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Basketball:Ungewöhnliche Zahlen

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Starker Auftritt in leuchtendem Schuhwerk: Münchens Spielgestalter Wade Baldwin (re.).

(Foto: Mladen Lackovic / Imago)

Die Basketballer des FC Bayern München unterliegen ZSKA Moskau in der Euroleague und hadern mit den Entscheidungen der Referees.

Von Ralf Tögel

Wade Baldwin wird häufig während einer Partie von Andrea Trinchieri an die Seitenlinie gerufen. Dann tauscht sich der Trainer der FC-Bayern-Basketballer mit seinem Spielgestalter aus, über den nächsten Spielzug vielleicht, was man besser machen kann, all solche Dinge. Das geschieht in der Regel, wenn die Partie unterbrochen ist, dann können Coach und Spieler kurz ungestört plaudern. Im Normalfall. An diesem Donnerstagabend aber hatte Baldwin einen Schatten hinter sich, er wurde von seinem Gegenspieler Daniel Hackett bis zur Bank verfolgt - obwohl die Partie unterbrochen war. Und das lag sicher nicht am brandneuen Schuhwerk des Amerikaners, welches hübsch in neongelb und neontürkis bis auf die Tribünen leuchtete, vielmehr hat sich offenbar in der Euroleague herumgesprochen, dass man den Spiritus Rector der Basketballer des FC Bayern München keinen Moment aus den Augen lassen sollte.

Der Einsatz von Hackett, seines Zeichens selbst ein Guard von erster europäischer Klasse und einer der besten Abwehrspieler der Euroleague überhaupt, machte sich letztlich bezahlt. Zwar konnten weder er noch seine Kollegen den Münchner Spielmacher daran hindern, mit 19 Punkten und sechs Assists der bestimmende Akteur in Reihen des FC Bayern zu sein, aber die Gäste vom ehemaligen Armeesportverein ZSKA aus Moskau gewannen das Spitzenspiel des Tabellendritten beim Zweiten mit 89:81 Punkten.

Damit ändert sich im Klassement nichts, Bayern bleibt Zweiter vor ZSKA. Aber die Moskauer haben mit 7:3 Siegen gleichgezogen, die Münchner sind wegen des besseren Korbverhältnisses vorne. Nichts Dramatisches passiert also, gegen ZSKA kann man verlieren; weil die vorige Saison wegen der Pandemie abgebrochen und kein Meister gekürt wurde, sind die Moskauer als Champion von 2019 ja immer noch Titelverteidiger. Und Münchens Bilanz von sieben Erfolgen in zehn Partien bleibt beeindruckend. Zur Erinnerung: In der Vorsaison gewann der FC Bayern bis zum Abbruch acht Begegnungen - in 28 Anläufen. Doch so einfach macht es sich ein Trainer wie Andrea Trinchieri nicht. Denn seine Auswahl war dem Topfavoriten ein absolut gleichwertiger Gegner, es war der intensive Vergleich zweier extrem defensivstarker Spitzenmannschaften, die sich um jeden Wurf, um jeden Zentimeter auf dem Feld stritten, kaum ein Akteur konnte einen Ball Richtung gegnerischem Korb abdrücken, ohne die Hand eines gegnerischen Abwehrspielers vor dem Gesicht zu haben. Der Moskauer Kader ist ausschließlich mit kontinentalen Spitzenkräften bestückt, wie etwa dem NBA-erfahrenen Darrun Hilliard oder Will Clyburn, beim Titelgewinn zum wertvollsten Spieler gewählt. Beide pflegen zweistellig zu punkten und taten das auch in München. Überragender Akteur bei ZSKA war aber erneut Mike James, vor zwei Jahren Topscorer der Liga (damals noch für Armani Mailand) und nun auch in München mit 25 Punkten erfolgreichster Schütze. Assistiert wurde er vom serbischen 2,13-Meter-Riesen Nikola Milutinov, der 18 Zähler und zwölf Rebounds sammelte. So ging das Reboundspiel, in dieser Saison bisher das Prunkstück der Münchner, mit 39:26 klar an Moskau.

Trinchieri machte dies als den entscheiden Faktor aus, trotzdem hatten die Bayern zur Pause mit 39:36 Punkten die Nase vorn, auch fünf Minuten vor Schluss war beim 68:71 aus Münchner Sicht das Ende offen. Dann allerdings neigte sich das Pendel auf die russische Seite, was nach Ansicht des FCB-Trainers nicht nur sportliche Gründe hatte. In seiner Nachbetrachtung monierte er zunächst das verlorene Duell bei den Abprallern, sowie die ausbaufähige Bilanz bei den Dreierwürfen - doch dann erwähnte er auch zwei andere Werte, denen er die letztlich entscheidende Bedeutung beimaß: "Moskau hatte 41 Freiwürfe, wir 20. Wir hatten 32 Fouls, sie 18. Bei solchen Zahlen für uns ist es unmöglich ein Spiel zu gewinnen." Dann wiederholte er nur ein Wort: "unmöglich!"

Womit er so falsch nicht lag, in der Tat wurden viele der oft vorkommenden 50:50-Entscheidungen zugunsten der Gäste getroffen. Und gerade James, zweifellos der herausragende Akteur der Partie, schien in der Schlussphase den besonderen Schutz der Referees zu genießen - während sein Gegenüber Baldwin mit zweifelhaften Offensivfouls bedacht wurde. "Ich habe keine großen Unterschiede in unserem und dem Spiel von Moskau gesehen", ärgerte sich Trinchieri, "deshalb sind diese Zahlen sehr ungewöhnlich." Ursächlich für den Misserfolg seien die Defizite des eigenen Teams gewesen, das gab der Italiener gerne zu, aber er nahm seine Spieler auch explizit in Schutz: "Mit diesen Statistiken ist es kein normales Basketballspiel."

© SZ vom 22.11.2020
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