Süddeutsche Zeitung

Remis zwischen Leverkusen und Bayern:Zu gut, um Tore zu schießen

Lesezeit: 4 min

Das Unentschieden trotz enormer Überlegenheit lässt die Münchner rätselnd zurück. Sie fragen sich nach dem 1:1 in Leverkusen, warum sie die Gegner zwar reihenweise schwindelig spielen, aber zuweilen ihre Torchancen nicht kühl nutzen. Ein Möglichkeit wäre, dass Trainer Guardiola seine Taktik ändert.

Von Maik Rosner, Leverkusen

Als Thomas Müller und Bastian Schweinsteiger aus der Kabine schlenderten, blieben sie an einem der Monitore im Bauch der Arena stehen. Arm in Arm blickten sie auf den Zusammenschnitt ihres 1:1 (1:1) bei Bayer Leverkusen, ganz so, als müssten sich die beiden Profis des FC Bayern gegenseitig stützen, während sie noch einmal all ihre vergebenen Torchancen und die der Kollegen vorgeführt bekamen.

Müller schüttelte mit jeder weiteren Szene mehr den Kopf und gab Schweinsteiger bald einen leichten Stubser zum Weitergehen. Reden über diese einseitige Partie mit dem geradezu grotesken Resultat aus Sicht der Münchner? Lieber nicht.

27 Torschüsse hatten die Statistiker gezählt und nur deren fünf von Leverkusen. Zudem: Ballbesitzwerte zwischen 70 und 80 Prozent für Pep Guardiolas Mannschaft, 14 Eckbälle (Leverkusen: zwei) und weitere 27 Flanken aus dem Spiel heraus (drei). In jeder erdenklichen Erhebung lagen sie vorne. Nur eben nicht in der entscheidenden Spalte, die das Führungstor von Toni Kroos aus der 30. Minute und Sidney Sams umgehenden Ausgleich keine 60 Sekunden später auswies.

"Wir müssen lernen. Das Problem ist die Effektivität. Wir werden versuchen, dieses Detail zu verbessern", sagte Trainer Guardiola ein bisschen genervt, bemühte sich aber mehrfach darum, diesen kritischen Ansatz abzuschwächen. "Manchmal kann das passieren. So ist Fußball", sagte er lakonisch. Für ihn war es das "beste Spiel" seiner Amtszeit beim FC Bayern.

Das Endprodukt sind nicht immer Tore

Vielleicht illustrierte auch jene kurze Begegnung, die sich kurz zuvor zwei Stockwerke tiefer zugetragen hatte, ganz gut, wie Guardiola diese ungleiche Auseinandersetzung gesehen hatte. Leverkusens Torwart Bernd Leno unterbrach er kurz in dessen Gespräch mit Reportern, um ihn zu beglückwünschen. "Gut gemacht", lobte Guardiola und täschelte ihm anerkennend die Brust. Weitere Leverkusener bedachte der Münchner nicht mit derlei Gesten, nannte den Gegner aber "eine der großen Mannschaften in Europa". Was für Europa keine gute Nachricht wäre.

Das war ja die eine Botschaft des Samstagabends: Der bisherige Tabellenzweite aus München war beim Tabellendritten derart überlegen aufgetreten, dass man sich mindestens um die Konkurrenzfähigkeit der übrigen Bundesligisten sorgen muss. Auch die bisher so überzeugende Werkself war ja regelrecht schwindelig gespielt worden wie in der Champions League drei Tage zuvor Manchester City, beide in ihrem eigenen Stadion.

Als zweite Botschaft ließ sich aber auch werten, dass das verwirrende Kurzpassspiel des FC Bayern nach gut 100 Tagen unter Guardiola zwar schon auf eine beinahe maschinengleiche Präzision zusteuert, dabei aber die Tore noch nicht wie gewünscht als Endprodukt vom Angriffs-Fließband purzeln.

