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Champions League:Leverkusen vertreibt die Sorgen

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Der Sieg über Atletico Madrid festigt die Position von Trainer Gerardo Seoane in Leverkusen. Mit der Einwechslung von Jeremie Frimpong erweist er sich auch selbst einen Gefallen.

Von Philipp Selldorf, Leverkusen

Diego Pablo Simeone suchte auf seinem Kopf nach einer Antwort. Er wühlte so eifrig in den eigenen lockigen Haaren, als ob dort die Erklärung für die plötzliche Wende des Abends zu finden wäre. Eben noch hatte alles nach einem typischen Atletico-Ausflug ausgesehen, die Madrilenen hatten die ihnen heilige Null erfolgreich konserviert, und jetzt waren sie mit der Hilfe des eingewechselten Antoine Griezmann sogar drauf und dran, selbst das eine Tor zu erzielen, das ihnen üblicherweise zum Sieg genügt. Doch dann kam auf einmal Jeremie Frimpong dazwischen.

Vermutlich hätte Simeone, 52, auch ohne Haarewuscheln ermittelt, wieso mitten in Atleticos Drangzeit ein später Leverkusener Doppelschlag platzte und seinen Rotweißen daraus folgend eine 0:2-Niederlage entstand. In den elf Jahren als Trainer von Atletico hat sich der Argentinier außer profundem Wissen auch eine gewisse Gelassenheit angeeignet. Früher hätte ihn so ein 0:2 mindestens zu seltsamem Verhalten animiert, nun lächelte er charmant die Übersetzerin an und sagte eine Fußballweisheit auf. Manchmal sei es eben so, erläuterte Simeone dem internationalen Pressecorps: "Wenn die eine Mannschaft angreift, schießt die andere Mannschaft das Tor."

Während sich der mehr oder weniger unantastbare Simeone die Niederlage leisten kann, durfte sein Leverkusener Kollege froh sein, dass ihm Probleme erspart geblieben waren. Mit Gerardo Seoane, dem zuvor in seiner Stellung nicht unbeträchtlich wackelnden Trainer, freuten sich auch die Leverkusener Führungskräfte, dass die Zitterpartie fürs Erste beendet zu sein scheint. Niemand bei Bayer 04 hatte die Absicht, den Trainer zu feuern. Aber niemand konnte auch versprechen, dass man es nicht trotzdem tun würde.

"Wir wollten ihn für die letzte halbe Stunde aufbewahren", sagt der Trainer über den Matchwinner

In acht Spielen ein einziger Sieg, das war bis zur Begegnung mit Atletico die Bilanz, die Bayer 04 beschäftigte. Es gab zwar keine fundamentalen Zweifel an Seoanes Arbeitsweise, seinem Umgang mit dem Team oder seiner Belastbarkeit in der anhaltenden Stressphase. Doch es gab die Sorge, dass die schlechten Resultate irgendwann mächtiger werden könnten als die guten Argumente - womöglich schon am Dienstagabend gegen Atletico. Insofern tat sich Seoane selbst einen Gefallen, als er in der 69. Minute den schnellen Niederländer Frimpong für den Tschechen Adam Hlozek einwechselte, was eine den Gegner irritierende Positionsrochade auslöste und die rechte Flanke in eine Autobahn Richtung Atletico-Strafraum verwandelte. Frimpong machte sich die Route zu eigen und glänzte dank seiner Tempoläufe zweimal als Vorbereiter. Vor dem 1:0 durch Robert Andrich (84.) setzte er sich in einem olympiawürdigen Ringkampf gegen Mario Hermoso durch, beim 2:0 durch Moussa Diaby (87.) gab er eine Vorlage, deren Kurve höherer Geometrie glich. Frimpong habe zuletzt viel gespielt und nicht mehr genügend Frische gehabt, so erklärte Seoane, warum der effektivste Spieler von der Bank kam: "Wir wollten ihn für die letzte halbe Stunde aufbewahren."

Hier hätte nun für den 43 Jahre alten Schweizer Gelegenheit bestanden, private Meriten zu reklamieren für einen meisterlichen Matchplan, mit dem er sogar den berühmten Kollegen Simeone überlistete. Stattdessen erklärte er, mutmaßlich sogar ohne Kokettieren, sein taktisches Handwerk für zweitrangig - "das Energielevel" im Team und die lebhafte Stimmung im Stadion seien "viel wichtiger gewesen" für den Erfolg. Die Frage nach der persönlichen Erleichterung über sein nun wieder etwas stabileres Engagement stellte er in seiner gelegentlich spröden Art ebenfalls hintan: "Ich verspüre vor allem Freude für das Team." Dieser Sieg sei "vor allem für die Köpfe sehr, sehr wichtig" gewesen, hob Torschütze Andrich hervor und ergänzte damit Simeones sinnsuchenden Griff in die Haare: Manchmal ist nicht die Tabelle, sondern der Kopf das Zentralorgan des Fußballs.

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