Bayer Leverkusen in der Europa League:Die Euphorie ist erst mal weg

Bayer Leverkusen in der Europa League: Florian Wirtz ist auch ein bisschen von der Gala-Form der vergangenen Wochen entfernt.

Florian Wirtz ist auch ein bisschen von der Gala-Form der vergangenen Wochen entfernt.

(Foto: Gennaro Masi/Independent Photo Agency/Imago)

Nach dem 0:1 in Rom schwankt Leverkusen zwischen der weiter existierenden Finalhoffnung und dem drohenden Aus: Im Rückspiel fürchtet das Team von Xabi Alonso eine widerborstige Mourinho-Taktik - und den Ausfall von Robert Andrich.

Von Philipp Selldorf, Rom

Es ging ganz schnell. Eben hatten noch 60 000 Leute die Ränge bevölkert, dann tätigte der Schiedsrichter den Schlusspfiff, begleitet von einem, gemessen am dünnen Resultat, übermotivierten Jubel der Zuschauer - und ein paar Momente später war das Olympiastadion schlagartig leer. Zurück blieben bloß die wohlgenährten römischen Möwen, die von den Tribünen einsammelten, was die Menschen nicht aufgegessen hatten. Ein paar beflissen auf und nieder laufende Ersatzspieler waren auch noch im großen Rund zu sehen, der Rasenwart auf seinem Traktor, TV-Menschen, Ordner und sonstiges Personal. Und, als Nachhut auf den Zuschauerplätzen, die Fans von Bayer Leverkusen, die ihren Block aus sogenannten Sicherheitsgründen nicht verlassen durften. Sie sangen gegen die Einsamkeit an und schützten Fröhlichkeit vor, wo, gemessen an der Darbietung, Ernüchterung angebracht war.

Im Inneren des ehrwürdigen Hauses, in der Kabine von Bayer 04 Leverkusen, herrschte daher auch eine unentschlossene Haltung zwischen Enttäuschung und Trotz, wie aus erster Hand der Sportchef Simon Rolfes zu berichten wusste. Diesem großen Abend hatten alle entgegengefiebert, aber dann blieb es doch eine vergleichsweise kleine Show mit einem dazu passenden Resultat. 0:1 verloren im Hinspiel des Semifinales gegen José Mourinhos AS Rom, das ist einerseits typisch Mourinho und andererseits nicht schlecht und nicht gut aus Bayer-Sicht. Es war "kein katastrophales Ergebnis", wie es Torwart Lukas Hradecky in seiner Spiel-Erörterung dreimal wortgleich formulierte.

Aus Hradeckys Kommentierung ist zu erfahren, dass es an diesem Abend auf beiden Seiten vor allem darum ging, Unheil fürs Rückspiel abzuwehren. Der berüchtigte Rückzugsstratege Mourinho hatte seine Mannschaft entsprechend widerborstig eingestellt, Bayer 04 hingegen musste im Laufe der 90 Minuten lernen, genügsam zu bleiben und die Selbstbeherrschung zu wahren. Zur Verwirklichung ihrer eigentlichen Stärken - Tempoangriffe, Flügelläufe, Dribblings - fanden die Leverkusener keinen Schlüssel. Lediglich in den ersten Minuten und kurz vor Schluss nach einem Patzer von Romas Torwart Rui Patricio gab es gute Gelegenheiten. Immerhin schaffte es Bayer nach dem eher zufälligen Gegentor durch Edoardo Bove (61.), die defensive Ordnung zu wahren und die Gegenwehr zu forcieren. Da habe das Team "gut reagiert", sagte Rolfes. Viel mehr zu loben wusste er nicht.

Wie bei nicht wenigen Galaveranstaltungen war der Rahmen prachtvoller als das eigentliche Geschehen. Mit einem Publikum in Festtagsstimmung, das vor dem Anstoß aus Tausenden Kehlen so wunderschön gesungen hat wie die berühmtesten italienischen Cantautori, sogar ohne Klavierbegleitung. Dass dazu jede Menge Feuerwerk gezündet wurde und purpurne Raketen dutzendweise in den Innenraum geflogen kamen, störte die öffentliche Ordnung in keiner Weise. Dafür waren ja die Feuerwehrleute da, die die glühenden Leuchtfeuer routiniert in eigens bereitgestellte Löscheimer steckten.

