hummels sprach von der Anfield Road wie von einem gefährlichen Stürmer. "Man weiß ja, wie es hier abgehen kann. Aber das haben wir gut gemacht. Immer, wenn die Fans anfingen anzufeuern, haben wir das Tempo rausgenommen und ihr Pressing ausgespielt", sagte er. Hummels weiß das sehr gut, vor zwei Jahren verlor er in diesem Stadion mit dem BVB noch 4:3 nach 3:1-Führung.

"Das sind genau seine Spiele", sagt Hummels über Martínez

Hummels war einer von zwei prägenden Spielern an diesem Abend - der zweite war Javi Martínez. Es gelang nicht zu rekonstruieren, ob er nun nur dank der Verletzung von Leon Goretzka in die Startelf gerückt ist. Niko Kovac widersprach sich da. Vor dem Spiel äußerte er sich defensiv zum Basken, wobei er im Nachhinein betrachtet bei dieser Pressekonferenz hauptsächlich bluffte (Er sagte: "Ein 0:0 werden wir nicht sehen", um dann eine Taktik zu wählen, die genau das zum Ziel hatte). Nach dem Spiel sagte er, er brauche genau solche Spieler mit Persönlichkeit, die Europapokal-Situationen kennen.

Jedenfalls war es entscheidend, dass Martínez auf dem Platz stand. In den ersten Minuten kam er in zwei Situationen gegen Georginio Wijnaldum noch zu spät, doch dann ackerte und grub er sich in das Spiel mit der Härte eines Hafenarbeiters. Irgendwann führte er nicht nur jedes Kopfball-Duell, er gewann auch jedes Kopfballduell. Er war der Prellbock, gegen den Klopps Angriffsmaschine prallte. Martínez hat in dieser Saison wie Hummels nicht viele gute Spiele gemacht - aber in Liverpool sah man, dass an diesem alten Schlachtturm zwar die Farbe abblättert, aber die Bausubstanz noch intakt ist. "Das sind genau seine Spiele", sagte Hummels. "Er hat unglaublich gespielt und sich in alles reingeschmissen." Javi Martínez ist übrigens auch 30 Jahre alt.

Es war also alles andere als Zufall, dass diese beiden Wellenbrecher zu den Akteuren des Abends wurden. Bayern packte die Anfield Road mit einer Mischung aus Disziplin, Cleverness und Abgezocktheit. Dazu passte, dass Niko Kovac zugab, dass Martínez gegen Ende wohl eher keinen Krampf hatte, obwohl er sich auf dem Platz scheinbar mit einem solchen behandeln ließ. "Das ist alles ein bisschen gespielt", gab Kovac bei Sky zu. "Man muss die Ruhe reinbringen. Das machen sie gut, dafür haben sie die Erfahrung." Man weiß oder ahnt das natürlich als Fußball-Fan, aber die Frage ist natürlich, ob man das als Trainer so offen zugeben kann.

Es gab aber noch einen anderen, weniger beachteten Aspekt des Abends. Während Defensiv-Spieler wie Hummels von der Taktik schwärmten, sagte Robert Lewandowski: "Das war ein Zweikampfspiel. Klar, wir haben defensiv gut gespielt, aber wir müssen nach vorne vielleicht ein bisschen mehr riskieren". Das ist dann eben die Kehrseite der Taktik. Mats Hummels freut sich, dass er nicht alleine ist. Dafür steht dann der Stürmer oft einsam am anderen Ende des Spielfeldes. Zu Lewandowski kamen kaum Bälle.

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