Süddeutsche Zeitung

Basketball:Spielen wie Picasso

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Der FC Bayern München bereitet sich im Trainingslager in Südtirol auf die neue Saison vor. Trainer Andrea Trinchieri muss neun teils hochkarätige Zugänge integrieren - und weiß noch nicht, wie gut sie zusammenpassen.

Von Thomas Becker

Erst mal die frohe Botschaft: Er ist wieder da. Paul Zipser ist zurück im Gewand der Bayern-Basketballer. Zwar nur in langen Hosen und ein paar Meter neben der Ersatzbank, aber immerhin. In der Halbzeitpause des Vorbereitungsspiels gegen den italienischen Zweitligisten Scaligera Basket Verona (89:66) in Bozen wirft Zipser ein paar Bälle, FCB-Geschäftsführer Marko Pesic deutet so etwas wie eine Verteidigung an - ein schöner Anblick, dieses Geplänkel. Zipser scheint auf dem Weg der Besserung zu sein, trainiert noch nicht mit der Mannschaft, sondern individuell, ist im Trainingslager in Bruneck nur zwei Tage dabei, um mal Hallo zu sagen. Während der Playoffs war er wegen einer Hirnblutung operiert worden - am Tag vor der Unterschrift des neuen Drei-Jahres-Vertrags. "Es ist ein langer Prozess, in dem wir ihn zu 120 Prozent unterstützen", sagt Coach Andrea Trinchieri, "ihn dabei zu haben, ist ein Geschenk. Es wäre aber unfair, einen Zeitplan für sein Comeback zu haben. Diesen Respekt schulde ich ihm. In den nächsten Wochen werden wir sehen, wie wir seine Arbeit integrieren können."

Im dritten Trainingsspiel gab dafür Nick Weiler-Babb sein Comeback. Im April hatte er sich gegen Mailand am Fuß verletzt und warf sich nun gegen die recht kernig zu Werke gehenden Veronesen wieder mit vollem Körpereinsatz ins Getümmel. Nicht dabei: Vladimir Lucic, Nihad Djedovic, Marvin Ogunsipe, Leon Radosevic sowie die prominenten Zugänge Augustine Rubit, Darrun Hilliard und Othello Hunter. Letztere traten in der Schulturnhallen-Atmosphäre des Bozener Pala Mazzali erst in der Schlussphase in Erscheinung: als Jubel-Combo für den dunkenden Center Mohamed Sillah (19) aus dem ProB-Team. Teambuilding scheint schon mal funktioniert zu haben.

Der Kader ist breiter, ist er auch besser? "Ich weiß es noch nicht", sagt Trainer Trinchieri

Der FC Bayern hat neun Neue an Bord, darunter Spieler, die der Pokalsieger zuvor kaum zum Umzug an die Isar hätte bewegen können. Allein das Trio Hunter, Hilliard und Rubit verspricht so einiges, gerade was die Ambitionen des Klubs in der Euroleague betrifft, wo man heuer bis auf einen Wurf am Final Four dran war. Trinchieri hat zwar einen größeren Kader, doch ob es auch ein besserer ist? "Ich weiß es noch nicht", sagt er, "ich lerne jeden Tag etwas über unser Team dazu. Du weißt nicht, was für einen Spieler du verpflichtet hast, bis du ihn in der Halle hast. Bei manchen Spielern macht es Klick, bei manchen nicht." Mit Reynolds und Baldwin habe man die beiden Besten verloren, "aber wenn du nicht mit Claudia Schiffer Abendessen kannst, gehst du halt mit Anja oder Heidi", scherzt Trinchieri, "wir müssen das Mögliche versuchen. Dieser Klub ist sehr stabil. Wir machen keine Schritte, die nicht der Länge unserer Beine entspricht."

Die vergangene Saison habe man praktisch ohne Guards beenden müssen: alle verletzt, ausgebrannt. Das habe man geändert. Zudem stünden mit Andreas Obst, Gavin Schilling und Joshua Obiesie auch mehr Deutsche im Kader. Man habe keinen dominanten Center mehr, sondern mehrere vielseitige Spieler, die zwei Positionen spielen können. Sehr zufrieden ist er mit seinen früheren Schützlingen Corey Walden und Ognjen Jaramaz sowie mit Obst, den er schon in Bamberg trainierte: "Ich kenne ihn, als er noch ein Kind war - jetzt ist er ein Mann. Er hat noch viel Platz für Verbesserung." Dem Trainer ist bewusst, dass "es uns etwas an Größe fehlt", was man jedoch mit Energie, Intensität und System kompensieren wolle. Der Schlüssel zum Erfolg liege jedenfalls in der Defensive: "Mehr als je zuvor." Er mag keine Spieler, die in der Defensive "in den Economy-Gang schalten". Der größte Wert eines Teams sei seine Mentalität, und dieses Um-keinen-Preis-verlieren-Wollen gelte es wieder herzustellen, wie im vergangenen Jahr.

Das Renommee ist gewachsen, das sieht man an Zugängen wie Hunter, Hilliard und Rubit

Das Rückgrat des Teams bilden etablierte Spieler wie Vladimir Lucic, Zan Mark Sisko, Leon Radosevic und Nick Weiler-Babb, und den Jungen müsse man eben zeigen, "wie wir unser Business betreiben". Er sei zuversichtlich, sagt Trinchieri und schüttelt dann wieder eine seiner beliebten Metaphern aus dem Ärmel, diesmal nicht als Koch oder Schneider, sondern als Maler: "Ich habe schon einen Rahmen, aber die Farben für mein Bild noch nicht ausgewählt. Ich weiß, dass ich ein gutes Bild malen will, aber mit welchen Mitteln, in welchem Stil? Wie van Gogh? Picasso? Oder Kandinsky?" Übertragen auf den Sport heißt das: Es ist nicht damit getan, mit dem dicken Geldbeutel auf Einkaufstour zu gehen, sondern vielmehr eine Kunst, mit dem verfügbaren Budget das Optimum herauszuholen.

Bayern hat enorm am Renommee gearbeitet und ist mittlerweile auch für Euroleague-Größen wie Hunter, Hilliard und Rubit attraktiv. Trinchieri glaubt zudem, dass "die neue Arena der Wendepunkt für den Verein" sein wird. Er wolle sich gar nicht vorstellen, was in der erfolgreichen vergangenen Saison in einer Arena mit Fans los gewesen wäre. Kommenden Sommer soll der SAP Garden für 12500 Zuschauer bezugsfertig sein, was dem Projekt einen unfassbaren Schub geben könne, glaubt Trinchieri: "Dann ist der Himmel die Grenze. Der FC Bayern kann ein sehr spezieller Klub für Basketball in Europa werden, ein Dreh- und Angelpunkt. Das Potenzial ist da." Aber bis dahin gebe es vor allem eins zu tun: arbeiten.

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