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Basketball:Neugeborenes im Arm

BAMBERG 17.11.2019 --- Basketball ---- easycredit 1. Basketball Bundesliga ---- 8. Spieltag: Brose Bamberg vs ratiophar

Bambergs neuer Trainer für eine Mannschaft mit acht neuen Spielern: Roel Moors, 40.

(Foto: Hans-Martin Issler/Imago)

Nach fünf Siegen in der Bundesliga verliert Bamberg gegen Ulm. Das Spiel zeigt: Der Umbruch geht mit mit Rückschlägen einher.

Es waren noch knapp vier Minuten im zweiten Viertel zu spielen, als Assem Marei ein paar Schritte auf den Schiedsrichter zuging. Er sah selbstsicher aus. Wer Bambergs Center in diesem Augenblick ins Gesicht schaute, der erkannte keine Regung, kein Blinzeln, nichts. Wer genau hinschaute, der konnte nur diese eine Botschaft aus seiner Mimik ablesen: Ich, Marei, ich schaffe das.

Das Spiel war unterbrochen, Bamberg führte mit sechs Punkten gegen Ulm, und Marei sollte nun zwei Freiwürfe ausführen. Die Augen der 5398 Zuschauer waren auf den ägyptischen Nationalspieler gerichtet, der Schiedsrichter hielt den Ball in seinem Arm und drückte ihn an sich - Marei, 27, Mehrtagebart, Zopf, lief auf den Unparteiischen zu und streichelte den Ball derart zärtlich, als sei es ein Neugeborenes. Ein paar Sekunden später warf er. Er traf. Dann warf er noch ein zweites Mal. Er traf nicht.

Mareis Freiwürfe waren eine abseitige und doch eine wesentliche Sequenz jenes Spiels, in dem sich Bamberg den Gästen aus Ulm nach 40 umkämpften Minuten 78:81 (46:36) geschlagen geben musste: Marei war siegesgewiss, er war obenauf, er lieferte ab - und am Ende musste er doch einen Rückschlag hinnehmen.

Anhand einer Niederlage lassen sich in aller Regel mehr Erkenntnisse gewinnen als bei einem Sieg. Wenn es also stimmt, dass es spannender ist, sich mit den Verlierern als mit den Gewinnern zu befassen, dann sollte man nach dieser Partie am Sonntagabend vor allem diese eine Frage aufwerfen: Wie konnte es nur passieren, dass Bamberg das Spiel im vierten Viertel derart aus der Hand gab? Dass Bamberg, siegesgewiss, obenauf, vor den letzten zehn Minuten mit zehn Punkten führend, am Ende doch noch gegen Ulm verlor?

Einige Minuten nach dem Spiel saß Roel Moors im Medienraum der Bamberger Halle. Als der Trainer der Oberfranken nach seiner Analyse noch einmal gefragt wurde, wie es nur so weit hatte kommen können, dass sein Team schließlich das Nachsehen hatte, da sagte er: "Es war eine mentale Sache. Wir haben in der Defensive keine Stopps mehr hinbekommen, und in der Offensive sind wir ohne Grund nervös geworden." Seine Mannschaft hatte die vorangegangenen fünf Bundesliga-Spiele allesamt gewonnen, Ulm jedes einzelne verloren. Nun, beim direkten Duell, erweckte Bamberg zumindest im letzten Viertel den Eindruck, mit dem Kopf bereits am Ziel zu sein - dann aber weigerten sich die Beine, den Weg zurückzulegen.

Vor dieser Saison hat Bamberg einen Neuanfang eingeleitet. Es kamen acht neue Spieler mit verheißungsvoller Perspektive, in Moors ein neuer Trainer und in Leo De Rycke ein neuer Sportdirektor, der den Umbruch gestaltet. All das bedarf vor allem zweierlei: Zeit - und Geduld.

Vor diesem Hintergrund ist es anzuerkennen, welche Fortschritte die Bamberger machen, wie sie sich besonders in den vergangenen Wochen präsentierten und mit welcher Konstanz und Zuverlässigkeit sie ihre Aufgaben lösten. Und auch wenn es in den 40 Minuten gegen Ulm nur streckenweise zu erkennen war: Die Spieler haben offenbar allmählich verinnerlicht, was Moors einfordert und für welchen Stil er steht: systemtreuen Teambasketball mit einer zügigen Ballzirkulation, in die alle Spieler einbezogen werden. Viele Hände, erfolgreiches Ende. Das Duell mit Ulm zeigte dann aber eben auch, dass ein solch umfassender Umbruch, wie ihn die Bamberger vollzogen haben, nie linear verläuft, sondern stets mit Rückschlägen einhergeht. "Wir müssen jetzt in den Spiegel schauen", meinte Moors nach der Partie, "wir wussten schon vor dem Spiel, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben. Daran hat sich nichts geändert." Bambergs Coach missfielen am Sonntagabend in erster Linie die Defensivarbeit in der zweiten Hälfte und der mangelnde Rhythmus in der Offensive. "Ich will, dass sich der Ball bewegt", erklärte Moors, "ich glaube auch, dass wir den besten Basketball gespielt haben, als sich der Ball bewegt hat - aber im vierten Viertel hat er das nicht mehr."

So ist die Bamberger Mannschaft im November 2019 bei all dem Potenzial, das sie mitbringt, in erster Linie eines: ein Versprechen. In den nächsten Wochen geht es nun sowohl in der Champions League als auch in der Bundesliga vor allem um eine Sache: Dieses Versprechen zu halten.