Manch Romantiker aus dem tiefen Süden Deutschlands, genauer gesagt aus Bayern, mag sich beim Anblick der Playoff-Halbfinalspiele an die guten alten Zeiten erinnert fühlen. Als sich in Brose Bamberg und dem FC Bayern zwei bayerische Konkurrenten großartige Duelle lieferten, meist mit dem besseren Ende für die Oberfranken, die den Basketball hierzulande fast ein Jahrzehnt dominierten. Doch erst gingen die Bamberger in der Corona-Krise ihres potenten Geldgebers verlustig und büßten damit die finanziellen Notwendigkeiten ein, um auf höchstem Level mithalten zu können. Dann verloren sie auch noch ihren Namen und kämpfen seither als Bamberg Baskets ums sportliche Überleben: Dreimal wurden die Playoffs verpasst, in dieser Saison war gar der Klassenerhalt ein Thema.
Nur gut, dass rechtzeitig Ersatz bereit war, die Würzburger haben sich leise und beharrlich zu einem Topteam entwickelt und stehen zum zweiten Mal in Serie im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft. Mit ein wenig geografischer Großzügigkeit darf man sogar einen dritten der vier verbliebenen Konkurrenten im Freistaat verorten, denn Würzburgs Gegner Ulm spielt seine Partien bekanntlich in der Ratiopharm-Arena, und die liegt in Neu-Ulm, das wiederum zu Bayern gehört. Der FC Bayern kreuzt mit den Academics aus der Universitätsstadt Heidelberg die Klingen und hat sich im Gegensatz zum früheren großen Rivalen weiterentwickelt.
Die Münchner sind nicht nur national das Maß der Dinge, sondern klopfen längst an die Tür der europäischen Elite, wenngleich ihnen der Zugang zu den Playoffs in dieser Saison auf den letzten Metern verwehrt wurde. Trotz einer aussichtsreichen Hauptrunde mit beeindruckenden Siegen gegen große Teams wie Barcelona, Madrid, Piräus oder Monaco – die beiden Letztgenannten standen sogar im Final Four. Das ist Geschichte, nun muss der FCB zusehen, gegen den großen Außenseiter Heidelberg die Saison nicht ultimativ in den Sand zu setzen. Die Titelverteidigung im Pokal wurde ja auch verpasst, die Meisterschaft ist somit Pflicht.
Weltmeister Justus Hollatz meinte, die Bayern könnten sich nur selbst schlagen – sie sind auf einem guten Weg
Weltmeister Justus Hollatz befand angesichts der nominellen Ausstattung seines Teams nicht ganz Unrecht, dass „wir uns nur selbst schlagen können“. Doch nach der überraschenden 90:95-Pleite im ausverkauften SAP Garden sind die Bayern diesbezüglich auf einem guten Weg. Dabei dürfen weder die Ausfälle von Topscorer Carsen Edwards und Nationalspieler Oskar da Silva als Ausrede dienen, noch die Verletzung von Center Devin Booker vergangenen Sonntag, es bleiben Weltmeistercoach Gordon Herbert ausreichend taugliche Kräfte im Kader. Doch gerade seine Weltmeister wie Johannes Voigtmann oder Andreas Obst zeigen sich in der K.-o.-Runde weit von ihrer Bestform entfernt. Nichtsdestotrotz bleibt der FCB Favorit, mit einem Sieg am Mittwoch in Heidelberg (20 Uhr, Dyn) ist alles wieder gerade gerückt.
Ähnliches gilt für die Würzburger, die beinahe den favorisierten und äußerst heimstarken Ulmern im ersten Spiel den Heimvorteil geklaut hätten, dann aber in der Verlängerung unglücklich 87:91 unterlagen. Ein Sieg am Mittwoch in der heimischen Tectake Arena vor ausverkauftem Haus (18.30 Uhr, Dyn) und alles ist wieder in der Reihe – mit Blick auf einen bajuwarischen Kampf um die deutsche Basketball-Krone wie in alten Zeiten. Ansonsten droht aus bayerischer Sicht ein richtiges Basketball-Donnerwetter: zwei baden-württembergische Teams im Finale.

