NBA Finals:Wo ist der Poet?

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NBA Finals: Zug zum Korb: Nur selten zeigte Klay Thompson bislang während der Finalserie seine gewohnte Dominanz.

Zug zum Korb: Nur selten zeigte Klay Thompson bislang während der Finalserie seine gewohnte Dominanz.

(Foto: Jed Jacobsohn/dpa)

Es soll die Wohlfühl-Geschichte dieser Finalserie sein: Klay Thompson, der mit Kreuzband- und Achillessehnenriss zwei Spielzeiten verpasste, steht für die Golden State Warriors wieder auf dem Parkett. Doch der Basketballer sucht noch seine Form.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Hallo, hallo - hat irgendjemand diesen Mann gesehen, in San Francisco vielleicht oder jetzt auch in der Nähe von Boston? Man kann ihn kaum übersehen, er ist 198 Zentimeter groß und trägt meist ein John-McEnroe-Gedächtnis-Stirnband. Er tut unverwechselbare Dinge; einen Basketball derart elegant im Korb versenken zum Beispiel, dass der einstige US-Präsident und Basketball-Aficionado Barack Obama es mal "Poesie in Bewegung" und "schönste Wurftechnik der Welt" nannte. Nur jetzt, während der Finalserie der NBA: Wo in aller Welt ist Klay Thompson? Und wer ist der Typ, der statt seiner auf dem Parkett steht?

Man muss keine Vermisstenanzeige aufgeben, wie es der Sport-TV-Analyst und -Populist Stephen A. Smith getan hat ("Ich habe die Polizei verständigt, die müssen ihn finden!") - aber es stimmt schon, wenn Smith sagt: "Das ist nicht der Klay Thompson, den wir kennen." Im zweiten Spiel gegen die Boston Celtics traf der Scharfschütze der Golden State Warriors gerade mal vier von 19 Würfen. Golden State siegte dennoch 107:88 und glich in der Best-of-seven-Serie aus; die erste Partie hatte Boston gewonnen, wegen eines kolossalen Einbruchs der Warriors im Schlussviertel. Quasi unauffindbar in dieser Phase, in der Golden State eine ruhige Wurfhand gebraucht hätte: Klay Thompson. Er warf und traf nur ein Mal.

Er hat etliche Rekorde und Meilensteine geschafft, doch Allüren sind ihm fremd

Thompson sollte eigentlich die Wohlfühlgeschichte dieser Playoffs sein; eine Symbolfigur dafür, niemals aufzugeben - sondern bei brutalen Rückschlägen weiterzumachen und sich selbst mit einem Titel zu belohnen. Zur Erinnerung: In Spiel sechs der Finalserie 2019 (er hatte bis dahin 30 Punkte geschafft) riss das Kreuzband im linken Knie; die Warriors verloren die Partie und damit die Serie gegen die Toronto Raptors. Thompson verpasste die komplette Saison 2019/20, dann war er wieder fit - und riss sich bei einem Trainingsspiel im Herbst 2020 die Achillessehne im rechten Bein. Noch einmal mehr als ein Jahr lang Pause.

Wer Thompson ein paar Mal begegnet ist in dieser Zeit, der versteht, warum derzeit wohl nur Boston-Fans über Fehlwürfe jubeln. Allüren sind ihm völlig fremd, es scheint ihm eher peinlich zu sein, wenn er zum Beispiel auf einer Party erkannt wird; er lenkt Gespräche dann von sich auf andere, auf die Frage nach der Reha sagte er zum Beispiel: "Alles gut, ich bin optimistisch - aber jetzt sag mal: Wie geht's dir?" Er ist lieber Zuhörer als Redner, auch deshalb ist nicht bekannt, dass er in der Ego- und Stolz-Liga NBA, in der Müllreden und das Präsentieren der Pfauenfedern zum Geschäft gehören, mit einem Gegner Zoff hätte.

