Wenn Anton Gavel bei einem Basketballspiel nicht gerade an der Seitenlinie steht, hat er seine Emotionen stets im Griff. Auch im Moment des größten Erfolges mit den Bamberg Baskets war der Trainer sichtlich bemüht, seine Freude nicht zu sehr nach außen zu tragen. Nach dem dramatischen 74:72-Sieg gegen Alba Berlin im Pokal-Finale feierte er zunächst im obligatorischen Pokalsieger-Shirt mit seinen Spielern diesen überraschenden wie verdienten Coup ausgelassen auf dem Parkett des SAP Gardens, um kurz darauf ruhig und gefasst das Spiel zu analysieren.
Die Berliner hätten seinem Team mit ihrer Rebound-Überlegenheit das Leben schwer gemacht. „Ich glaube, wir haben erst im letzten Viertel überhaupt geführt“, sagte Gavel. Das stimmte nicht ganz, denn zu Beginn des dritten Viertels brachte Ibi Watson die Oberfranken mit 39:37 erstmals in Front. Danach aber kontrollierten wieder die favorisierten Hauptstädter – angeführt von Nationalspieler Malte Delow, mit 17 Punkten bester Akteur auf Alba-Seite – wie fast die gesamte Partie das Geschehen. Zwischenzeitlich lag Alba mehrmals mit neun Punkten vorn, bekam die unermüdlich rackernden Bamberger aber nie in den Griff. Und Mitte des letzten Viertels kam Bamberg wieder auf.

Basketball-Pokal:Böser Rückschlag im K.-o.-Spiel
Selten zuvor war eine Mannschaft derart favorisiert wie der FC Bayern im Pokal-Halbfinale gegen Bamberg. Doch die Münchner spielen ohne Energie und Biss und scheiden in eigener Halle verdient aus.
Schon im Halbfinale gegen Bayern München zeigten die Oberfranken jene Widerstandsfähigkeit, die sie letztlich zum Titel führte. Auch die Bayern waren das überlegene Team, ehe Bamberg in der Schlussphase zuschlug. Zunächst rettete sich der Gastgeber in eigener Halle vor 11 500 Zuschauern noch in die Overtime, in der die Bamberger entfesselt aufspielten und den großen Favoriten mit einem 103:97-Sieg düpierten. Schon da zeigte Gavel bei der Pressekonferenz mit seinem wenig amüsierten Konterpart Svetislav Pesic das Geschick eines EU-Diplomaten, blieb bescheiden, lobte den Gegner. Keine Spur von Triumphgehabe, von Eigenlob ganz zu schweigen. Selbst als Pesic daran erinnerte, dass Gavel ja einst unter ihm in München als Spieler gelernt habe, und nun zu einem Toptrainer gereift sei, lächelte Gavel die Girlande des Altmeisters charmant weg.
Seinen Wechsel nach Bamberg haben viele als Rückschritt gesehen. Genugtuung? „Das ist das falsche Wort“, sagt Gavel
Vielmehr warf der Bamberger Trainer die Frage auf, wie seine Spieler diesen enormen Kraftakt innerhalb von zwölf Stunden verdauen sollten. Zumal sein Kader in Breite und Klasse weder mit München noch mit Berlin mithalten kann. Gerade die Führungsspieler Watson und Cobe Williams hatten fast das gesamte Halbfinale auf dem Feld gestanden, was ihnen tags darauf im Endspiel anzumerken war. Aber Gavel hat sich eine Gruppe komponiert, die mit unglaublichem Willen auch dies kompensierte. Weil andere Profis in die Bresche sprangen: Allen voran Demarcus Demonia, der mit 19 Punkten den Bestwert des Abends hatte und zum wertvollsten Spieler des Finalturniers gewählt wurde. Oder Moritz Krimmer, der fast ein halbes Jahr verletzt war und gerade rechtzeitig wieder in Form kam. Der 25-Jährige stehe beispielhaft für den Charakter der Mannschaft, sagte Gavel: „Er gibt immer 110 Prozent. Moritz hat eine große Karriere vor sich.“
Der Hochgelobte sah sich geehrt von „den Worten eines sehr großen Spielers und Sportsmanns“, von dem als Trainer noch viel zu erwarten sei: „Hoffentlich bei uns“, sagte Krimmer und gab einen Einblick in das Erfolgsgeheimnis des Trainers Gavel: „Wenn man weiß, was er als Spieler alles geleistet hat, dann glaubt man ihm. Er hat uns gesagt, wir können das hier gewinnen, dann glauben wir das auch.“ Dieses Vertrauen habe „einen Spirit und Zusammenhalt“ geschaffen, der schließlich den Titelgewinn ermöglicht habe.

