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Basketball:Matte Versuchskaninchen

Zweikampf zwischen Wade Baldwin IV (Muenchen) und Maodo Lo (Berlin) GER, FC Bayern Basketball vs. Alba Berlin, Basketbal

Duell auf Augenhöhe: Wie die beiden Spielmacher Wade Baldwin (München, li.) und Maodo Lo lieferten sich der FC Bayern und Alba Berlin einen packenden Kampf um den deutsche Meistertitel, letztlich hatte Alba die größeren Reserven. Allerdings fraglich, ob sie auch in der kommenden Saison für ihre Klubs erneut auflaufen, bei beiden Spielern laufe die Verträge aus.

(Foto: Marcel Engelbrecht/Imago Images)

90 Spiele in einer Saison: Die erschöpften Basketballer des FC Bayern ziehen trotz verpasster Meisterschaft eine positive Bilanz. Der Klub will mit Trainer Trinchieri verlängern und weiter in das Team investieren.

Von Ralf Tögel

Andrea Trinchieri zupfte sein Trikot zurecht, ein bisschen eng war es, aber sein Einsatz rückte näher. Natürlich beabsichtigte der Trainer der Basketballer des FC Bayern nicht, sich selbst in der Finalserie einzuwechseln. Es ging um die letzte Pressekonferenz einer einzigartig langen Saison, die mit dem 1:3 im Playoff-Finale gegen den alten und neuen deutschen Meister Alba Berlin ein Ende gefunden hatte. Für seine finale Analyse hatte sich Trinchieri ein Trikot von Paul Zipser übergestreift, der Münchner Nationalspieler war vor Wochenfrist wegen einer Gehirnblutung notoperiert worden. "Es ist schwer für mich, darüber zu reden, das einzig Wichtige ist, dass Pauli bald gesund zurückkehrt." Darüber hinaus habe er nichts mitzuteilen, erklärte Trinchieri sichtlich bewegt. Fortan werde der Verein mit Rücksicht auf die Familie die Privatsphäre des 27-Jährigen respektieren.

Irrwitzige 90 Partien hatten seine Spieler am Ende in den Knochen, mehr als jede Mannschaft in der NBA - wo man über ganz andere Ressourcen verfügten. Trotz der verpassten Meisterschaft könne er stolzer nicht sein, erklärte der Italiener, in der Tat hatte sein Team Historisches geleistet: Erst der Einzug in das Viertelfinale der Euroleague, nie zuvor war ein deutscher Klub der Endrunde um die europäische Krone so nahe. Erst im fünften Spiel musste sich der FCB dem Gegner Olimpia Mailand fügen. Dann der Pokalsieg gegen den Lieblingsrivalen Berlin, doch schon zu diesem Zeitpunkt Mitte April waren erste Verschleißerscheinungen unübersehbar. Und nun die fordernden Playoff-Serie um die Meisterschaft, die aus Zeitnot erstmals in der Geschichte der Basketball-Bundesliga (BBL) in einem 2:2:1-Format gespielt wurde; mit jeweils zwei Partien an aufeinander folgenden Tagen, nur durch einen Reisetag unterbrochen, somit war weder an Training noch an Regeneration zu denken. Als "verrückt" bezeichnete Berlins Maodo Lo diese Anstrengungen, FCB-Kapitän Nihad Djedovic wähnte die Spieler sogar "als Versuchskaninchen" für das neue Format.

FC Bayern München - Alba Berlin

Gesundheitsgefährdend: Münchens Vladimir Lucic war einer von vielen Akteuren, die trotz Verletzung weiterspielten.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

