Basketball:Mut zur Lücke

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Basketball: Attacke: Münchens Julia Leiner (rechts) setzt zu einem ihrer erfolgreichen Dribblings an, mit gerade einmal 18 Jahren lenkt sie das Spiel des Zweitligisten TS Jahn München.

Attacke: Münchens Julia Leiner (rechts) setzt zu einem ihrer erfolgreichen Dribblings an, mit gerade einmal 18 Jahren lenkt sie das Spiel des Zweitligisten TS Jahn München.

(Foto: Claus Schunk)

Die Zweitliga-Basketballerinnen der TS Jahn München befinden sich auf Playoff-Kurs - dabei setzen sie auf einen Altersschnitt von gerade mal 19 Jahren.

Von Karl-Wilhelm Götte

Die Lücke, die sich für einen kurzen Moment in der Abwehr der Metropol Baskets Schwabach öffnet, ist klein, doch Julia Leiner sieht sie sofort - und stößt entschlossen hinein. Gleich zweimal gelingt das der Aufbauspielerin der Turnerschaft Jahn München in der Schlussphase, so macht sie auch die letzten beiden Punkte zum Münchner 77:68-Heimsieg. "Ich habe gesehen, dass da Platz in der gegnerischen Zone ist, und habe attackiert", kommentiert sie später, wobei das Erkennen das eine ist, der Mut, zum Korb zu ziehen, das andere. Julia Leiner ist noch nicht lange in diesem Team, das nun Fünfter ist in der Südgruppe der zweiten Bundesliga und mal wieder die Playoffs anpeilt. Sie fügt sich hier aber perfekt ins Bild.

Talentiert, mutig, fleißig und vor allem jung, das sind die Anforderungen bei der TS Jahn. Julia Leiner, die aus Stuttgart kam, wechselt sich auf der Point-Guard-Position in dieser Saison mit Talena Fackler ab. Das Besondere: Beide sind erst 18. Es gibt Trainer, die bei so viel Jugend und wenig Erfahrung in einem Zweitligateam dankend abwinken, erst recht in dem Wissen, dass Jahn München keine ausländischen Profis beschäftigt und auch die anderen Leistungsträgerinnen kaum älter sind als das Spielmacher-Duo. Das Durchschnittsalter der ersten Fünf plus Leiner bei der TS Jahn beträgt exakt 19 Jahre.

Trotzdem gab es in München nie einen Zweifel, dass diese Formation ligatauglich ist. Drei Siege in Serie gab es zuletzt, nur noch zwei Punkte fehlen auf den Spitzenreiter Rhein-Main-Basket aus dem südhessischen Langen. "Unsere jungen Spielerinnen sind hochmotiviert und wollen sich weiterentwickeln", erklärt Co-Trainerin Petra Fackler. Das sei besser, als mit Spielerinnen zu arbeiten, die ihre Karriere auslaufen lassen wollen. Fackler ist das zweite Jahr dabei, neu ist die Kanadierin Megan Woods als Cheftrainerin, eine ehemalige Profispielerin. Es ist ihre erste höherklassige Trainerstation, und Woods wirkt ebenfalls überaus engagiert. "Wir sind aggressiv, und zwar von Beginn an", schärft sie dem Team in jeder Pause als Standardansprache ein. Sie liebt das Dauercoaching. Auch in der kürzesten Spielunterbrechung holt sie die jeweilige Formation für einige Sekunden an den Spielfeldrand, um ihnen Anweisungen zu geben. Zur Auszeit empfängt sie Woods regelmäßig mit den Worten "good job".

Viermal pro Woche trainieren die Münchnerinnen, um sich annähernd auf Profi-Niveau zu bringen

Die Trainerinnen fanden für diese Spielzeit einen Kader vor, der mit der Vergangenheit nichts mehr zu tun hatte. Von dem Team, das vor drei Jahren noch auf dem Parkett stand, ist keine einzige Spielerin mehr dabei. Die Topscorerin Theresa Spatzier ist 19, sie kam aus Heidelberg, um in München Lehramt zu studieren. "Sie ist die absolute Leaderin im Team", unterstreicht Fackler. "Sie ist nicht nur persönlich sehr ehrgeizig, sondern will auch den Mannschaftserfolg." Lediglich 1,75 Meter groß, hat Spatzier nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Leonie Kambach auch schon auf der Centerposition verteidigt. "Sie nimmt jede Aufgabe uneigennützig an", sagt Fackler. Ihr Zuspruch im Team ist entsprechend: Bei der geheimen Wahl zur Kapitänin stand bei jeder Teamkollegin Spatzier auf dem Zettel.

Die guten Aussichten auf die Aufstiegsplayoffs kommen nicht von ungefähr. Viermal in der Woche wird hier trainiert. Nur montags ist frei. So kommen die Münchner Amateur-Spielerinnen annähernd auf professionelles Niveau. Vorne treffen vor allem Spatzier und Paula Graichen, 18, die auch hinten zusammen mit Kambach, 21, formidabel verteidigen und ihren Gegnerinnen kaum einen zweiten Ball lassen. "Der Defensiv-Rebound ist häufig unser Matchwinner", erklärt die Co-Trainerin.

Die neuen Spielerinnen, wie die luxemburgische Nationalspielerin Estelle Muller, Kim Siebert aus Bamberg, beide 20, oder das 16-jährige Nachwuchstalent Melina Aigner aus Rosenheim wussten um die besondere Förderung junger Basketballerinnen in München. Auch Julia Leiner wusste das. "Ich bin wegen Basketball nach München gekommen", sagt die Abiturientin. Sie gehörte beim MTV Stuttgart zum Regionalligateam, das jedoch pandemiebedingt ein Jahr lang aussetzen musste. Obwohl die zweite Liga also Neuland für Leiner ist, gibt sie erstaunlich selbstbewusste Kommandos. Sie absolviert gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer deutsch-französischen Kindertagesstätte in München. Ein Studium peilt sie an, aber erst einmal will Leiner ihrer Basketball-Leidenschaft nachgehen und weiter mutig jede gegnerische Abwehrlücke aufspüren - auch am kommenden Samstag (20 Uhr) zu Hause gegen den Ligazweiten Würzburg.

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