Bayer Leverkusen:Linker Fuß macht, was linker Fuß will

Lesezeit: 3 min

Bayer Leverkusen: Mit dem linken Fuß zu (fast) allem fähig: Kerem Demirbay (rechts), Torschütze beim Leverkusener 2:2 in Berlin.

Mit dem linken Fuß zu (fast) allem fähig: Kerem Demirbay (rechts), Torschütze beim Leverkusener 2:2 in Berlin.

(Foto: Matthias Koch/Imago)

Einen Punkt gewonnen? Zwei Punkte verloren? Bayer Leverkusen präsentiert sich auch bei der Bewertung des 2:2-Unentscheiden bei Hertha BSC als ein großes Rätsel.

Von Thomas Hürner, Berlin

Der Ball lag neben der Eckfahne, und nun ruhten alle Blicke mal wieder auf Kerem Demirbay. Demirbay hat einen linken Fuß, mit dem man das Wochenende auch beim Tontaubenschießen verbringen könnte, am Samstag war er aber erst einmal in seiner Funktion als Standardschütze von Bayer 04 Leverkusen gefragt.

Wie erwartet, nahm der Eckball eine schöne Flugkurve und landete punktgenau bei einem Fußballer, der einsam an der Strafraumkante postiert war. Nur: Der Spieler feuerte keinen Schuss auf das Tor von Hertha BSC ab, sondern lief einfach in die entgegengesetzte Richtung. Im Berliner Olympiastadion hatte aber niemand Gefühl, gerade einem Akt der Sabotage beigewohnt zu haben. Der Spieler trug nämlich ein blau-weißes Trikot von Hertha BSC.

In der 49. Minute machte sich Demirbay wieder bereit, diesmal aus halbrechter Position für einen Freistoß, was wie gemalt ist für seinen linken Fuß. Der Spielmacher lief in kleinen Trippelschritten an, sein Fuß schmiegte sich um den Ball, der erneut eine schöne Flugkurve nahm. Und diesmal erbrachte die Standardsituation exakt das Ergebnis, das Demirbay und Freunde der Werkself sehen wollten: Der Ball landete im Tor der Hertha, zur zwischenzeitlichen 1:0-Führung der Leverkusener.

Es ist immer etwas verzerrend, wenn zwei Spielszenen gegenübergestellt und daraus Erkenntnisse zum Zustand einer Fußballmannschaft abgeleitet werden. Mit Blick auf Bayer 04 wurden in dieser Saison aber nun mal bereits sämtliche verfügbaren Analysewerkzeuge verwendet, und das Ergebnis ist immer dasselbe: Die Werkself ist ein einziges, großes Rätsel.

So recht versteht niemand, was mit der Mannschaft passiert ist, die vor Kurzem noch den Eindruck erweckte, als könne sie in dieser Spielzeit womöglich die Bayern ärgern. So recht weiß wahrscheinlich nicht mal Kerem Demirbay selbst, warum sein linker Fuß in einem Moment exakt das tut, was er soll, im nächsten Moment aber schon wieder nicht mehr. Als gesichert gilt: Zu viele wankelmütige Einzelleistungen ergeben indifferente Auftritte des gesamten Teams, so wie das 2:2 der Leverkusener gegen Hertha BSC wieder einer war.

"Das ist ein Punkt, über den wir uns freuen müssen", findet Bayer-Torwart Hradecky

Zwei Lesarten vertrug dieses unterhaltsame Spiel. Die eine war die eines Punktgewinns, den die Werkself für sich verbuchen konnte. Denn Hertha präsentierte sich als kratzbürstiger Widersacher, der so tapfer verteidigte, wie das gegen die hochbegabte Leverkusener Offensive möglich war, es aber auch fertigbrachte, in manchen Situationen adrett nach vorne zu kombinieren. Das beste Fallbeispiel war der Ausgleichstreffer des Berliner Mittelfeldmanns Suat Serdar (1:1/56.). Die Urheberrechte für das Tor des Tages lagen am Ende aber beim eingewechselten Marco Richter, der jüngst eine Hodenkrebserkrankung überstanden hat und nun per Volley-Fernschuss seinen zweiten Treffer in Serie erzielte (2:1/74.).

Ein "Wahnsinnsding", urteilte Leverkusens Torwart Lukas Hradecky, für den angesichts der allgemeinen Krisenlage feststand: "Das ist ein Punkt, über den wir uns freuen müssen. Der war nicht gratis."

Die zweite Lesart war die, dass die Leverkusener zwei Punkte verloren hatten. "Wir sind enttäuscht", klagte der Bayer-Coach Gerardo Seoane, wobei wahrscheinlich nicht mal Christian Lindner auf die Idee käme, ihm deshalb eine Gratismentalität vorzuwerfen. Seoane hatte ja recht damit, dass bei seinem Team "eine klare Leistungssteigerung" im Vergleich zu den mageren Vorwochen zu erkennen war, in denen die Werkself wettbewerbsübergreifend gerade mal einen Pflichtspielsieg zustande brachte. Gegen Hertha bewies die Mannschaft nun auch in jenen Situationen Moral, in denen sie sich neulich noch weggeduckt hatte, und sie versuchte es auch dann noch mit flotten Spielzügen, als die Aufgabe gegen die robuste Berliner Verteidigung immer vertrackter wurde.

Bayer Leverkusen: Immer wieder als Fürsprecher gefragt: Bayer-Trainer Gerardo Seoane tätschelt Adam Hlozek.

Immer wieder als Fürsprecher gefragt: Bayer-Trainer Gerardo Seoane tätschelt Adam Hlozek.

(Foto: Sebastian Räppold/Sebastian Koch/Imago)

Mindestens genauso wichtig war ein Faktor, der im Volksmund "Spielglück" genannt wird: Erst kam der Stürmer Patrik Schick bei seinem Treffer zum 2:2-Endstand so frei zum Abschluss (79.), wie das aus Hertha-Sicht halt nicht passieren darf, wenn man den ersten Heimsieg seit April festzurren möchte. Dann blieb ein Handspiel des Leverkusener Verteidigers Odilon Kossounou ungeahndet, obwohl es durchaus Argumente für einen Berliner Elfmeter gab. Für Demirbay war das Urteil des Schiedsrichters "sehr mutig" - und genau so klang auch die Prognose des Spielmachers, wie es in naher Zukunft um seine Werkself bestellt sein werde.

"Glaubt mir", tönte Demirbay in den Katakomben des Stadions, "in ein paar Wochen werden wir wieder hier stehen und uns drüber unterhalten, dass es wieder in Richtung Champions League geht." Was man heute schon weiß: Dafür braucht es einen linken Fuß, der noch öfter exakt das tut, was Kerem Demirbay will.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema