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Bayer Leverkusen:"Das ist der Fußball, den ich liebe"

FC Augsburg - Bayer Leverkusen

Kunstvoll und effektiv: Leverkusen und dabei vor allem Kai Havertz lassen derzeit wenigstens die Fußball-Abteilung von Bayer 04 gut aussehen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Leverkusen präsentiert sich beim 4:1 in Augsburg als munter kombinierendes Versprechen auf die Zukunft.

Das Spiel war schon fast vorbei, da passierte etwas für diesen Abend ausgesprochen Unvorhersehbares: Bayer Leverkusen spielte den Ball ins Seiten-Aus. Dem Mittelfeldspieler Julian Baumgartlinger war das Missgeschick unterlaufen, er stutzte kurz und entschuldigte sich dann bei seinem Kollegen Mitchell Weiser, der den Pass hätte empfangen sollen. Weiser schien, wenn man es von der Tribüne aus richtig erkannte, ein wenig zu grinsen. Ein Fehlpass! Im Mittelfeld! Ohne Bedrängnis! Haha! Als würde ein Schriftsteller versehentlich eine Präposition falsch setzen. Leverkusen schoss dann, in der 88. Minute, schnell noch das 4:1 durch Julian Brandt, nach einer Kombination über drei Stationen. Es war das Endergebnis einer sehr einseitigen Partie beim FC Augsburg.

Man wird eher nicht vordergründig von Leverkusen sprechen, wenn man in drei Wochen auf diese Bundesligasaison zurückblickt, dafür spielt die sogenannte Werkself zu inkonstant, dafür sind andere Teams über das Jahr gesehen besser und interessanter, mehr Dramatik ist sowieso andernorts. Aber nach den Eindrücken des Spiels am Freitagabend in Augsburg spekulierte der Torwart Lukas Hradecky, dass sich das in Zukunft ändern könnte. "Ich denke, dass die nächste Saison mit guter Vorbereitung was Großes werden kann", sagte er, und: "Es wird besser und besser, je länger wir mit diesem Trainer und der Mannschaft zusammen sind." Der Trainer sagte: "Das ist der Fußball, den ich liebe."

Peter Bosz, 55, ist seit der Winterpause als Nachfolger von Heiko Herrlich verantwortlich für den Fußball in Leverkusen, seitdem hat Bayer 04 in der Liga neunmal gewonnen, fünfmal verloren und nie Unentschieden gespielt. Ganz ähnlich wie in Dortmund, wo er in der Saison zuvor nach einem halben Jahr entlassen worden war, wird der Niederländer seitdem oft für Ästhetik in der Offensive gelobt und etwas öfter für zu hohes Risiko in der Defensive und mangelnde Effizienz kritisiert. Es war gar von einer Krise die Rede, als Leverkusen vor einem Monat drei Spiele in Serie verlor und ins Tabellenmittelfeld zurückfiel. Nun hat Leverkusen drei Spiele in Serie gewonnen und wieder die Chance, Vierter zu werden, was die Qualifikation für die Champions League bedeuten würde. Es war die Art und Weise des Siegs in Augsburg, die den Glauben daran stärkte.

Der FCA hatte zuvor die ersten beiden Spiele unter dem neuen Trainer Martin Schmidt gewonnen und hätte mit einem Sieg vorzeitig den Klassenverbleib gesichert, kein leichter Gegner also. Augsburg ging auch gleich in Führung, durch einen Kopfball von Kevin Danso nach einem Eckball in der 12. Minute. Doch schon bald darauf musste man an einen berühmten Dialog aus Tarantinos "Pulp Fiction" denken, obwohl es darin nicht um Fußball, sondern um die Bedeutung von Fußmassagen geht: "Es ist nicht dieselbe Liga, es ist noch nicht mal derselbe verdammte Sport", sagt Samuel L. Jackson als Jules Winnfield zu John Travolta als Vincent Vega. Und war es wirklich derselbe Sport, den Augsburg und Leverkusen ausübten?

Natürlich tut man dem FCA damit etwas Unrecht, Augsburg versuchte durchaus mit spielerischen Mitteln dagegen zu halten. Aber: "Sie haben uns sehr früh und sehr gut unter Druck gesetzt", sagte Augsburgs Torwart Gregor Kobel, "eine herausragende Truppe", das müsse man einfach mal anerkennen. In Zahlen hatte Bayer 04 am Ende 578 Pässe mehr gespielt als Augsburg, 91 Prozent der insgesamt 867 Pässe zum Mitspieler gebracht und 74 Prozent Ballbesitz gehabt. Bayer 04 verteilte sich kurze Pässe spielend über das ganze Feld. Augsburgs Trainer Schmidt lobte: "champions-league-mäßig". Und er schloss, dass das Spiel "gutes Material für die Analyse" geliefert habe. In den letzten drei Spielen will Augsburg aus eigener Kraft den Abstieg endgültig vermeiden.

Die Leverkusener hätten auch schon zur Pause führen können, hätten sie ein paar ihrer Angriffe konzentrierter zu Ende gespielt. Manchmal wirkte es beinahe, als würden sie Rondo spielen, das Kicken im Kreis zum Aufwärmen, so lässig sah ihr Kurzpassspiel aus, "manchmal zu lässig", wie Verteidiger Jonathan Tah zugab. Doch er lobte den Spielstil und das System, in dem sich die Mannschaft gut entwickle. Bosz hat zuletzt auf die Verletzungen der Flügelspieler Karim Bellarabi und Leon Bailey mit einem Systemwechsel reagiert, Leverkusen greift nun in einem 3-2-4-1 an, mit dem Außenverteidiger Mitchell Weiser als Rechtsaußen. "Ein bisschen variabler" sei die Mannschaft so, sagte Kevin Volland. Er schoss den Ausgleich (15.), Kai Havertz traf mit einem schwer begreifbar schönen, ansatzlosen Chip mit dem Außenrist zum 2:1 (48.), Tah zum 3:1 (60.).

Nun muss man allerdings auch erwähnen, dass diese aufregende Mannschaft zuletzt jeweils mühsam gegen Stuttgart und Nürnberg gewann, zwei der drei schwächsten Teams der Liga. Am Sonntag spielt Bayer 04 gegen den Tabellenvierten Eintracht Frankfurt. Man dürfte also bald wissen, ob demnächst etwas Großes entsteht in Leverkusen.