Basketball Mit der Mentalität einer großen Mannschaft

Matchwinner: Bambergs Nikolaos Zisis (in Rot) verhinderte in der Schlussphase den Triumph Berlins.

(Foto: Ryan Evans/imago)

Der sechste Pokalgewinn der Klubgeschichte verschafft den Bambergern nach Rückschlägen große Genugtuung.

Von Joachim Mölter, Bamberg

Der Comicfigur Lucky Luke, einem Revolverhelden aus dem Wilden Westen, eilt der Ruf voraus, dass er schneller schießt als sein eigener Schatten. Über den Basketballprofi Nikos Zisis spötteln sie in Franken, dass er inzwischen langsamer sei als ein Schatten. Dabei mögen ihn die Fans durchaus, diesen ruhmreichen Spielgestalter; aber sie sähen es lieber, wenn er das Spiel des Bundesligisten Brose Bamberg vom Büro aus als Sportdirektor gestaltet und nicht mehr als Dribbler auf dem Parkett. In der Abwehr könne er keinen Gegenspieler mehr vor sich halten, nörgeln sie, und im Angriff käme er an keinem mehr vorbei; er sei alt und seine Zeit vorbei.

Nun ist es richtig, dass sich Nikos Zisis in einem fortgeschrittenen Alter für Leistungssportler befindet, aber er weiß immer noch, wie man Spiele gewinnt. Im Lauf seiner Karriere ist der 35-Jährige in vier Ländern neunmal Meister geworden, er hat mit Griechenland 2005 die Europameisterschaft und mit ZSKA Moskau 2008 die Euroleague gewonnen. Zisis zeigt seine Klasse bloß nicht mehr so oft wie früher, er muss mit seinen Kräften haushalten, muss sie aufsparen für die wichtigen Momente.

Am Sonntag war so ein wichtiger Moment, im Pokalfinale gegen Alba Berlin: Da lief Zisis zu großer Form auf. Er erzielte 19 Punkte, so viel wie noch nicht zuvor in dieser Saison, darunter war der Dreier, mit dem er einen 80:82- Rückstand in einen 83:82-Sieg verwandelte. Tyrese Rice, 31, Bambergs erfolgreichster Schütze an diesem Tag mit 20 Zählern, hatte mit einem Distanzwurf nur den Ring getroffen, der abgeprallte Ball war in die Hände von Patrick Heckmann gelangt, der umgehend zum freistehenden Zisis passte - und der schoss schneller als sein Schatten schauen konnte. Musste er auch, das Spiel war ja fast vorbei. In den verbleibenden 2,4 Sekunden kamen die Berliner zwar noch zu einem Wurf, aber Luke Sikma, für gewöhnlich ihr bester Mann, verfehlte. Unlucky Luke, kann man da nur sagen: Der Amerikaner war von einer Grippe geschwächt.

Alba-Coach Aito Garcia Reneses zählte hernach "eine Menge Schwierigkeiten" als Gründe für die knappe Niederlage auf. Sikmas Grippe setzt ja eine Reihe von Erkrankungen und Blessuren fort. "Wir haben nicht so viele Spieler, dass wir alle unsere Verletzungsprobleme lösen können", sagte der Spanier. Er hätte freilich auch mit der frühen Foulbelastung von Center Larry Nnoko hadern können, der mit 13 Punkten und neun Rebounds zu den besseren Berlinern an diesem Tag zählte, am Schluss aber nicht mehr mit von der Partie war, weil er nach seinem fünften Foul das Feld verlassen musste (35.). "Bamberg war einfach cleverer", resümierte Aito.

Da macht sich das Alter mal positiv bemerkbar. Während bei Alba keiner über 30 ist, beschäftigt Brose vier Ü30-Profis. "Erfahrung haben wir genug", sagt Kapitän Elias Harris, 29, "in einem engen Spiel wie heute kommt sie zur Geltung." Zisis, der Älteste und Erfahrenste, bestätigte: "Es ist ein Vorteil, wenn du viele solcher Spiele gespielt hast. Man ist weniger nervös." Der Grieche bestritt sein 17. Endspiel, 14 davon hat er nun gewonnen.

Für Bamberg war es der sechste Pokalsieg nach 1992, 2010, 2011, 2012 sowie 2017, und der war vor allem Balsam auf Wunden. "Wir hatten viele Schwierigkeiten in den letzten anderthalb Jahren", erinnerte Zisis. Unter dem Trainer Andrea Trinchieri hatten die Bamberger zwischen 2015 und 2017 den vielleicht schönsten Basketball gespielt, den man je von einer deutschen Mannschaft gesehen hat. Die Folge: Nach der dritten deutschen Meisterschaft in Serie wurde ein halbes Dutzend Spieler weggelockt, in die nordamerikanische Profiliga NBA oder zu europäischen Topklubs. Der notwendige Umbruch misslang, das verwöhnte Publikum murrte. Trinchieri wurde vor einem Jahr entlassen, der zu Saisonbeginn engagierte Lette Ainars Bagatskis vor einem Monat. Der Niedergang schien unaufhaltsam zu sein. "Vor acht Wochen hat uns keiner überhaupt irgendwas zugetraut", erinnert Harris.

Doch der zum Chefcoach beförderte Federico Perego, den Trinchieri einst als Co-Trainer mitgebracht hatte, habe "wieder eine Struktur reingebracht und die richtige Trainingseinstellung", lobte Harris: "Er hat großen Einfluss auf diesen Erfolg." Perego, mit seinen 34 Jahren jünger als Zisis, gab das Kompliment an die Spieler zurück. Er sprach von "bemerkenswerten Trainingseinheiten", die er unterbrechen musste, weil sie so intensiv waren. "Das ist die Mentalität einer großen Mannschaft", findet er. Außerdem lobte er: "Wir haben heute auf Alba-Niveau gespielt, das war das Ziel, als wir die Saison vor vier Wochen neu gestartet haben." Der nächste Schritt sei nun, "uns so zu verbessern, dass wir in einer Playoff-Serie konkurrenzfähig sind".

Für die von vielen bereits abgeschriebenen Bamberger ist der Pokaltriumph eine Genugtuung. Die Mannschaft sei intakt, versichern Zisis und Harris. Letztgenannter warnte die Liga-Konkurrenz außerdem schon mal: "Wir wissen, dass wir Titel gewinnen können."