Basketball "Zuerst sind wir Gegner"

Am Donnerstag kommt der einstige Münchner Meister-Trainer Svetislav Pesic zurück - als Coach des FC Barcelona will der 69-Jährige nun die Basketballer des FC Bayern aus der Euroleague kegeln.

Von Ralf Tögel

Svetislav Pesic lacht: "Alles künstlich." Er meint ein paar Gelenke in seinem Körper. Das Knie zum Beispiel, es wurde ausgetauscht, die Hüfte ist auch nicht mehr das Original. Man hat die Bilder noch präsent, wie der mittlerweile 69-Jährige einst am Spielfeldrand im Audi Dome entlang humpelte, ruhig zu sitzen war für den ehemaligen Trainer der FC-Bayern-Basketballer trotz aller Schmerzen keine Option. 2016 musste er dann den Dienst quittieren, es ging nicht mehr. Sein Team war im Playoff-Halbfinale gegen den Titelverteidiger Brose Bamberg mit 0:3 Siegen ausgeschieden, eine Demütigung für einen wie Pesic, einen der erfolgreichsten Trainer des Kontinents. Dann ließ er seinen Körper restaurieren, "es war eine harte Zeit", erinnert er sich. Doch nun ist er wieder da: Am Donnerstag (20 Uhr) gastiert er mit dem FC Barcelona an alter Wirkungsstätte im Münchner Westpark, er sagt: "Es ist eine Rückkehr in die Heimat."

Freilich hat er nichts Gutes im Sinn mit seinem alten Klub, die Spanier wollen nach dem 93:64 über Gran Canaria am Dienstag nun gegen den deutschen Meister den Einzug in die Euroleague-Playoffs perfekt machen; für die Gastgeber geht es in erster Linie darum, sich dem Heimpublikum gegen den illustren Gegner von ihrer besten Seite zu zeigen. "Natürlich will ich gewinnen, immer, auch gegen Bayern, denn zuerst sind wir Gegner", sagt Pesic. Die Münchner haben durch das ernüchternde 69:89 bei Olympiakos Piräus am Dienstag die letzte realistische Chance verspielt, die K.-o.-Runde der besten Acht aus eigener Kraft zu erreichen. "Sie haben es nicht mehr selbst in der Hand", weiß Pesic, den Konkurrenten abschreiben will er aber nicht: "Das ist eine sehr gute Mannschaft, mit einem guten Trainer, sie haben alles, was man für modernen Basketball braucht, gute Werfer, gutes Fastbreakspiel, Tempo, athletische Spieler." Pesic erzählt von Respekt, den er bei jedem in seinem aktuellen Klub spüre, vor allem bei seinen Spielern, keiner werde die Bayern unterschätzen - am wenigsten er selbst. Natürlich weiß er um die Reboundschwäche der Münchner, nicht nur in Piräus war dieses Defizit unübersehbar. 44 Mal fingen die Griechen den abprallenden Ball, allein unter dem gegnerischen Korb verschafften sie sich damit zwölf zweite Wurfchancen. Dem FCB gelang dies bloß viermal.

Die größte Leistung der Münchner, die erstmals im neuen Euroleague-Format mitmachen dürfen und die Belastung dieser parallel laufenden Saison immer deutlicher zu spüren bekommen, ist wohl, dass sie trotz dieser eklatanten Schwäche unter den Brettern so lange aussichtsreich im Kampf um die Teilnahme an der K.-o.-Runde mithalten konnten. Die Münchner sind Letzter in der Rebound-Statistik, der FC Barcelona hingegen ist die viertbeste Mannschaft in dieser Disziplin. Über seinen Matchplan muss Pesic daher gar nicht viel sagen, schon im Hinspiel waren es zuvorderst die Center der Spanier, die den 83:73-Sieg sicherten. Allen voran der kroatische Nationalspieler Ante Tomic, der 2,17 Meter misst. Ob der Franzose Kevin Seraphin, 2,08 Meter groß, mitwirken wird, will Pesic noch nicht festlegen; Seraphin hat Probleme mit dem Knie und wurde gegen Gran Canaria geschont. Dafür wird der Ukrainer Artem Kustovyi auflaufen, 2,19 Meter groß. Pesics Münchner Kollegen Dejan Radonjic, der wohl auf sein gesamtes Personal zurückgreifen kann, fehlen Akteure von diesem Gardemaß. Immerhin ist Center Devin Booker (2,05) zurückgekehrt.

Pesic warnt besonders vor Booker, wahrscheinlich sind dies aber nur Spielchen des ausgefuchsten Serben, der nach seiner OP-Pause vor etwas mehr als einem Jahr zum zweiten Mal beim spanischen Traditionsklub anheuerte. Der war von der Rolle, hatte zweimal die Euroleague-Playoffs verpasst. Mit Pesic gewann Barca sofort das Pokalfinale gegen den Erzrivalen Real Madrid. Dieses Kunststück hat er neulich wiederholt, Barca führt zudem die Liga-Tabelle vor den Königlichen an.

Nun kommt Pesic also nach München zurück, wo er 2014 den deutschen Meistertitel mit dem FC Bayern feierte, wo sein Sohn Marko immer noch als Geschäftsführer fungiert, wo er sich legendäre Duelle mit Bamberg lieferte und dessen italienischem Coach Andrea Trinchieri. Der hatte ihn einst als "Moloch" bezeichnet, Pesic erinnerte gerne an Trinchieris weitaus kleinere Reputation als Coach und begegnete ihm mit Geringschätzung. In Erinnerung geblieben ist auch Pesics Sprint über das Münchner Parkett in Richtung des damaligen Liga-Geschäftsführers Jan Pommer, dem er böse Absicht bei der Schiedsrichtereinteilung unterstellte, was er ihn vor Ort lautstark wissen ließ. Zum Ende seiner Zeit in München klagte Pesic immer häufiger über die Unparteiischen, von denen er sich ungerecht behandelt fühlte, bis er seinen Rücktritt ankündigte. Um nach besagtem Aus im Playoff-Halbfinale gegen Bamberg einige Wochen später die letzte Volte zu schlagen, als er auf der Pressekonferenz nach dem Spiel den Rücktritt vom Rücktritt erklärte - und dem triumphierenden Trinchieri noch mal die Show stahl. Kurz darauf verabschiedete sich Pesic doch.

Als er in Barcelona angeheuert hatte, wurde er im zweiten Training versehentlich von Petteri Koponen über den Haufen gerannt und kugelte sich bei dem Sturz die Schulter aus. "Deshalb habe ich Koponen nach Bayern geschickt", sagt er grinsend, aber passiert sei weiter nichts. Am nächsten Tag stand er wieder in der Halle. Eine Operation ließ er nicht zu, "ich habe eine Spritze bekommen, alles ist wieder gut. Die Schulter ist nicht künstlich". Er lacht.