Basketball:Überstunden für Europa

Goettingen, Deutschland, 12. Oktober 2019: 1. DBBL - Damen - 19/20 - flippo Baskets BG 74 vs. XCYDE Angels Noerdlingen v; Angels Nördlingen Basketball

Routinierte Rückkehrerin: Vor zwei Jahren spielte Smantha Hill (re., im Spiel gegen Göttingen) schon einmal für Nördlingen, nun ist die kanadische Nationalspielerin Kapitänin der Angels.

(Foto: Harald Kuhl /Imago)

Frauen-Bundesligist Angels Nördlingen will mit einem verstärkten Kader in die Playoffs - und mittelfristig sogar ins internationale Geschäft.

Von Mathias von Lieben

Für den Traum von Europa klingelt der Wecker von Martin Fürleger zurzeit jeden Morgen um halb sechs. Etwas anderes bleibt dem neuen sportlichen Leiter des Frauenbasketball-Bundesligisten Angels Nördlingen auch kaum übrig. Denn neben seinem Vollzeitjob bei der Agentur für Arbeit Donauwörth investiert der 35-Jährige seit kurzem zusätzliche 30 Stunden pro Woche auch noch in sein neues Basketball-Amt. "Das ist zurzeit wirklich alles sehr viel und extrem stressig", stöhnt er müde ins Telefon: "Aber mein mittelfristiges Ziel, die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb, erreicht man nicht durch Jammern, sondern durch richtiges Anpacken."

Es bedarf schon einer gehörigen Portion Mut, nur wenige Monate nach einer spät verspielten Playoff-Teilnahme in der Vorsaison solche ehrgeizigen Ziele zu formulieren. Doch seit der Enttäuschung im März hat sich in Nördlingen eben auch vieles verändert. Quereinsteiger Martin Fürleger, der sich bislang um die Öffentlichkeitsarbeit gekümmert hat, hat seinen langjährigen Vorgänger Kurt Wittmann als sportlichen Leiter abgelöst. Mit dem lokalen Bauunternehmen Eigner ist ein neuer Hauptsponsor für drei Jahre an Bord. Und die Mannschaft hat ein völlig neues Gesicht bekommen. Ein Umbruch, der im 14. Jahr Nördlinger Bundesliga-Basketball in Serie offenbar Lust auf etwas Größeres weckt. "Europa 2023 wäre jedenfalls ein echtes Abenteuer für Stadt und Verein", sagt Fürleger und fragt: "Warum die Ziele nicht hochstecken?"

Die Voraussetzungen dafür sind nicht die schlechtesten. Fürlegers Vorgänger Wittmann hat die 21 000-Einwohner-Stadt Nördlingen zu einem anerkannten Standort im Frauenbasketball entwickelt, an dem wirtschaftlich solide gearbeitet wird und vor der Corona-Pandemie im Schnitt 650 Zuschauer zu den Bundesliga-Partien kamen, obwohl die ganz großen Erfolge ausblieben. Und trotz eines im Vergleich zur Vorsaison geringeren Budgets haben Fürleger, Trainer Ajtony Imreh und übergangsweise auch noch Kurt Wittmann für diese Saison einen Kader zusammengestellt, der das diesjährige Saisonziel Playoffs inklusive Einzug ins Pokalfinale als durchaus realistisch erscheinen lässt.

Nach der Vorsaison setzt Nördlingen nun auf mehr Routine im Kader, dafür wurden acht neue Spielerinnen geholt

Verblieben aus dem letztjährigen Team sind nur noch Nachwuchstalent Mona Berlitz und die erfahrene Amenze Obanor. Neu hinzugekommen sind hingegen ganze acht Spielerinnen, von denen einige ihr Können bereits am Sonntag beim überzeugenden, ersten Pflichtspielsieg dieser Saison im Pokal gegen Saarlouis (75:63) unter Beweis stellen konnten. Besonders vielversprechend waren die Auftritte der kanadischen Olympia-Teilnehmerin und Neu-Kapitänin Samantha Hill (14 Punkte) sowie Landsfrau und Power-Forward Meg Wilson (15 Punkte). Auch von den zwei finnischen Flügelspielerinnen Elina Koskimies (15 Punkte) und Anissa Pounds (10 Punkte) scheint sich Trainer Imreh zu Recht zu versprechen, dass sie zu Grundpfeilern des Angels-Angriffs werden. Und besonders große Hoffnungen liegen auf der etatmäßigen US-Spielmacherin Asha Thomas, die zum Saisonstart allerdings noch verletzungsbedingt ausfällt.

Auffällig am Kader ist, dass er deutlich erfahrener ist als im Vorjahr und dadurch etwas abweicht von dem ursprünglichen Nördlinger Prinzip, vor allem auf junge, deutsche Nachwuchsspielerinnen zu setzen. Das lag nicht nur an dem umkämpften Markt für dieses Anforderungsprofil, sondern auch an einem bewussten Kalkül: "Unsere junge Mannschaft hat sich in der entscheidenden Phase der Vorsaison extrem schwergetan", sagt Martin Fürleger: "Jetzt wollten wir mehr Routine im Team haben, damit wir auch in den entscheidenden Momenten voll da sind."

Von mehr Erfahrung dürften die Angels in dieser Saison angesichts einer Corona-bedingt einmalig von zwölf auf 14 Teams aufgestockten Liga in jedem Fall profitieren. Gerade die untere Tabellenhälfte dürfte angesichts von vier Abstiegsplätzen hart umkämpft werden. Für das ausgegebene Saisonziel Playoffs ist ein guter Auftakt in der Liga daher fast schon Pflicht. Gar keine so leichte Aufgabe bei einem Startprogramm mit nur einem Heimspiel (gegen Heidelberg am zweiten Spieltag), das immerhin wieder vor Zuschauern stattfinden kann. Und gleich drei schweren Auswärtspartien in Herne (Sonntag, 16 Uhr), bei Meister Keltern und dem Vorjahreszweiten Osnabrück.

Zwei Siege aus den ersten vier Spielen - das wäre für Fürleger ein gelungener Einstand. Internationale Träume hegt der Sportchef in seiner Premierensaison noch nicht, obwohl die Qualifikation für den Eurocup im Frauen-Basketball nicht nur von sportlichem Erfolg, sondern lizenzbedingt vor allem von finanziellen Mitteln abhängt. "Aber wir wollen diesen Weg natürlich nicht gehen, solange wir uns zwischen den Plätzen fünf bis zehn bewegen." Zurzeit fehlt also noch beides: sowohl der sportliche Erfolg als auch finanzkräftigere Sponsoren. Aber vielleicht ja in zwei oder drei Jahren? Martin Fürleger wird vorerst in jedem Fall Frühaufsteher bleiben.

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