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Bayer Leverkusen:Zauberer von der Bank

Bayer Leverkusen - Eintracht Frankfurt

Lang verschmäht, nun gefeiert: Der Brasilianer Paulinho trifft für Leverkusen zwei Mal gegen Frankfurt

(Foto: dpa)
  • Der 19-jährige Paulinho trifft beim 4:0 von Bayer Leverkusen gegen Eintracht Frankfurt zwei Mal und liefert eine Torvorlage.
  • Es war das Startelf-Debüt des Brasilieners, der bisher kaum Einsätze bekommen hat.
  • "Ich habe mich lange gedulden müssen", sagte der Teenager, "das war nicht immer einfach. Aber ich wusste, wenn meine Chance kommt, muss ich da sein."
  • Alle Ergebnisse des Spieltags und die Tabelle finden Sie hier.

Wenn demnächst mal wieder Regeländerungen für den Fußball diskutiert werden, sollte überlegt werden, ob das weiße Handtuch nicht nur im Boxen, sondern auch in diesem Sport zum Einsatz kommt. Als eindrückliches Beispiel könnte das Gastspiel von Eintracht Frankfurt in Leverkusen dienen. Schon nach einer Viertelstunde sehnten sich die von einem Doppelschlag gezeichneten Hessen merklich nach dem Schlusspfiff, ein technischer K.o. in der zweiten Runde wäre das zwangsläufige Urteil gewesen. Zu diesem Zeitpunkt stand es schon 2:0 für die Rheinländer - und es mussten noch 75 Minuten gespielt werden. Am Ende hieß es aus Frankfurter Sicht 0:4 (0:2), und dabei profitierten die Gäste von der Genügsamkeit der Werkself, die auch in der zweiten Halbzeit nicht durchgehend ans Limit ging. Der elfte Sieg im 13. Pflichtspiel des Jahres war ja trotzdem nie gefährdet.

Beide Teams sind für das Pokal-Halbfinale und das Achtelfinale der Europa League qualifiziert, aber das konnte man an diesem Nachmittag kaum glauben. Wer den Luxus hat, in drei Wettbewerben vertreten zu sein, der hat auch die Last der Anstrengungen zu tragen, und das merkte man den Gästen rasch sehr deutlich an: Für die Eintracht war es bereits das 43. Pflichtspiel dieser Saison. Leverkusen folgt nicht weit dahinter (37), aber da kommt die deutlich besser besetzte Bayer-Bank ins Spiel. Darauf saßen diesmal - trotz der Verletzungen von Kevin Volland (Syndesmoseriss), Nadiem Amiri (Kapselruptur des Schultereckgelenks) und Lars Bender (profane muskuläre Probleme) - namhafte Spieler wie Kerem Demirbay, Jonathan Tah, Lucas Alario und Leon Bailey.

Auf dem Platz wirbelte diesmal stattdessen im Sturmzentrum neben Kai Havertz (ein Tor, ein Assist) der lange verschmähte Brasilianer Paulinho (zwei Tore, ein Assist). "Ich habe mich lange gedulden müssen", sagte der Teenager, "das war nicht immer einfach. Aber ich wusste, wenn meine Chance kommt, muss ich da sein."

Sven Bender verletzt sich schwer am Knie

Noch nie gab es in der Bundesliga ein torloses Duell zwischen diesen beiden Kontrahenten, und rasch war klar, dass diese Rekordstatistik auch nach der 70. Auflage Bestand haben würde. Wer weiß, ob nicht alles anders verlaufen wäre, hätte Gästestürmer Kamada nach 70 Sekunden die erste - und für lange Zeit letzte - Frankfurter Großchance genutzt. Leverkusen zeigte prompt, wie es besser geht: Wendell spielte den Ball in der vierten Minute die linke Außenlinie entlang auf Diaby, dessen flache, scharfe Hereingabe der in die Sturmspitze geeilte Kai Havertz grätschend über die Torlinie beförderte. "Das war leicht zu verteidigen", klagte Eintracht-Trainer Adi Hütter später, "wir hätten die Räume einfach zumachen müssen - beim zweiten Gegentor genauso. Das spielt Leverkusen sehr gut, aber wir gucken einfach zu." Paulinho wurde es in der Tat allzu leichtgemacht, nach einem Doppelpass mit Wendell scharf in die Mitte zu passen, wo gleich zwei Werksprofis frei standen - Bellarabi vollendete.

Torszenen gab es bis zur Pause nicht mehr - Frankfurt konnte nicht, Leverkusen wirkte unkonzentriert. Dennoch gab es markante Momente: Diaby ließ bei einem Dribbling im Mittelfeld vier Gegner wie Slalomstangen stehen; die Fans beider Lager hatten ihren Spaß, im Wechsel skandierend den DFB zu verwünschen; und Bayer-Verteidiger Sven Bender musste nach einer beherzten Grätsche gegen Filip Kostic verletzt vom Platz, er konnte wegen des verletzten linken Knies nicht mehr auftreten. Ein herber Verlust - aber Peter Bosz konnte ja Nationalspieler Tah einwechseln, der fast so gut spielte wie der überragend abgeklärte Winterzugang Edmond Tapsoba, 21.

Zwei schnelle Tore nach der Pause entscheiden die Partie endgültig

Hatte sich die Eintracht etwas für die zweite Hälfte vorgenommen, dann wurden die Gäste im Ansatz kalt geschockt: Eine traumhafte Kombination über Diaby und Havertz war gerade wegen einer Abseitsstellung zurückgepfiffen worden (48.), da tunnelte Paulinho am gegnerischen Strafraum Evan Ndicka und schob den Ball flach ins linke Toreck. Und weil es so schön war, durfte der 19-Jährige die Stelle sechs Minuten später wieder anvisieren, nach einem feinen Zuspiel von Havertz erhöhte der Brasilianer auf 4:0.

Wie in der ersten Halbzeit reduzierte Leverkusen auch nach dem zweiten Doppelpack schlagartig alle Bemühungen. Trotzdem boten sich dem Team ein gutes Dutzend bester Konteransätze, die es ziemlich leichtfertig liegen ließ. Perfektionist Peter Bosz ließ trotz der Konzentrationsmängel seiner Elf ausnahmsweise Milde walten und zeigte sich "sehr zufrieden", wie seine Mannschaft auch ohne gelernten Mittelstürmer in der Spitze geglänzt hatte.

Adi Hütter zog ein vernichtendes Fazit: "Ich bin sauer auf uns. Wir haben nicht ansatzweise unser Leistungspotenzial gezeigt." Der Tanz auf drei Hochzeiten trübt manchmal den Blick dafür, dass man am Ende nackt und ohne Braut dastehen kann. "Wir sind in einem sehr gefährlichen Bereich", warnte der Österreicher, dessen Mannschaft auswärts die schlechteste der Liga ist und deshalb in dieser Saison näher an der Abstiegszone ist als an den Europacup-Rängen.

© SZ vom 08.03.2020/ska
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