Basketball:Worte, die nachhallen

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Russia Basketball Euroleague CSKA - Bayern 6704476 25.11.2021 CSKA'!s Will Clyburn and Bayern'!s Vladimir Lucic struggle

Der letzte Dreier von Vladimir Lucic (rechts) in Moskau verfehlt sein Ziel.

(Foto: Anton Denisov/imago images/SNA)

Die Basketballer des FC Bayern München verlieren ihr Euroleague-Spiel beim Titelaspiranten ZSKA Moskau hauchdünn mit 74:77. Der nach einer Hirnblutung am Comeback arbeitende Profi Paul Zipser gibt ein nachdenkliches Interview.

Von Sebastian Winter

Es waren die letzten 28 Sekunden, in denen die Basketballer des FC Bayern München das Euroleague-Spiel bei ZSKA Moskau aus der Hand gaben. Darun Hilliard hatte beim Stand von 74:73 einen Freiwurf vergeben. Ausgerechnet Hilliard, der seit Wochen so formstarke US-Amerikaner, der vor dieser Saison von ebenjenen Moskauern nach München gewechselt war - und der bei seiner Rückkehr in Russlands Hauptstadt mit 28 Punkten als überragender Topscorer des Außenseiters aus München geglänzt hatte. Moskaus bester Punktesammler Will Clyburn, mit dem Hilliard zwischen 2019 und 2021 bei ZSKA zusammengespielt hatte, traf daraufhin im Gegenzug zur 75:74-Führung. Die Sekunden rannen dahin, die Bayern hatten aber noch kurz Zeit - doch der Dreier von Vladimir Lucic verfehlte sein Ziel. Rebound Moskau, Sekunden vor Schluss der Treffer von ZSKA zum 77:74 - dann ertönte die Schlusssirene.

Die Münchner waren vor 3350 Zuschauern in Moskaus wegen der dortigen Corona-Bestimmungen bei weitem nicht vollen Arena ganz nahe dran an der Überraschung, und das gegen einen der großen Titelaspiranten auf den Euroleague-Titel. Auch statistisch waren sie quasi ebenbürtig, bis auf die etwas schwächere Zweier-Trefferquote, vor allem unter dem Korb. Doch am Ende fehlte ihnen mal wieder das letzte Quäntchen an Glück und auch Konzentration - wie schon in Tel Aviv (68:69), Kasan (70:73) und gegen Real Madrid (76:80). Dabei hatte die Mannschaft von Trainer Andrea Trinchieri zur Halbzeitpause 41:32 geführt und diesen Vorsprung zum Start des dritten Viertels dank eines Dreiers ihres zweitbesten Scorers Deshaun Thomas (17 Punkte) noch auf 44:32 ausgebaut. Hilliard und Augustine Rubit, denen wie Lucic und Nick Weiler-Babb fünf Rebounds gelangen, begingen dann allerdings jeweils ihr drittes Foul, Trinchieri nahm Hilliard daraufhin vom Feld, was zu einem Bruch im Bayern-Spiel führte.

Moskau kam heran, übernahm selbst die Führung, angetrieben auch vom ehemaligen Bamberger Daniel Hackett und dem deutschen Nationalmannschafts-Center Johannes Voigtmann. Das Spiel war dann im letzten Viertel völlig offen, bis zu jenen 28 Sekunden vor Schluss, in denen Moskau die besseren Nerven hatte.

Bis Weihnachten wissen die Bayern, wo sie in der Euroleague stehen

Fünf Siegen stehen in der aktuellen Euroleague-Saison nun sieben Niederlagen gegenüber, die Münchner sind auf Platz zwölf aber nah dran an Rang acht, der noch zu den Playoffs berechtigen würde. Und es ist ja längst noch nicht einmal die Hälfte der Hauptrunde gespielt. Nach einem spielfreien Wochenende erwarten die Bayern am kommenden Donnerstag Villeurbanne und danach Efes Istanbul, bevor sie zu Olympiakos Piräus und nach Belgrad reisen. Das Heimspiel gegen Vitoria-Gasteiz beschließt am 23. Dezember die Euroleague-Hinrunde. Mit Ausnahme der starken Griechen von Olympiakos befinden sich alle kommenden Gegner in Schlagdistanz der Bayern oder stehen hinter ihnen. Spätestens an Weihnachten wissen die Münchner also, wo sie wirklich stehen in dieser schwierigen Euroleague-Saison.

Immerhin durfte Trinchieri nach fünf Wochen Pause erstmals wieder seinen Spielmacher Zan Mark Sisko im Kader begrüßen, die vor ein paar Wochen noch übervolle Krankenliste lichtet sich also weiter; in Leon Radosevic und Paul Zipser fehlen dem deutschen Pokalsieger nur noch zwei Akteure. Und vielleicht ist das ja das Positivste für Trinchieri und die Bayern am Tag nach der nächsten höchst unglücklichen Euroleague-Niederlage - dass Zipser nach seiner im Juni erlittenen Hirnblutung mit anschließender vierstündiger Notoperation vor zwei Wochen das erste Mal wieder mit Körperkontakt trainieren konnte. "Es fehlen jetzt noch ein paar Sachen, aber das ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit", sagte er in einem ausführlichen Gespräch im klubeignen Podcast "Open Court".

Unter Druck setzen möchte sich Zipser auf keinen Fall, die Reha sei "eine Achterbahnfahrt: stetig aufwärts, aber immer wieder auch mal eine Woche zurück". Ohnehin habe sich sein Blick durch die damalige, sehr bedrohliche Situation geweitet, wie er berichtet: "Basketball ist auf jeden Fall kleiner für mich. Das heißt nicht unwichtig, aber wenn's nicht laufen sollte, könnte ich das wohl auch schneller vergessen."

Selbst nach einer ziemlich bitteren 74:77-Niederlage in Moskau gibt es also bedeutend Wichtigeres, auch wenn man für einen Klub spielt, für den Siege zum Selbstverständnis gehören. "Gesundheit ist die Nummer eins, alles andere kommt auf Platz vier bis weiter runter. Das habe ich gelernt", schließt Zipser. Worte, die in diesen dunklen Tagen besonders nachhallen.

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