Neu ist dieses Phänomen bei Guardiolas Elf nicht. In manchen Spielen zuvor war es jedoch nicht ins Gewicht gefallen, da es am Ende meist doch genügend Tore waren, um zu gewinnen. Nun blieb immerhin ein Punkt und als Trost die Tabellenführung, weil der bisherige Erste Borussia Dortmund zuvor ebenso unnötig 0:2 bei Borussia Mönchengladbach verloren hatte. Auch deshalb, weil es der BVB zuweilen sogar schafft, den FC Bayern an Verschwendung zu überbieten.

Ziemlich deutlich heben sich die beiden Champions-League-Finalisten der Vorsaison vom Rest der Liga ab. Vermutlich ist das sogar ein Teil der Erklärung für ihre regelmäßigen Fehlschüsse. Zugespitzt lässt sich sagen: Sie sind manchmal zu gut, um Tore zu schießen. Gegen die unterlegenen und deshalb häufig sehr defensiven Gegner sind die Strafräume derart zugestellt, dass die Kombinationen in der Enge nur unter höchstem Zeitdruck abgeschlossen werden können, Ungenauigkeiten inklusive.

Die Angst vor den Schussel-Bayern geht um

Leverkusens Trainer Sami Hyypiä schien das mit seiner Taktik auch beabsichtigt zu haben. "Wir haben uns schon gedacht, dass die einzige Möglichkeit in diesem Spiel ist, gut zu verteidigen. Und so, wie Bayern gespielt hat, hatten wir keine Chance, etwas anderes zu machen", sagte er.

Für die Münchner ergibt sich daraus eine knifflige Denkaufgabe. Nämlich jene, wie dem Problem beizukommen ist, dass die eigene Spielweise als unangenehme Begleiterscheinung größere Menschenansammlungen vor den gegnerischen Toren nach sich zieht. So paradox das klingt: Um das zu ändern, könnte Guardiola zumindest phasenweise eine Abkehr von der großen Stärke seiner Mannschaft anordnen. Statt Ballbesitzfußball und des sicheren Kombinationsflusses also zeitweilig Balleroberungs- und schnellen Konterfußball, mit mehr Raum und Zeit beim Abschluss.

Guardiola lehrt das bereits, doch dummerweise gibt seine Mannschaft den Ball einfach zu selten her. Es klang beinahe, als hecke der Trainer deshalb für das kommende Heimspiel in zwei Wochen schon listig bewusste Fehlpässe aus. "Vielleicht spielen wir gegen Mainz schlecht und gewinnen", sagte er und verwies auf den zurückliegenden Auftritt bei Schalke 04, als seine Mannschaft zunächst mehr verteidigen musste - und mit wenigen Chancen nach Kontern eine 2:0-Pausenführung und am Ende einen lockeren 4:0-Erfolg herausgeschossen hatte.

In München sorgen sie sich allerdings nicht allzu sehr, dass sich der früher häufig zu hörende Vorwurf "Dusel-Bayern" nach glücklich anmutenden Siegen nun wegen einer anhaltenden Abschlussschwäche in ein mitleidiges "Schussel-Bayern" wandeln könnte. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende, fasste seine Sicht der Dinge jedenfalls ungerührt bis launig zusammen. "Spielerisch war das weltklasse, fußballerisch sind wir auf einem unglaublich hohen Niveau", befand er angetan, "aber ich sage voraus: Wir werden auch mal wieder ein Spiel haben, wonach alle schreiben: 'Dusel-Bayern'. Diesmal war es 'Dusel-Bayer'."

Konsequenzen für den Oktoberfest-Besuch der Mannschaft an diesem Sonntag werde es nicht geben. Im Gegenteil. "'Türlich Feuer frei", laute die Ansage, sagte Rummenigge, das kommende Ligaspiel stehe ja erst übernächstes Wochenende an, da dürfe man sich schon dem Bier zuwenden. So, wie er das sagte, klang es nach einer erneuten Großchance, die die Mannschaft nutzen sollte.

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