Deutsche Basketballer:Ein wirklich schwacher Auftritt

Lesezeit: 3 min

Basketball Nürnberg 25.11.2021 FIBA World Cup European Qualifiers Deutschland (GER) - Estland (EST) Gordon Herbert (Deu

Kein guter Start: De Einstand des neuen Bundestrainer Gordon Herbert (re.) hätte nicht viel schlechter sein können.

(Foto: Tilo Wiedensohler /Camera4+/Imago)

Die deutsche Nationalmannschaft verliert im ersten Spiel unter dem neuen Bundestrainer Gordon Herbert gegen Außenseiter Estland - und steht in der WM-Qualifikation direkt unter großem Druck.

Von Ralf Tögel

Gordon Herbert versuchte in seiner Analyse, irgendwie so etwas wie Optimismus auszustrahlen, zwischenzeitlich lächelte er. Aber sein Gesicht war gezeichnet von dem Entsetzen über das, was er gerade miterlebt hatte. Der neue Bundestrainer musste gleich in seinem ersten Spiel für den Deutschen Basketball Bund (DBB) eine herbe Enttäuschung einstecken, die deutschen Basketballer sind mit einer unerwarteten 83:86-Pleite gegen Estland in die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2023 in Indonesien, Japan und den Philippinen gestartet.

Am Sonntag schon folgt die Partie in Lublin gegen Polen, das ebenfalls mit einer Niederlage gestartet ist. Die Polen verloren zu Hause gegen Israel 61:69 und stehen wie die deutsche Auswahl bereits unter Druck. 32 Mannschaften streiten um zwölf WM-Tickets, nach diesem Auftritt muss man konstatieren, dass die Deutschen in dieser Form sicher nicht für ein Ticket in Frage kommen.

Ganz unabhängig von der Leistung der Esten war der Auftritt der DBB-Auswahl wirklich schwach. Der finnische Gäste-Trainer Jukka Toijala bot ein Team jenseits bekannter Namen auf, mit einer Handvoll Profis, die in Europa ihrem Beruf nachgehen - meist in zweitklassigen Ligen. Topscorer Kristian Kullamäe etwa, der 15 Punkte erzielte und den Deutschen mit seinen Drei-Punkte-Würfen arg zusetzte, spielt in der zweiten spanischen Liga.

Dennoch agierten die Esten stets auf Augenhöhe - und hatten in der dramatischen Schlussphase die besseren Nerven. Vor der Partie waren die Gäste ja zum klaren Außenseiter bestimmt worden, in Nürnberg genügte ihnen indes das bessere Teamplay sowie die größere Treffsicherheit, um den Favoriten zu düpieren. Wobei sie allerdings von einer indisponierten Verteidigung der Deutschen profitierten: Immer wieder durften die zweifellos talentierten Distanzschützen im Team der Balten in aller Ruhe Maß nehmen.

Das Gros der deutschen Spieler kommt in den Klubs nicht über den Backup-Status hinaus

Zur Pause führte Deutschland mit 34:30 Punkten, vor allem Kapitän Robin Benzing (13 Punkte) und Topscorer Christian Sengfelder (21) hielten ihr Team im Spiel. Es wurde aber mit zunehmender Spieldauer klar, wie abhängig die Kollegen von ihnen sind, denn als die beiden Anführer der DBB-Auswahl mit ihren Abschlüssen scheiterten, waren die Esten sofort am Drücker. Unterstützung kam allemal von Justus Hollatz (9), der sein Talent als Spielmacher hin und wieder mit feinen Zuspielen an Sengfelder offenbarte. Oder von Karim Jallow (7), der mit seinem spektakulären Spiel immerhin ein paar Akzente setzte.

Ansonsten aber war eine große Verunsicherung im Team zu sehen - die jedoch nicht überraschen darf. Denn jene deutschen Profis, die in der Lage sind, in engen Spielen unter Druck und auf hohem Niveau die richtigen Entscheidungen zu treffen, waren allesamt in der Euroleague beschäftigt. Dass die sieben NBA-Spieler nicht zur Verfügung stehen, war ohnehin klar. Und die kontinentale Königsklasse hatte zeitgleich einen Spieltag, die Klubs haben daran ein größeres Interesse als am Nationalteam.

Deutschland - Estland

David Kramer (vorne) versucht in dieser Situation am Esten Kristjan Kitsing vorbeizukommen.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

So standen vornehmlich Akteure auf dem Spielfeld, die in ihren Vereinen meist über den Backup-Status nicht hinauskommen, denn alle Bundesliga-Teams besetzen ihre Schlüsselpositionen mit ausländischen Profis, meist aus Übersee. Lediglich Benzing verdient sein Geld in der ersten italienischen Liga, Sengfelder ist bei Brose Bamberg gesetzt und spielt eine sehr starke Saison. Die übrigen Kollegen sind international kaum erprobt, keiner kann zweistellige Einsatzzahlen im Nationalteam vorweisen.

Der Kader wird gegen Polen derselbe sein

Die Vorentscheidung, so hatte Herbert beobachtet, fiel zu Beginn der zweiten Halbzeit, als "Estland fünf Dreier nacheinander getroffen hat". Jeder dieser Würfe brachte Zweifel in die Köpfe der deutschen Spieler, die ihrerseits eine fürchterliche Dreier-Quote hatten, sieben von 31 Versuchen fanden ins Ziel. Je länger die Esten die Partie offen hielten, desto größer wurde die Verunsicherung beim Gastgeber, bezeichnend war der letzte Angriff. Herbert hatte eine Auszeit genommen, Kapitän Benzing für den finalen Wurf zum Ausgleich und der möglichen Overtime vorgesehen, doch David Kramer zog ungestüm zum Korb - und vergab.

DBB-Vizepräsident Armin Andres hatte diese Niederlage sicher nicht auf dem Zettel, aber schon vor der Partie im Gespräch mit der SZ angemahnt, dass er auf die Unterstützung der deutschen Klubs und deren Nationalspieler setze, "wenn es brennt". Das wird am Sonntag in Polen noch nicht der Fall sein, obwohl die deutsche Auswahl schon nach dem ersten Spiel lichterloh in Flammen steht, die nächste Qualifikationsrunde zur WM ist für Ende Februar angesetzt. Ob er nach der Pleite am Sonntag in Polen Änderungen im Team vornehmen werde, wurde Herbert vom Magentasport-Reporter gefragt: "Das habe ich jetzt noch nicht entschieden." Was soll er auch sagen, der Kader wird derselbe sein. Das polnische Team ist stärker einzuschätzen als Estland, eine weitere Niederlage eigentlich verboten. Sonst wird diese WM-Qualifikation schnell zu einem aussichtslosen Unterfangen.

Zur SZ-Startseite

Schach-WM
:Es könnte ein spektakuläres Duell werden

Seit 2013 ist Magnus Carlsen Weltmeister und das Gesicht des Schachsports. Nun wartet gegen Jan Nepomnjaschtschi die wohl schwerste Titelverteidigung auf ihn. Beide setzen eher auf Angriff als auf Verteidigung.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB