Granit Xhaka zu Bayer Leverkusen:Mentalität für die Doppelsechs

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Konsequent in seinen Aktionen: Granit Xhaka begreift die gelbe Karte als Teil seiner Spielphilosophie. (Foto: Simon Stacpoole/Offside Sports Photography/Imago)

Mit 139 gelben Karten und 14 Platzverweisen hat sich Granit Xhaka für seinen neuen Job qualifiziert: Er soll das Mittelfeld von Bayer Leverkusen widerstandsfähiger machen - und die offensiven Feingeister absichern.

Von Ulrich Hartmann

Um ein ganz bestimmtes Wort, das war klar, würde Bayer Leverkusens Fußballmanager Simon Rolfes nicht herumkommen bei der offiziellen Begrüßungsbelobigung des neuen Mittelfeldspielers Granit Xhaka. Das Wort heißt: Mentalität. Rolfes also sagte: "Es gibt nur wenige Spieler, die wie er dank einer herausragenden Mentalität und Persönlichkeit eine Mannschaft so überzeugend führen können."

139 gelbe Karten und 14 Platzverweise hat der 30 Jahre alte Schweizer Xhaka im Laufe seiner Karriere beim FC Basel, bei Borussia Mönchengladbach und beim FC Arsenal in London zusammengesammelt. Die Platzverweise haben ihm gelegentlich Kritik eingebrockt. Doch seine kompromisslose Art war und ist nun mal die Basis seines erfolgreichen Wirkens. In Mönchengladbach sagte er einmal einen Satz, der eine Art Berufsphilosophie für ihn darstellt. Man muss sich diesen Satz in Xhakas typischer, oft lakonischer Art denken: "Ich kann die Gegenspieler im Mittelfeld doch nicht einfach freundlich durchwinken."

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Gladbach bricht auseinander: Jonas Hofmann ist der nächste wichtige Spieler, der geht. Eigene Transfererfolge? Überschaubar. Immerhin, auf Führungsebene gelingen bedeutsame Akquisen.

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Bei Bayer Leverkusen beschäftigten sie immer wieder fußballerische Feingeister und dynamische Dribbler, aber sehr oft hätten sie sich einen gewünscht, der die Gegenspieler im Mittelfeld nicht einfach freundlich durchwinkt. Mit Robert Andrich haben sie so einen vor zwei Jahren von Union Berlin verpflichtet, mit Jonas Hofmann haben sie soeben einen pressingstarken Offensivspieler in Gladbach losgeeist - und mit Xhaka vom FC Arsenal machen sie ihr Mittelfeld nun weiter orkansicher. Er kostet den Klub laut Medienberichten bis zu 25 Millionen Euro und bindet sich bis 2028. "Ich kenne die Liga in- und auswendig", sagt Xhaka und klingt dabei cool wie John Wayne. Zwischen 2012 und 2016 hat er 108 Bundesligaspiele für Gladbach absolviert.

"Granit Xhaka, we want you to stay", sangen die Fans des FC Arsenal

Vor sechs Wochen hat Xhaka nach sieben Jahren seine letzte Partie für den FC Arsenal bestritten. Gegen Wolverhampton gelang ihm in seinem 225. Premier-League-Spiel der erste Doppelpack: 1:0 in der 11. und 2:0 in der 14. Minute. Am Ende stand es 5:0. Die Fans forderten ihn mit dem Lied "Granit Xhaka, we want you to stay" zum Bleiben auf. Auf einem Plakat stand ganz leise: "Farewell, Granit!"

Es heißt, Xhaka kehre auch deshalb nach Deutschland zurück, weil seine Frau Leonita Heimweh nach dem Rheinland habe. Doch Xhakas schwindende sportliche Perspektive beim FC Arsenal dürfte auch eine Rolle gespielt haben. Er wird dort - wenn auch nicht positionsgetreu - vom deutschen Nationalspieler Kai Havertz ersetzt. Havertz und der Norweger Martin Ödegaard, beide 24 Jahre alt, sollen künftig Seite an Seite in Arsenals offensivem Mittelfeld spielen, hinter ihnen wird wahrscheinlich Declan Rice, 24, von West Ham United wachen. Ein herausragendes Mittelfeld - so jung und schon so stark. In Leverkusen wird Xhaka nun jenen Stammplatz erhalten, den er bei Arsenal wohl verloren hätte. Während er in London zuletzt eher offensiv auf der Halbposition spielte, erwartet ihn in Leverkusen eine Stelle auf der ihm vertrauteren Doppel-Sechs im defensiven Mittelfeld.

Im Herbst könnte Xhaka Schweizer Rekord-Nationalspieler werden

Xhaka war im Sommer 2016 für 45 Millionen Euro Ablöse von Mönchengladbach nach London als Nachfolger jenes spanischen Mittelfeldspielers namens Mikel Arteta gewechselt, der seine Karriere damals beendete und dreieinhalb Jahre später Arsenals Trainer wurde. Gleich im ersten Jahr gewann Xhaka mit Arsenal den FA-Cup, den englischen Pokal. Drei Jahre später wiederholten sie diesen Triumph. Mehr relevante Titel sollten ihm in London aber nicht vergönnt sein. 2019 verlor er das Europa-League-Endspiel gegen Chelsea, und in der vergangenen Saison lieferten sich die Nord-Londoner mit Manchester City lange ein Duell an der Tabellenspitze. Am Ende wurde Arsenal Zweiter und qualifizierte sich mit Xhaka erstmals für die Champions League. Dass er ausgerechnet jetzt den Verein verlässt, könnte ihn anstacheln, mit Leverkusen Ähnliches zu erreichen. An seinem ersten Tag bei Bayer 04 sagte er: "Ich bin ehrgeizig, ich bin hungrig, ich will Erfolg haben."

Ein Meilenstein steht ihm im Herbst in der Schweizer Nationalmannschaft bevor. Mit 115 Länderspielen ist Xhaka derzeit Zweiter der ewigen Schweizer Rangliste. Drei Spiele noch, dann hat er Heinz Hermann eingeholt, und wenn er die nächsten vier EM-Qualifikationsspiele alle mitmacht, dann wäre der in Basel geborene Sohn kosovo-albanischer Eltern am 15. Oktober mit 119 Länderspielen alleiniger Rekord-Nationalspieler der Schweiz. Das, sagt er, würde ihn sehr stolz machen.

Wie in Basel, Gladbach und London trägt Xhaka in Leverkusen die Rückennummer 34. Es ist seine Glückszahl. Und für den Fall, dass diese Nummer mal irgendwo besetzt gewesen wäre, hat er sie sich in respektabler Größe auf den Rücken tätowieren lassen.

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