Bei Andrich könnte der Fuß gebrochen sein - oder auch nur geprellt

"Ein Supererlebnis" sei es gewesen, sagte Hradecky, "aber ganz ehrlich: Bei Bayer ist es manchmal lauter, und hoffentlich wird es nächste Woche noch etwas lauter." Just als er diese Sätze aussprach, störten in seinem Rücken Helfer das bemüht optimistische Bild, indem sie den Abtransport von Robert Andrich vorbereiteten. Der Mittelfeldspieler hatte bereits die Unterstützung zweier Betreuer gebraucht, um kurz vor Schluss das Spielfeld zu verlassen. Nun musste er mit einem Golfwagen davongebracht werden, eigenes Fortbewegen war nicht drin. "Schlimme Nachrichten" nannte dies Trainer Xabi Alonso am nächsten Morgen. Andrich ist der strategische Kopf seiner Mannschaft. Die Mediziner müssten nun ermitteln, ob der linke Fuß gebrochen oder nur geprellt sei, berichtete der Coach. Während die übrige Bayer-Crew bis Samstag in Rom bleibt, um sich für das Sonntagsspiel beim VfB Stuttgart vorzubereiten, wurde Andrich zur Untersuchung zurück ins Rheinland ausgeflogen. Verteidiger Odilon Kossounou begleitete ihn, auch er dürfte beim Rückspiel fehlen.

Bayer Leverkusen in der Europa League: Erlebt möglicherweise seine erste schwierige Zeit als Leverkusen-Trainer: Xabi Alonso.

Erlebt möglicherweise seine erste schwierige Zeit als Leverkusen-Trainer: Xabi Alonso.

(Foto: Gennaro Masi/Independent Photo Agency/Imago)

Bis zum nächsten Donnerstag befindet sich Bayer 04 somit in einer Situation, in der keiner den Trend so richtig zu deuten weiß: Geht es weiter Richtung Europa-Gipfel oder ist der Weg zu schwierig geworden? In der Bundesliga gab es zuletzt die schmerzliche Niederlage gegen Köln, die von erstaunlicher offensiver Wirkungslosigkeit geprägt war, und in Rom versuchte nun Sportchef Rolfes, Motivation aus der Tatsache zu schöpfen, dass die Mannschaft ja jetzt ihren Auftrag kenne: "Die Marschrichtung ist klar: Wir müssen es besser machen und zu Hause gewinnen."

Den schnellen Angreifern scheint die Frische abhandengekommen zu sein

Die gute, für Bayer-Verhältnisse beinahe euphorische Laune, die nach dem überzeugend gespielten Viertelfinale herrschte, ist fürs Erste verweht. Gegen die Roma sah es aus, als seien der Bayer-Elf Fantasie und Frische abhandengekommen, die einflussreichsten Spieler wirken erschöpft: Florian Wirtz startete stark und verblasste noch stärker, Jeremie Frimpong und Moussa Diaby, das lichtgeschwinde Duett an der rechten Seite, traten kaum in Erscheinung, wie auch Hradecky mitbekommen hatte. "Ja, wir müssen uns verbessern", sagte er mit einem unüberhörbaren Seufzen, "wir wussten, dass die nicht leicht zu knacken sind, die Mittel und Wege müssen wir finden." Gelingt dies nicht, droht die schlimmste aller Bestrafungen: Nicht nur der sportliche Rauswurf aus dem Wettbewerb, sondern auch ein böser Stempel auf der kompletten Mission. Nachlassen, wenn es drauf ankommt, das würde das altbekannte Stigma vom Klub Bayer Vizekusen wachrufen. Nichts hassen sie mehr bei Bayer 04.

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