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Champions League:Hansi Flick und sein Abend der Experimente

Champions League - Group A - Atletico Madrid v Bayern Munich

Holen ein 1:1 in Madrid: Müller (rechts) und seine Teamkollegen

(Foto: REUTERS)

Einer Münchner B-Elf mit zwei 17-Jährigen gelingt ein 1:1 bei Atlético Madrid. Um das Tor zu schießen, muss allerdings Thomas Müller eingewechselt werden.

Von Sebastian Fischer

Die Champions-League-Hymne hallte durch das leere Stadion von Atlético Madrid, es klang nicht gerade anmutig, aber für mindestens zwei Fußballer auf dem Rasen war es trotzdem ein wertvoller, unvergesslicher Moment: Jamal Musiala und Bright Arrey-Mbi, beide 17 Jahre alt, spielten am Dienstagabend von Beginn an für den FC Bayern, Musiala zum ersten Mal international, Arrey-Mbi zum ersten Mal überhaupt. Und das sagte schon einiges aus über die Begegnung, in der dem Titelverteidiger durch den späten Ausgleich durch einen Elfmeter von Thomas Müller ein 1:1 gelang; ein Ergebnis, von dem Trainer Hansi Flick danach sagte, es stelle ihn "sehr zufrieden".

Für die Münchner war das Spiel nicht mehr ganz der feierliche Anlass, nach dem ein Aufeinandertreffen zweier so namhafter Klubs klingt. Die Münchner hatten sich bereits in der Vorwoche als sicherer Gruppenerster fürs Achtelfinale qualifiziert. Flick sprach vorher zwar von einer "wahnsinnigen Herausforderung". Allerdings waren Manuel Neuer, Leon Goretzka und Robert Lewandowski für diese Herausforderung gar nicht mit nach Madrid geflogen. Neuer wurde auf der Klubwebseite mit der Erklärung zitiert, es sei wichtig, "dass man runterfahren kann. Gerade bei dem Mammut-Programm der letzten Wochen und Monate fällt auf, dass es schwierig ist, sich Pausen zu nehmen". Das Programm sieht am Samstag in der Bundesliga das voraussichtlich herausfordernde Duell mit dem Tabellenzweiten RB Leipzig vor.

Für Neuer stand also Alexander Nübel im Tor, zum zweiten Mal seit seinem Wechsel vom FC Schalke 04 im Sommer und erstmals seit dem 3:0 in der ersten DFB-Pokalrunde gegen den Fünftligisten FC Düren. Im Sturm begann Eric Maxim Choupo-Moting, im Mittelfeld Musiala und in der Abwehr Arrey-Mbi. Beide hat der FC Bayern im Sommer 2019 aus der Jugend des FC Chelsea verpflichtet.

Insgesamt veränderte Hansi Flick die Mannschaft im Vergleich zum 3:1 gegen den VfB Stuttgart am vergangenen Samstag auf neun Positionen, auch Müller saß zunächst auf der Bank. "Es ist nicht so, dass ich da würfele. Ich nehme auf die aktuelle Situation Rücksicht", erklärte der Trainer im Sky-Interview vor dem Spiel. Flick veränderte auch das System, um die personellen Veränderungen abzusichern: David Alaba spielte als Kapitän in der Mitte einer Kette aus drei Innenverteidigern; Arrey-Mbi, eigentlich Innenverteidiger, lief als linker Außenverteidiger auf.

Es dauerte bis zur 26. Minute, bis sich das Ungewohnte an diesem neuen System offenbarte. Bis dahin hatten die Münchner offensiv gespielt, oft über den in der Bundesliga schon häufig eingewechselten, auffällig agilen, mutigen und ballgewandten Musiala auf der Müller-Position. Doch dann reichte ein Einwurf Madrids, um eine Lücke in der Defensive zwischen dem linken Innenverteidiger Lucas Hernández und Arrey-Mbi zu reißen, in der Marcos Llorente zur Grundlinie sprintete und für João Felix auflegte, der zum 1:0 traf. Niklas Süle konnte ihm nicht folgen.

Die Münchner schafften es bis zur Pause immer seltener, vors gegnerische Tor zu kommen. Eine Chance von Musiala nach einer halben Stunde, als er sich in Abschlussposition dribbelte und aus der Distanz ans Außennetz schoss, blieb lange die einzige. Es war Musiala, dessen gute Leistung Flick nach dem Spiel auf Nachfrage nach den Münchner Talenten hervorhob.

Madrid zog sich zwischenzeitlich weit zurück, wie es die berüchtigte Art und Weise der Mannschaft von Trainer Diego Simeone ist, sie hielt den FC Bayern dennoch weit genug vom eigenen Tor weg. Leroy Sané, der wohl prominenteste Münchner Offensivspieler in der Startelf, konnte daran auch wenig ändern. Der Nationalspieler ist derzeit in den wichtigen Partien nur Einwechselspieler, am Dienstag vergab er eine gute Abschlussgelegenheit vom Strafraumrand mit einem Schuss weit über die Latte. Er beteiligte sich in manchen Szenen pflichtbewusst am Defensivspiel, was Flick zuletzt von ihm eingefordert hatte - manchmal ließ er dieses Engagement aber auch wieder vermissen.

Erst nach einer Stunde, als es selbst für die sensiblen Fernsehmikrofone sehr ruhig auf dem Rasen wurde, brachte Flick Müller - den lautesten Münchner; Arrey-Mbi gehörte zu den Ausgewechselten.

Es blieb aber trotzdem ein Abend der Experimente: Durch diverse Wechsel nach einer Stunde fand sich Sané, wie um seine Defensivfähigkeiten zu testen, zwischenzeitlich in einer Art linker Außenverteidigerposition wieder, von Flick zuvor eindringlich instruiert. Müller ließ sich ein paar Minuten lang im Spielaufbau so tief fallen, wie es auch kaum nochmals vorkommen dürfte. Wiederum ein paar Minuten später brachte Flick in Angelo Stiller, 19, den nächsten Jungen - und stellte auf ein System mit Viererkette um.

Müller, mit dessen Einwechslung "mehr Dynamik nach vorne" kam, wie Flick lobte, war deshalb wieder weit vorn genug, als er im Strafraum gefoult wurde, selbst antrat und in der 86. Minute den Ausgleich schoss. Müller freute sich sehr darüber. Vielleicht auch weil er wusste, dass auch das so bald nicht mehr vorkommen dürfte: Die Elfmeter schießt beim FC Bayern bekanntlich Robert Lewandowski.

© SZ vom 02.12.2020/sonn
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