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Basketball-Nationalmannschaft:Idol Nowitzki hält den Fortschritt auf

Nach dem zerfahrenen Spiel gegen Serbien fahren die deutschen Basketballer nur als Außenseiter zur EM-Zwischenrunde. Scheitern sie in der litauischen Hauptstadt Vilnius, wäre Dirk Nowitzkis Karriere in der Nationalmannschaft beendet. Der Verband plant jedoch ohne Panik - denn sein Abschied könnte positiv für die heranwachsende Mannschaft sein.

Welches sehr, sehr unfeine Wort er auf dem Weg in die Kabine vernehmbar gezischt hat und wer damit gemeint war, das ist nicht wichtig. Die Sache ist sowieso schnell erledigt gewesen, sagt Tim Ohlbrecht, obwohl er natürlich schlecht geschlafen habe. "Ich konnte nicht wirklich ein Auge zumachen."

Nowitzki wartet verzweifelt auf Unterstuetzung

Hat sich angeblich vor der Mannschaft entschuldigt: Dirk Nowitzki.

(Foto: dapd)

Das ist verständlich, denn Ohlbrecht ist ja auf den ersten Blick das Gesicht der vielen Unzulänglichkeiten gewesen beim 64:75 gegen Serbien; wegen dieser Niederlage brechen die deutschen Basketballer am Dienstag nur noch als Außenseiter in die litauische Hauptstadt Vilnius auf. Aber die trüben Szenarien, die schon vor der schweren Zwischenrunde für die Zeit nach Dirk Nowitzki entworfen werden, haben mit Ohlbrechts Malheur gegen die Serben nur bedingt zu tun.

Aber klar, so ist das Geschäft, sagt der junge Mann aus dem Bergischen Land, der künftig in Frankfurt spielt: "Wenn man nicht funktioniert, kriegt man's halt ab. Ich hatte einen Abriss verdient, und den hat Dirk mir gegeben - damit bin ich auch ganz zufrieden." Er sprach von Nowitzki, der nach Ohlbrechts Einwechslung lautstark bei Trainer Bauermann den Rücktausch forderte.

Denn Ohlbrecht beendete die bis zum 59:64 forcierte Aufholjagd mit einer Schlafmützigkeit in der Deckung abrupt. Dirk Nowitzki ließ sich darauf etwas gehen, und Dirk Bauermann, 53, verhielt sich nach Ohlbrechts Verbannung, als wollte er noch einmal an seine Verbissenheit früherer Jahre erinnern. Und tags darauf beim 81:80 gegen Lettland erfolgte die Begnadigung spät: Ohlbrecht kam in dem bedeutungslosen Spiel erst sieben Minuten vor Schluss auf das Parkett.

Doch Nowitzki habe sich noch am Vorabend "vor der Mannschaft entschuldigt: ,Ich war da ein bisschen ausfallend'", so erzählt es Ohlbrecht. Und damit ist das Thema durch, es ist ja Sport. Nowitzki hatte schon in der Halle - ganz seinem Naturell entsprechend - die verdiente Abfuhr gegen Serbien "auf meine Kappe" genommen. Dabei sorgten nur seine Würfe für die Illusion spannender Schlussminuten. Der NBA-Champion musste sich auch diesmal nicht entschuldigen.

Doch es hat vermutlich sogar einen positiven Aspekt, wenn Nowitzkis DBB-Karriere nicht bis London 2012 währen sollte, sondern nur bis Vilnius. Denn jemand wie Ohlbrecht ist in Anwesenheit des 33-Jährigen selten in der Verantwortung - und wenn doch, wirkt er offenkundig nicht bereit.

Verbandspräsident Ingo Weiss sagt, der deutsche Basketball werde Nowitzki für alle Zeiten dankbar sein und ihn noch im Greisenalter euphorisch begrüßen, wenn er wider Erwarten irgendwann noch mal mitspielen wolle. Man muss dies einerseits nicht als Höflichkeitsfloskel eines Funktionärs verstehen. Andererseits antwortet Weiss auf die Frage, ob es Zeit sei fürs junge Team, dauerhaft ohne die Perspektive Nowitzki in die Zukunft aufzubrechen: "Ja!"

Würden die Deutschen in Vilnius scheitern, wäre nicht nur Nowitzkis DBB-Laufbahn vorbei. Sondern auch Bauermanns Tätigkeit, er konzentriert sich dann endgültig auf den FC Bayern. "Die Zukunft beginnt jetzt", findet Weiss. Ein neuer Coach muss her. Aber auch eine andere Identität des deutschen Spiels.

Nowitzki prägt seit gut einem Jahrzehnt die DBB-Auswahl, und das ist in jeder Hinsicht ein Segen. Doch der Fortschritt, den junge Talente durch allmählich steigende Spielanteile in der Bundesliga erleben, wird im Nationalteam zwangsläufig durch die Anwesenheit des Idols angehalten.

Weil das Spiel trotz Nowitzkis Attitüde eines Teamplayers auf ihn (und den NBA-Kollegen Chris Kaman) zugeschnitten ist; alles andere wäre auch nicht logisch. Ohne beide sind die unerfahrenen Nationalspieler manchmal überfordert, das haben sie beim frühen WM-Aus 2010 belegt. Doch an der Seite Nowitzkis sind sie es irgendwie auch. Serbiens Trainerlegende und Nationalcoach Dusan Ivkovic, 67, findet gar, die Rückkehr Nowitzkis habe den Spielfluss der jungen WM-Spieler aus dem Vorjahr zerstört und "die Chemie verschmutzt".

In der Vorbereitung habe man "ohne die zwei ein schweres Turnier gewonnen", das hat auch Bauermann zuletzt betont; er meinte das Turnier beim WM-Zweiten Türkei. Doch jetzt, vor Nowitzkis möglichem Abschied, werden die Abgesänge auf den deutschen Basketball formuliert. Dabei könnte es auch ein Übergang werden. "Wir bewerben uns ja nicht für die EM 2015, nur weil wir eine Europameisterschaft ausrichten wollen", betont DBB-Chef Weiss. "Sondern weil da etwas nachkommt." Wie die U20, sie belegte zuletzt bei der EM Rang fünf, das beste Ergebnis seit 13 Jahren - seit der Generation Nowitzki.

Wer den Übergang mit den talentierten Schwethelms, Benzings (beide sind 22) oder Pleiß', 21, und dem aufgerückten Kern um Spielmacher Heiko Schaffartzik, 27, verantwortet, das werde nun in Ruhe überlegt, sagt Weiss. "Wir werden nicht gleich nach der EM einen neuen Trainer präsentieren." Eine "interne Lösung", in der U20-Trainer Franz Menz oder auch Bauermanns Vertraute wie Hansi Grand eingebunden sein könnten, sei "ebenso denkbar wie ein internationaler Mann von außen. Und der Neue hätte in jedem Fall bei der EM 2013 einen Freischuss". Die angestrebte Heim-EM als Co-Ausrichter 2015 und Olympia 2016, diese Perspektiven interessierten neuerdings ausländische Coaches, betont Weiss. Und mit Blick auf die Strukturreformen Bauermanns, den man auch künftig ebenso als Berater einbeziehen wolle wie Dirk Nowitzkis Mentor Holger Geschwindner, sagt er: "Viele internationale Trainer sagen uns: ,Ruft an, ihr habt eine junge, attraktive Mannschaft.'"

Zu dieser Mannschaft werden sie sicher auch Tim Ohlbrecht zählen. Er ist neuerdings 23.

Die deutschen Basketballer bei der EM

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