Mehr als die pure Überzeugungskraft des 41-Jährigen war aber doch vonnöten. Nach einer verkorksten Debütsaison bei den Oberfranken, inklusive verpasster Playoffs, baute Gavel den Kader völlig um, nur Watson wurde gehalten. Schon im Vorjahr hatte Gavel sein Team ins Pokalfinale geführt, das aber ging beim gastgebenden MBC in Weißenfels verloren. Deshalb holte er im tschechischen Nationalspieler Richard Balint (von Basket Brno), Zach Ensminger (vom finnischen Erstligisten Kauhajoki), Austin Crowley (vom rumänischen Topklub Craiova) und E.J. Onu (Legia Warschau) vier Akteure, die Playoff-Erfahrungen in ihren Ligen gesammelt hatten. „Das hat uns im Vorjahr gefehlt“, erklärte Gavel, „Spieler, die mit solchen Drucksituationen umgehen können.“ Wobei der Chefcoach nicht vergaß, den Erfolg dem „ganzen Trainerteam“ zuzuschreiben.
Gavel ist nach der Überraschung mit der Ulmer Meisterschaft vor drei Jahren, als die Schwaben in Bonn, München und Berlin alle Topteams aus dem Weg räumten, nun der nächste Coup gelungen. Wieder warf sein Team alle Schwergewichte aus dem Wettbewerb, vor München und Berlin auch den Titelverteidiger MBC. Die Trainerlaufbahn des Deutsch-Slowaken, der 2018 seine aktive Karriere beim FC Bayern beendete und ein Jahr später als Nachwuchstrainer nach Ulm wechselte, geht weiter steil nach oben.
„Wir sind mittlerweile in der Etat-Tabelle eher hinten anzutreffen“, sagt Bambergs Geschäftsführer
Dabei wurde sein Wechsel nach der Meisterschaft mit Ulm in seine Heimat zu den zwischenzeitlich abgehängten Bambergern von vielen als Rückschritt gesehen. Die glorreichen Bamberger Zeiten (neun Meisterschaften zwischen 2005 und 2017) waren längst nur noch eine entfernte Erinnerung, spätestens mit dem sukzessiven Abschied vom damaligen Namenssponsor und Hauptgeldgeber Brose war der einst bestimmende deutsche Basketballklub ins Abseits geraten. Doch Gavel hat ihn mit dem ersten Titel seit sieben Jahren erfolgreich reanimiert. Ob ihm das keine Genugtuung sei, nach aller Kritik? „Das ist das falsche Wort, aber dass es jetzt mit dem Titel gekrönt wurde, macht es umso schöner.“
Auch Philipp Höhne, der seit sechs Jahren die Geschäfte der Bamberger Basketballer führt und hinter der Verpflichtung von Gavel steht, war sichtlich um Bodenhaftung bemüht. Für Höhne, der angesichts stetig sinkender Möglichkeiten mehr Mängelverwalter denn Geschäftsführer ist, sah in dem Triumph „einen Aufbruch in ein neues Zeitalter. Wir sind mittlerweile in der Etat-Tabelle eher hinten anzutreffen, aber wir werden uns nicht ergeben. Wir wollen schon ein ernsthafter Wettbewerber sein, das war jetzt die Bestätigung, das tut uns sehr gut. Jetzt haben wir etwas in der Hand.“
Angemessene Feierlichkeiten werde es geben, klar, dann aber schnell zum Alltag zurückgekehrt. Und Gavel? Die Spieler sollen gebührend feiern: „Ich werde das still und leise beobachten.“