In jedem Fall war die Saison für beide Teams längst in den gesundheitsschädlichen Bereich geraten, bester Beleg war die große Anzahl an verletzten und angeschlagenen Akteuren. Weil Alba ebenfalls Euroleague spielte, kam es auf die genauso bedenkliche Anzahl von 83 Einsätzen. Trotzdem quälten sich die Teams zu einer aufregenden Finalserie, in der die Bayern nach dem 1:1 in Berlin in den beiden folgenden Heimspielen - ausgerechnet die einzigen vor Publikum - die Kräfte endgültig verließen. Was auch daran lag, dass Berlin letztlich den qualitativ breiteren Kader hatte: Während in Jason George, Sasha Grant und David Krämer, dessen Zeit in München abgelaufen ist, drei Akteure nur zusahen, brachten Malte Delow und Tim Schneider wichtige Entlastung. Zudem fehlte dem FCB in Zipser der beste deutsche Akteur. Münchens Sportdirektor Daniele Baesi nahm seine Youngster Grant, 19, und George, 20, aber ausdrücklich in Schutz: "Wie sollen sich die Jungs in einer Saison, in der man wegen der andauernden Spiele nicht trainieren kann, denn verbessern?" Man werde weiter auf Talente setzen. Dazu passt die Vertragsauflösung von Joshua Obiesi, 21, in Würzburg, der Jung-Nationalspieler ist gebürtiger Münchner und wird mit den Bayern in Verbindung gebracht. Zugleich wird der FCB die Qualität auf den deutschen Positionen erhöhen, Ulms Andreas Obst ist wohl ein Kandidat. Der Nationalspieler spielte eine starke Saison und will sich zukünftig in der Euroleague versuchen.

Die Bayern-Spieler haben in München ihren Marktwert gesteigert, Geschäftsführer Pesic rechnet mit Abwerbungsversuchen

Angesichts des Erfolgs in der Königsklasse sind die Erwartungen weiter gestiegen: Geschäftsführer Marko Pesic beschäftigt sich bereits damit, "wie das in der nächsten Saison wieder erreicht werden kann". Zumal Spieler wie Wade Baldwin und Center Jalen Reynolds auf sich aufmerksam gemacht hätten. Im Wettkampf um deren Dienste, da ist Pesic sicher, "wird die Konkurrenz schwere Geschütze auffahren". Auch Akteure wie D.J. Seeley, James Gist oder JaJuan Johnson haben in München ihren Marktwert gesteigert. Keine neue Situation indes, in der Vergangenheit wurden regelmäßig Schlüsselspieler wie Devon Booker, Stefan Jovic, Derrick Williams oder zuletzt Kapitän Danilo Barthel von finanzstarken Euroleague-Klubs abgeworben. Wichtig sei, dass der Mannschaftskern zusammenbleibe: Mit Kapitän Nihad Djedovic, Vladimir Lucic, der als erster BBL-Akteur in das Euroleague-Allstar-Team gewählt wurde, Zan Mark Sisko, Nick Weiler-Babb und Robin Amaize steht das Gerüst für die kommende Spielzeit, Reynolds hat eine Option auf ein weiteres Jahr. Die sportliche Leitung müsse sich keine Sorgen machen, hatte Präsident Herbert Hainer noch am Spielfeldrand verkündet: "Natürlich sind wir jetzt traurig, aber ich bin sehr stolz auf das Erreichte. Wir werden weiter ins Team investieren, das war der erste Schritt in die europäische Spitze."

Trainer Andrea Trinchieri wird den Münchnern langfristig erhalten bleiben

Nach Ansicht von Trinchieri war die verpasste Meisterschaft der Preis für die exzellente Euroleague-Saison: "Wenn sich nichts ändert am Spielplan, dann werden wir diesen Preis jedes Jahr zahlen". Trainer wie Sportdirektor beklagten nochmals die fehlende Unterstützung durch die BBL, die schmücke sich mit den Erfolgen der Bayern, nehme aber auf deren Belastungen keine Rücksicht. Immerhin habe er Hoffnung, dass sich im Zuge einer pandemischen Entspannung auch der Spielplan entzerre. Bevor sich Trainerstab und Mannschaft in alle Winde zerstreuten, wurde die Königspersonalie noch auf den Weg gebracht, wie Marko Pesic der SZ bestätigte. Zwar wird Co-Trainer Adriano Vertemati die Bayern nach einer Saison verlassen, um den Chefposten beim italienischen Erstligisten Varese anzutreten, aber Andrea Trinchieri wird den Bayern erhalten bleiben - es werde wohl auf einen Zweijahresvertrag mit Option auf ein weiteres Jahr hinauslaufen. Der nächste Schritt ist schon getan.

© SZ
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