Basketball:"Schlag in die Magengrube"

19.05.2021, Basketball, BBL 2020 2021, Viertelfinale, 1. Spieltag, MHP RIESEN Ludwigsburg - Brose Bamberg, GER, Ludwigsb; Basketball

Noch hat Bambergs Trainer Johan Roijakkers keinen blauen Brief bekommen, Grund zum Grübeln aber hat er allemal. Viele Enttäuschungen darf sich der Niederländer nicht mehr leisten.

(Foto: Heiko Becker /Imago/HMB-Media)

Bamberg verliert in der Champions-League-Qualifikation und ist erstmals seit 20 Jahren vom internationalen Geschäft ausgesperrt. Trainer Johan Roijakkers steht nun schon zum Bundesliga-Saisonstart unter besonderer Beobachtung.

Von Ralf Tögel

Am Donnerstagmorgen war es gar nicht so einfach, Philipp Galewski zu erreichen. "Der ganz normale Wahnsinn", erklärte der Geschäftsführer der Basketballer von Brose Bamberg sein übliches Arbeitsaufkommen an einem Werktag. Die wirklich wichtigen Gespräche waren da aber bereits geführt: Jene mit dem Aufsichtsrat. Man habe sich natürlich sofort nach dem Spiel verständigt und dabei eine Entscheidung getroffen: Johan Roijakkers bleibt Cheftrainer beim Basketball-Bundesligisten. Oder wie Galewski es formulierte: "Wir haben keine Entscheidung getroffen, nicht mit ihm weiterzumachen." Auf den ersten Blick eine Petitesse, die aber recht eindrücklich beschreibt, wie knapp der Niederländer wohl an einer Suspendierung vorbeigeschrammt war.

Denn die runderneuerte Mannschaft, die im Übrigen nach den Vorstellungen Roijakkers modelliert wurde, war schon im ersten Spiel der Qualifikation zur Basketball Champions League (BCL) gescheitert. Mit 79:83 unterlagen die Oberfranken der litauischen Auswahl von Juventus Utena, die hierzulande wohl nur eingefleischten Einwohnern von Freak City - wie Bamberg in der Szene aufgrund seiner erfolgreichen Zeiten und lebhaften Fan-Gemeinde genannt wird - ein Begriff gewesen sein dürfte. Damit hat Brose schon zu Saisonbeginn einen herben Dämpfer kassiert, denn eigentlich hatte man das internationale Geschäft fest im Kalkül. Wenn überhaupt, war ein Scheitern im Finale der Qualifikation gegen den estnischen Gastgeber BC Kalev aus Tallinn, ebenfalls keine furchteinflößende Größe im europäischen Basketball, als möglich erachtet worden.

"Wir hatten in der Vergangenheit eine recht kurze Zündschnur", sagt Geschäftsführer Philipp Galewski, der nun nach Kontinuität sucht

Dabei lief es für Bamberg lange nach Maß, die beiden Spielmacher Justin Robinson (sieben Punkte, sechs Assists) und der starke Frankie Ferrari (14/11) leiteten umsichtig das Spiel und setzten die Nebenleute ein, der neue litauische Brose-Center Martinas Geben traf sicher aus der Nahdistanz (15 Punkte). "Wir haben 27 Minuten guten Basketball gespielt, dann plötzlich aufgehört und gedacht, das Spiel wäre vorbei", stellte der Trainer hernach treffend fest, "das war es aber nicht." Zu diesem Zeitpunkt führten die Bamberger mit 20 Punkten (65:45), ließen dann aber einen 5:27-Lauf des Gegners zu, der es tatsächlich schaffte, vier Minuten vor dem Ende 72:70 in Führung zu gehen. Bamberg war völlig von der Rolle, kein Spieler mehr in der Lage, Akzente zu setzen. So taumelte der Favorit scheinbar wehrlos in die Niederlage, auch ein letztes Aufbäumen mit sechs Punkten in Folge kam zu spät und konnte von Utena gekontert werden - das Momentum war längst auf Seiten der abgezockten Litauer. Als Bambergs Ferrari neun Sekunden vor dem Ende beim Stand von 79:81 den Ball verlor, was nach Ansicht der Bamberger einem nicht geahndeten Foul geschuldet war, war die Partie entschieden. Auch die Freiwurfquote von 31:11 zu Gunsten der Litauer fiel auf, Galewski wollte beides nicht als Entschuldigung gelten lassen: "Man sollte sich jetzt nicht auf eine Schiedsrichter-Diskussion einlassen. Wir haben den stärkeren Kader, waren bis Mitte des dritten Viertels klar überlegen und haben überraschend verloren. Das darf man nicht schön reden."

Wirtschaftlich sei der Schaden überschaubar, so Galewski, zumal wegen der Corona-Problematik keine normale Saison zu erwarten sei. Noch strömten die Zuschauer nicht wie vor Corona in die Brose-Arena, fehlende Einnahmen in der Champions League seien also zu verschmerzen. Das gelte so aber nicht für den Image-Schaden: "Das war natürlich ein Schlag in die Magengrube", so Galewski, Bamberg ist erstmals seit 20 Jahren vom internationalen Geschäft ausgesperrt. Zwar wollte er auch die Spieler in die Pflicht nehmen, es seien schließlich genügend erfahrene Kräfte im Kader, dennoch steht der Trainer schon zum Start in die Bundesliga (BBL) in gut einer Woche unter besonderer Beobachtung. Die ersten beiden Gegner sind Göttingen und Gießen, eine Niederlage im "Brot-und-Butter-Geschäft" (Galewski) gegen einen dieser Außenseiter dürfte Roijakkers den Job kosten. Zumal er in jüngerer Vergangenheit mit einer verbalen Entgleisung in einer Bamberger Tiefgarage in die Schlagzeilen geraten war.

Der ehemalige Serienmeister ist nach turbulenten Jahren, in denen er sich sukzessive von der Ligaspitze entfernte und sich Trainer, Sportdirektoren und Geschäftsführer die Klinke in die Hand gaben, auf der Suche nach Kontinuität. "Wir hatten in der Vergangenheit eine recht kurze Zündschnur", bestätigte Galewski, man werde in diesem Fall aber nüchtern "diskutieren und abwägen". Denn noch ist die Klubführung davon überzeugt, dass man mit diesem Kader und diesem Trainer "gut in die Saison gehen kann".

© SZ
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