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Champions-League-Finale:Bayern erfüllt sich den Triple-Traum

Paris Saint-Germain v Bayern Munich - UEFA Champions League Final

Meister, Pokalsieger - und auch Champions-League-Sieger: das Team des FC Bayern.

(Foto: Getty Images)

Die Münchner setzen sich in einem intensiven Finale gegen Paris die europäische Fußballkrone auf. Das Team von Hansi Flick ist an diesem Abend nicht immer, aber insgesamt besser.

Von Philipp Selldorf, Lissabon

Die letzten Minuten: Im Bayern-Block auf der Tribüne, unter den Vereinsmitarbeitern, Ehrengästen und Präsidiumsvertretern werden bereits Freudengesänge angestimmt. "Super-Bayern, Super-Bayern" heißt es dort, während auf der Gegenseite verzweifelt durcheinandergerufen wird. Paris Saint-Germain unternimmt die letzten desperaten Anstrengungen, um das 0:1 zu egalisieren, das Kingsley Coman in der 59. Minute geschossen hatte - ausgerechnet der in Paris geborene und bei PSG ausgebildete Coman.

Ein einziger Moment kann jetzt genügen, um die Verlängerung zu erreichen. Der Angriff kommt über links, Neymar steht im Zentrum zur Abnahme bereit - und verpasst um Zentimeter. Ein paar Momente später wird das Lissabonner Stadion da Luz, das Stadion des Lichts, für die Münchner zum Stadion der Erleuchtung. Das 1:0 genügt ihnen zum Sieg, den ihnen niemand mehr streitig machen wird. Paris muss sich am Ende geschlagen geben, weil die Bayern nicht immer, aber insgesamt besser waren. Riesenjubel bricht mit dem Schlusspfiff aus, und für Hansi Flick wird es beinahe gefährlich, als ihn der Sportchef Hasan Salihamidzic vor Freude beinahe erdrückt.

"Die Freude war natürlich riesengroß nach dem Abpfiff. Dass wir uns das verdient und auch gewünscht haben - es ist wirklich ein Traum für uns alle", sagte der Kapitän Manuel Neuer in einer ersten präsidialen Ansprache. "Vielleicht", fuhr Neuer, der mit seinen Paraden den Sieg in der Schlussphase gesichert hatte, feierlich fort, "hat es noch nie so Spaß gemacht, in dieser Mannschaft zu spielen."

Draußen, vor den verriegelten Toren, war vor Spielbeginn noch ein französischsprachiger Volksauflauf im Gange, die Fankurve aus dem Pariser Prinzenpark war mit einer starken Abordnung vertreten, doch auch drinnen war schon vor dem Anstoß eine Menge geboten. Für das Einspielprogramm von PSG würden sich ein paar Euro Eintrittsgeld lohnen, es bildet die ganze Leichtigkeit eines gesegneten Fußballerlebens ab. Als es dann auf den Start zuging, teilte sich das Ergreifende des Moments auch den Nebendarstellern mit: Einer der beiden italienischen Linienrichter erlaubte sich nicht nur, sachte den Pokal zu streicheln, als er aufs Feld kam - er legt auch beim Abspielen des Champions-League-Liedes die Hand auf die Brust, als wäre es die Nationalhymne.

Oben, von den Tribünen, kamen derweil Schlachtenrufe wie aus der Südkurve in Fröttmaning. "Hurra, hurra, die Bayern, die sind da", riefen im Chor die Münchner Delegierten und Sondergäste durchaus laut ins leere Rund, der Sportdirektor Hasan Salihamidzic unten am Spielfeldrand applaudierte den Stimmungsmachern, aber als dann - Keylor Navas kniet noch im Pariser Tor zum Gebet nieder - Ángel di María den Anstoß machte, schwiegen die Zuschauer gespannt. Es war dann doch überall die Anspannung zu spüren, die der große Anlass gebot, auf den Rängen und auf dem Platz.

Ein paar der Duelle waren vorgezeichnet. Juan Bernat würde es mit Serge Gnabry zu tun bekommen, Thilo Kehrer mit Kingsley Coman, der überraschend den Vorzug vor Ivan Perisic erhalten hatte. Auf der anderen Seite sollte sich Joshua Kimmich mit Kylian Mbappé messen, aber die Pariser kamen aus ihrer Hälfte erst mal gar nicht raus. Sieben, acht Minuten vergingen ohne einen PSG-Angriff, die Bayern drückten den Gegner mit ihrem typisch raumgreifenden Pressing in die Deckung.

