Mittwochmittag um 12.17 Uhr schrillte ein Schlusspfiff über das Rasengelände an der Bayarena, den kein approbierter Fifa-Schiedsrichter besser hinbekommen hätte. Bayer Leverkusens Chefcoach Erik ten Hag beendete mithilfe der um den Hals gehängten Pfeife energisch eine ausführliche Vormittagsschicht, die nahezu gänzlich aus Trainingsspielen bestand. Mal wurde in kompletten Teams auf dem großen Platz gespielt, mal in kleinen Formationen auf einem halben Platz – Hauptsache, diese kurzfristig in Eile zusammengestellte Mannschaft lernt als Ensemble miteinander zu harmonieren.
Mittendrin im Geschehen: Die nächste, die 15. Neuerwerbung, die der Klub in einem Sommer der Selbstverwandlung angeschafft hat. Tags zuvor erst mit einem Arbeitsvertrag ausgestattet, war der brandneue Rechtsverteidiger am Mittwoch im gewohnten Revier unterwegs und traf dabei kurioserweise stets einen Landsmann zum Zweikampf, den spanischen Linksaußen Alejandro Grimaldo, einer der wenigen Doublesieger, die Leverkusen zuletzt nicht verlassen haben.

Exklusiv Nationalspieler Antonio Rüdiger:„Das war ein großer Fehler“
Nach seinem Ausraster im spanischen Pokalfinale und anschließender Sperre kehrt Antonio Rüdiger mit selbstkritischen Tönen zur Nationalmannschaft zurück. Er räumt ein, er habe „Grenzen klar überschritten“.
Wie sich Bayer-Neuling Nummer 15 dieser glühend erhitzten Sommertransferperiode am Vormittag in der Kabine eingeführt hat, darüber ist noch in keiner Klub-TV-Sondersendung informiert worden, aber vermutlich haben sich eher die anderen Spieler bei Lucas Vázquez vorgestellt als umgekehrt. Vázquez ist nicht ganz so berühmt wie Cristiano Ronaldo und Karim Benzema oder wie Toni Kroos und Luka Modric, doch er hat mit all diesen Leuten jahrelang zusammengespielt, er war Teil ihrer Gang. Mit seinem ersten Einsatz für Real Madrid, vor knapp zehn Jahren, begann für den aus Spaniens Nordwesten stammenden Verteidiger eine Zeit unerhörter Erfolge, die mit dem Gewinn von fünf Champions-League-Pokalen gekrönt wurde.
Schon bei seinem ersten Einsatz für Real feierte Vázquez einen 6:0-Sieg, doch die Sensation an jenem Tag bestand nicht darin, dass Ronaldo fünf der sechs Tore erzielte, sondern dass der junge Debütant ihm beim finalen Treffer als Vorlagengeber assistieren durfte. Welche Ehre.
Zuletzt konnte man meinen, die Meisterspieler von 2024 seien von Panik ergriffen worden
Nun ist Vázquez selbst der Geehrte, bei Bayer Leverkusen ist man erkennbar stolz darauf, einen leibhaftigen Real-Madrid-Helden als neuen Mitarbeiter gewonnen zu haben. Leverkusens spanischstämmiger CEO Fernando Carro ließ sich, möglicherweise auf eigene Anordnung, einen Platz neben Vázquez auf dem offiziellen Foto zur Bekanntmachung des Transfers einräumen. Ebenfalls auf dem Bild zu sehen: Sportchef Simon Rolfes, der erst am Wochenende die Sondierungen für die Verpflichtung aufgenommen hatte und zügig ans Ziel gelangte.
Madrids Präsident Florentino Pérez hatte Vázquez nach der Klub-WM im Juli während einer eigens inszenierten Feier verabschiedet. „Er ist ein Spieler, der die Zuneigung und Anerkennung aller Madridistas hat“, lobte der große Vorsitzende. Doch wohin Vázquez die späte Karriere noch führen könnte, blieb erstmal offen. Vereine im Orient lockten ihn mit viel Geld, auch die USA hätten ein Ziel sein können. Bis ihm nun exklusive Informanten die Entscheidung abnahmen: Reals neuer Trainer Xabi Alonso, Reals Kapitän Dani Carvajal und der Ex-Real-Star Toni Kroos rieten Vázquez zum Engagement in Leverkusen, wo sie selbst ihre Erfahrungen als Spieler bzw. Trainer gemacht hatten und Eingang in die Ahnen-Galerie erhielten. Das Geschäft rundet einen internationalen Austausch ab: Erst musste der FC Liverpool Trent Alexander-Arnold zu Real Madrid gehen lassen, dann besorgte Liverpool in Leverkusen den Ersatzmann Jeremie Frimpong, und Bayer schloss die Lücke nun in Madrid.
Manager Rolfes war am Mittwoch mit Sportdirektor Kim Falkenberg zum Trainingsplatz gekommen, um Vázquez Einstand mitzuerleben und ihm später ein paar freundliche Worte zu widmen. Der 34-Jährige soll eine besondere Rolle erhalten. Dank seiner Routine und Raffinesse werde der spanische Profi „großen Einfluss auf unser Spiel nehmen und zur Stütze unserer Mannschaft werden“, hatte Rolfes am Vortag erklärt und damit einen frommen Wunsch ausgesprochen. Dass diese Mannschaft mehr Halt braucht, als ihn ein einzelner Cheftrainer geben kann, das haben die Leverkusener Zuschauer am Samstag beim 1:2 gegen die TSG Hoffenheim gesehen. Bei 15 Zugängen und zehn Verabschiedungen steht der Pegel zurzeit, aber das ist nur eine vorübergehende Marke. Es wird noch weitere Transfers geben.
Zuletzt konnte man meinen, die Meisterspieler von 2024 seien von Panik ergriffen worden – als ob sie nie mehr aus Leverkusen entkommen könnten, wenn sie jetzt nicht schnell verschwinden würden. Nach Granit Xhaka, Lukas Hradecky und Amine Adli versuchte es zuletzt Angreifer Victor Boniface, warf aber beim Medizincheck in Mailand solche Zweifel auf, dass die AC Milan Abstand nahm und ihn wieder zurückschickte. Und nun strebt auch Piero Hincapié, 23, den Ausstieg an. Der FC Arsenal will den Verteidiger angeblich holen, was dem Klub im Idealfall 60 Millionen Euro einbringt, aber nicht mal den Zahlmeister glücklich machen würde. Der hingebungsvolle Ecuadorianer Hincapié ist einer jener Spieler, die Bayer 04 am allerwenigsten verlieren möchte. Der Verein hofft, dass es ihm mit der Verpflichtung der Berühmtheit Lucas Vázquez gelingen könnte, die Fluchtneigung im Kader ein wenig zu verringern.