Thompson, 32, ist der Gute-Laune-Bär der Liga, der sich an Halloween als Larry Bird verkleidet und sich damit selbst mehr verkohlt als die Celtics-Legende. Der einer Reporterin, die ihn nicht erkannt hat, ein Interview über den Umgang mit Gerüsten am Straßenrand gibt: "Also, ich schaue mir dann schon erst einmal die Rohre an. Wenn sie neu sind, dann gehe ich schon unten durch; aber wenn sie so aussehen, als wären sie schon eine Weile da, dann gehe ich lieber außen rum." Später sagte er: "Die Frau wollte meine Meinung zu diesem interessanten Thema haben. Ist doch schön, nicht wie ein Star behandelt zu werden." Wie kann man so einen nicht mögen?

All-Star, NBA-Champion, Weltmeister, Olympiasieger - viel mehr geht nicht

Sportlich könnte man ein paar Rekorde und Meilensteine aufzählen: 37 Punkte in einem Viertel, das hat in der NBA-Geschichte sonst noch niemand geschafft. Meiste Dreier in einem Spiel (14), meiste Dreier in einer Playoff-Saison (98); unvergessen die elf Drei-Punkte-Treffer im sechsten Spiel der Halbfinale-Serie 2016 gegen Oklahoma City Thunder. In der ewigen Dreier-Liste liegt er derzeit mit 1912 auf Platz 18, hat aber eine bessere Trefferquote als alle vor ihm, außer Kyle Korver und Teamkollege Steph Curry. Fünfmaliger All-Star, Drei-Punkte-Champion beim All-Star-Wochenende 2016, Weltmeister 2014, Olympiasieger 2016, dreimaliger NBA-Champion. Viel mehr geht nicht.

Man könnte alles aber auf diese eine Statistik reduzieren: Mit Thompson haben die Warriors seit 2015 stets die Finals erreicht; ohne den verletzten Thompson haben sie es zwei Mal nicht einmal in die Playoffs geschafft. Das führt zu dieser Finalserie, deren dritte Partie in der Nacht zum Donnerstag (drei Uhr dt. Zeit) in Boston stattfindet.

In dieser Arena in Boston brauchen die Warriors einen Thompson mit kühlem Kopf und ruhiger Hand

Das Duell ist eine Mischung aus Schach und Boxen. Beide Teams versuchen, den Gegner irgendwie aus der Fassung zu bringen; taktisch, psychisch und physisch. Es wird gezupft und gezogen, gerammt und gestoßen, und hin und wieder, da wird auch gerauft. Die beiden Trainer Steve Kerr (Warriors) und Ime Udoka ändern permanent Aufstellung und Spielzüge, können oftmals aber auch nicht mehr eingreifen, wenn ein Team einen Lauf hat oder ein Akteur eine ganz besonders heiße Wurfhand. Dann ist es ein Spektakel.

NBA Finals: Genervt, frustriert, unzufrieden mit sich selbst: Klay Thompson (rechts) tut sich in der Finalserie gegen Boston noch schwer.

Genervt, frustriert, unzufrieden mit sich selbst: Klay Thompson (rechts) tut sich in der Finalserie gegen Boston noch schwer.

(Foto: Cary Edmondson/USA Today Sports)

Das bedeutet: Die Warriors brauchen gerade bei diesen beiden Spielen in der Arena in Boston einen Klay Thompson mit kühlem Kopf und ruhiger Hand; sie brauchen: Poesie in Bewegung. Es hatte in den ersten beiden Spielen oft den Anschein, als würde er zu viel wollen, als würde er eine ganz große Leistung erzwingen wollen, mehr Punkrock als Poesie - und er, der sonst mit allen Aspekten dieses Sports gelassen umgeht, wirkte plötzlich genervt, frustriert, unzufrieden mit sich selbst.

"Ich muss ganz einfach besser treffen", sagte er, und er gab quasi eine Vermisstenanzeige an sich selbst aus: "Ich muss mich selbst finden, ich muss ich sein - einer der besten Schützen der Geschichte." Das Selbstbewusstsein ist gerechtfertigt, über den Frust der ersten beiden Spiele sagt er: "Wir sind immer dann am besten, wenn wir verzweifelt sind." Das ist freilich auch eine Botschaft an Boston: Thompson gedenkt, nicht länger unsichtbar zu sein in dieser Finalserie.

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