Comans Treffer gibt dem bis dahin subtilen Drama neue Akzente

Nachdem sich Paris wie ein Fakir aus der Umklammerung gewunden hatte, wurde in der 18. Minute beinahe wahr, wovor sich jeder Bayern-Fan und wohl auch jeder Bayern-Spieler gefürchtet hatte: Mbappé setzt Neymar ein, Neymar geht allein auf Neuer zu ... Am Ende sind es ein paar Stollen am Absatz des linken Torhüterschuhs, die das 0:1 verhindern. Diese 18. Minute ist offenbar eine Glücksminute für die Bayern, schon im Spiel gegen Lyon war sie das, als Gnabry im Anschluss an eine Riesenchance des Gegners das 1:0 erzielte. Diesmal beantworteten die Münchner den Schreckmoment mit einer Szene, vor der sich jeder PSG-Fan und vermutlich auch jeder Pariser Spieler gefürchtet hatte: Lewandowski erhält im Strafraum den Ball, dreht sich, wie das seine Spezialität ist, auf der Stelle und schießt - gegen den Pfosten.

Die Aufregungen auf beiden Seiten nahmen jetzt deutlich zu, das Spiel fand auf einmal auch in den Strafräumen statt. Ein Schuss von Ángel di Marıa hier, ein gefährlicher Kopfball von Lewandowski dort, für den Zuschauer wurde es kurzweilig. Für Jérôme Boateng aber war das Vergnügen bald vorbei - Muskelverletzung. Niklas Süle ersetzte ihn und tat das auf Anhieb so makellos, als sei dieser Wechsel seit vorgestern geplant gewesen. Für Unruhe sorgte hingegen David Alaba mit einem Malheur, das dadurch noch dicker wurde, dass er es im Strafraum platzierte. Mbappé sah sich in schönste Schussposition versetzt, wusste es jedoch nicht zu nutzen. Es blieb beim 0:0 zur Pause, und irgendwie sah es für beide Parteien vielversprechend aus.

"Wir hatten sicherlich auch ein Quäntchen Glück und Manuel Neuer zwischen den Pfosten", sagte Thomas Müller später, und gab zu: "Es war nicht unser bestes Spiel."

Comans Treffer nach einer Stunde gab dem bis dahin eher subtilen Drama dann völlig neue Akzente. Paris brauchte ein paar Minuten, um den Schock zu verkraften, die Bayern näherten sich dem Treffer, doch dann fing es an, ungemütlich für sie zu werden. Die Angriffe auf ihr Tor kamen im Minutentakt und mit hoher Intensität. In der 70. Minute verhinderte wieder ein langes Neuer-Bein den Gegentreffer, Marqinhos hatte nach genialer Vorarbeit von Di María vor ihm gestanden. In dieser Phase machte sich jetzt die mentale Komponente besonders breit: Man spürte den Stress, den die Münchner aushalten mussten, aber auch die Spuren der Verzweiflung bei PSG, denen die Zeit davonrannte. Neymars Soli wirkten angestrengt, oft führten sie zu nichts. Mbappé kam kaum zur Geltung, Tuchel brachte seine Spezialwaffe, den Dauerjoker Choupo-Moting.

Die Waage neigte sich zugunsten der Bayern. Sie hielten jetzt nicht nur geschlossen dagegen, organisiert von dem klug spielenden Thiago in seinem mutmaßlich letzten Spiel für den deutschen Meister, sie kamen besonders durch Lewandowski auch immer wieder nach vorn, gewannen Zweikämpfe - und Zeit. Paris resignierte, sie ermüdeten mit jedem vergeblichen Versuch zum Gegenschlag und fanden nicht mehr die Kraft zur Schlussoffensive.

"Das ist herausragend", teilte Bundestrainer Joachim Löw in einer ersten Grußbotschaft mit: "Der FC Bayern hat in Europa eine glänzende Visitenkarte für den deutschen Fußball abgegeben." Ganz besonders freue er sich für Hansi Flick, seinen alten Weggefährten, "und natürlich für die Spieler, allen voran unsere teils noch jungen Nationalspieler." Das Schlusswort war aber freilich dem nicht mehr ganz so jungen und von Löw verschmähten Thomas Müller vorbehalten: Wir haben seit dem Herbst einen Lauf hingelegt, der sensationell ist. Der Haufen ist Wahnsinn von A bis Z." Außerdem freue er sich durchaus, "dass ich noch mal zeigen konnte, dass ich nicht auf den Altglas-Container gehöre".

© SZ vom 24.08.2020/chge
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